Ein Skandal, der Leben gefährdet

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Grobes Foul an Tom LüthiEin Skandal, der Leben gefährdet

Tom Lüthi wurde beim Saisonstart durch eine gezielte Attacke von Marc Marquez um den Sieg gebracht. Einmal mehr kommt der Spanier ungestraft davon.

Klaus Zaugg
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Klaus Zaugg

Marc Marquez drängt Thomas Lüthi in der letzten Runde von der Strecke. (Video: YouTube)

Der Spanier Marc Marquez (19) hat Tom Lüthi eingangs der letzten Runde im Kampf um den Sieg von der Piste gedrängt und so um den Sieg beim GP von Katar gebracht (es reichte noch zu Platz 5). Mit einer gezielten Aktion. Es war Raum und Zeit genug, um den Zwischenfall zu vermeiden. Das zeigen auch die TV-Bilder: Marc Marquez kontrolliert die Situation von A bis Z. Er befindet sich nie in einer Notlage, die kein anderes Handeln zulassen würde. Deshalb ist es eine der übelsten Aktionen, die wir im internationalen Motorradrennsport in den letzten Jahren gesehen haben.

Der GP-Zirkus ist keine Welt mit getrennten Gewalten, kritischen Medien und unabhängigen Sportgerichtsbarkeiten. Sieben von zehn Protagonisten sind ständig knapp bei Kasse. Kritische Stimmen der Teamchefs und Polemik grundsätzlicher Natur gibt es nur dann, wenn keine spanischen Interessen tangiert werden. Vermarktet wird der GP-Zirkus von Dorna, einem spanischen Unternehmen, das alle TV- und Werberechte hält. Gemanagt wird der GP-Zirkus von Carmelo Ezpeleta, einem Spanier. Der wichtigste Geldgeber im Zirkus ist Repsol, ein spanischer Erdölkonzern. Zwei Drittel der investierten Gelder kommen direkt oder indirekt aus Spanien. Vier von 17 Rennen werden in Spanien ausgefahren (Jerez, Barcelona, Aragon, Valencia). Mut und Talent sind wichtig. Geld ist wichtiger. Denn anders als im Fussball oder im Eishockey hat der talentierteste Sportler keine Chance, wenn er kein Geld hat. Ja, ohne Geld kann er seinen Sport nicht einmal ausüben. Also gilt es, mit den Wölfen des Kapitals und der Macht zu heulen.

Der wahre Skandal

Deshalb sagt niemand offen und direkt, was die Aktion des Spaniers Marc Marquez, alimentiert vom spanischen Erdölkonzern Repsol, wirklich ist: Ein grobes Foul. Jenseits aller Limiten. Die willfährige Operetten-Renndirektion taxiert es als Aktion am Limit. Aber nicht über dem Limit, und auf die Frage, welche Entscheidung gefällt worden wäre, wenn sein Fahrer gestürzt wäre, bekam Tom Lüthis Manager Daniel M. Epp keine Antwort. Das Foul von Marquez bleibt ungeahndet und zieht keinerlei Sanktionen nach sich – weder eine Disqualifikation (was die richtige Strafe gewesen wäre) noch eine Busse. Und das ist der wahre Skandal. Ein Skandal, der Leben gefährdet.

Mit einer Sanktion, selbst wenn es nur eine Busse gewesen wäre, hätte die Renndirektion gleich zum Auftakt der Saison ein Zeichen gesetzt: So nicht! Und die Gemüter beruhigt. Fouls werden auch in anderen Sportarten übersehen. Im Fussball, im Eishockey. Und was ist die Folge von ungeahndeten Fouls? Richtig: Revanchefouls. Die sind ärgerlich und provozieren Polemik. Im Motorrad-Rennsport wären Revanche-Fouls hingegen tödlich.

Renndirektion nimmt tödliche Stürze in Kauf

Der Motorrad-Rennsport wird in der Todeszone ausgetragen. 2010 hat Shoya Tomizawa (Moto2) sein Leben verloren, 2011 ist Marco Simoncelli (MotoGP) tödlich verunglückt. Beide sind nach Stürzen überfahren worden. Die Asphaltcowboys wissen um die Gefährlichkeit ihres Berufes. Gegenseitiger Respekt ist heilig und die Überlebensgrundlage draussen auf der Piste. Deshalb gehen selbst halsbrecherische Manöver glimpflich aus. Dieser Respekt bedeutet: Niemals ohne Not eine Aktion, die den Gegner gefährden könnte. Niemals eine gezielte Attacke. Aber genau das hat Marquez getan: Er hat ohne Not mit seinem Manöver Tom Lüthi gefährdet. Eine Renndirektion, die so etwas duldet, nimmt in Kauf, dass Leben gefährdet werden. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

In diesem Sport sind kühler Verstand und höchste Konzentration Überlebensgrundlagen. Es geht um die richtige Reaktion in Sekundenbruchteilen. Emotionen sind in diesem Geschäft tödlich. Das üble Foul von Marc Marquez aber weckt Emotionen im Fahrerlager. Weil sein Verhalten von der Renndirektion geduldet wird. Es war nicht seine erste solche Aktion. Legendär ist sein Zusammenstoss mit dem Schweizer Randy Krummenacher im 125er-Rennen beim GP von Aragon vor zwei Jahren. Krummenacher wurde disqualifiziert, der Spanier ging straffrei aus. Bei der Konkurrenz wächst der Unmut über den Spanier. Darf er sich mit der Rückendeckung der «spanischen Mafia» ungestraft alles erlauben? Es müsste im obersten Interesse der Renndirektion liegen, durch klare Signale gegen fehlbare Piloten solche negativen Emotionen schon gar nicht aufkommen zu lassen.

Tom Lüthi weiss jetzt, was ihn in dieser Saison erwartet. Welcher Preis ein Schweizer zu zahlen hat, wenn er die grösste Nachwuchshoffnung des allmächtigen Töff-Spanien im Kampf um den zweitwichtigsten WM-Titel herausfordert. Wenn er einen kühlen Kopf bewahrt, wird er diese grösste Herausforderung seiner Karriere meistern. Und es wäre keine Überraschung, wenn Marquez schon bald einmal während eines Trainings von einem Konkurrenten versehentlich von der Piste gedrängt würde. Wenn die Funktionäre nicht dafür sorgen, dass die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze dieses Sportes eingehalten werden, dann werden es die Asphaltcowboys schliesslich selber tun – und genau das darf nicht sein. Weil es tödlich enden kann.

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