Als Karl Meli trotz Knockout König wurde

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SchwingfestAls Karl Meli trotz Knockout König wurde

Beim Eidgenössischen Schwingfest wurde das Reglement nicht immer eingehalten. 1961 in Zug passierte ein Skandal – nur gab es das Wort damals im Schwingen noch nicht.

Klaus Zaugg
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Klaus Zaugg

Die Könige der Neuzeit nehmen wir alle als Titanen wahr. Auch durch die Beschreibungen und Abbildungen in den Medien: Rudolf Hunsperger, Ernst Schläpfer, Jörg Abderhalden und Kilian Wenger erscheinen zu Recht als Giganten.

Doch einer war noch eine Nummer grösser. Der erste Titan, der das Schwingen 22 Jahre lang geprägt hat: Karl Meli. Von seinem ersten Eidgenössischen 1956 bis zu seinem Rücktritt 1978 im Alter von 40 Jahren hat er bei 125 Kranzfesten nur einmal den Kranz verpasst – weil er verbotenerweise den Kampfrichtern über die Schultern aufs Notenblatt guckte und dafür mit einem Punkteabzug bestraft wurde.

Meli startet durch

1956 betritt Meli die Bühne beim Eidgenössischen in Thun mit einem Paukenschlag. Er gewinnt mit 18 den ersten von neun Eidgenössischen Kränzen. Bei neun Eidgenössischen steigt er 72-mal ins Sägemehl. Er gewinnt 51 Gänge, verliert nur 6, 15 enden gestellt. 1961 in Zug und 1964 in Aarau wird er König. 1966 verliert er den Schlussgang gegen Rudolf Hunsperger.

Karl Meli hatte die Statur eines Titanen. 120 bis 130 Kilo ideal verteiltes Gewicht. Diese mächtige Postur hielt er über mehrere Schwingergenerationen hinweg in Topform. 22 Jahre lang hiess es für seine Gegner: Ein Gestellter ist ein Achtungserfolg, an einen Sieg ist nicht zu denken, gegen keinen anderen Schwinger sind Gestellte so gefeiert worden wie gegen Karl Meli.

Meli bleibt benommen liegen

Da war noch etwas: Er war, weil immer sportlich, immer korrekt, immer fair, auch der Liebling der Funktionäre, ein Gralshüter des Schwingens. Er genoss viel politischen Rückhalt. Auch deshalb ist keiner unter so dramatischen Umständen König geworden wie der Winterthurer 1961 in Zug. Er wurde nur König, weil das Reglement nicht eingehalten wurde.

Und das kam so: Im dritten Gang am Samstag setzte er gegen den zähen Muotathaler Josef Schelbert seine gewaltige Kraft in einem Kurzzug frei. Der Wurf gelingt zu gut: Karl Meli bleibt zwar oben. Doch er schlägt mit dem Kopf heftig auf dem Boden auf und bleibt – nach klarem Sieg – benommen liegen.

Helfer eilen herbei, das Schlimmste befürchtend. Sie heben den Titanen, der soeben einen Kampf gewonnen hat, auf eine Bahre und tragen ihn aus der Arena. Wenig später wird gemeldet, dass Karl Meli zum vierten Gang am Samstag nicht mehr antreten kann. Streng genommen bedeutete dies das Aus. Denn das Reglement schreibt klar vor, dass jeder Schwinger am Samstag vier Gänge zu absolvieren hat. Es gibt keine Ausnahme.

Die Bevorzugung

Sensation: Der grosse Favorit auf den Königstitel ist gescheitert. Durch K. o. nach Sieg. Am Samstagabend werden heftige Diskussionen geführt. Nun ist sicher, dass dem Titanen nichts fehlt, dass er nur kurz benommen war. Sollte er wirklich um die Chance geprellt werden wegen des Reglements? Die Sache kommt vors Einteilungskampfgericht, das noch nie über einen solchen Fall hatte befinden müssen und es seither auch nie mehr musste – Vorschrift gegen gesunden Menschenverstand.

Der Entscheid fällt schliesslich zugunsten von Karl Meli. Er darf am Sonntagmorgen den vierten Gang nachholen und weitermachen. Nach Siegen über Theo Inderbitzin, Albert Pollinger, Christian Egli, Otto Häni und Karl Oberholzer wird er 1961 zum ersten Mal König. Der erste und einzige König, der am Sonntag fünf Gänge bestreitet.

Ein hochstehendes Duell

Karl Melis Schlussgang gegen den entfesselten Karl Oberholzer – er hat Titelverteidiger Eugen Holzherr zuvor die erste Niederlage seit fünf Jahren beigebracht – ist als einer der besten in die Geschichte eingegangen. Karl Oberholzer trat in Hochform gegen Meli an. Von einer verhaltenen Phase des Abtastens wollte er nichts wissen. Aber Meli parierte die erste Kurz-Gammen-Salve. Frisch in den Griffen ging er zur Attacke über. Ein gewaltiges Risiko. Denn die Gammen-Parade (Konter) Karl Oberholzers sind gefürchtet. Doch in diesem entscheidenden Gang kommt sie zu spät.

Karl Melis ungestümer, risikoreicher Angriff führt zum platten Sieg. Ein kurzer Schlussgang von zweieinhalb Minuten. Karl Meli ist König. 1964 verteidigt der Winterthurer seinen Titel im Schlussgang gegen Alois Boog. Nach einem Gestellten zum Auftakt gegen Kurt Schild gewinnt er alle Gänge. Es scheint, als könne er drei, vier Königstitel holen. Aber beim Eidgenössischen 1966 in Aarau erleidet er im Schlussgang die spektakulärste Niederlage seiner Karriere.

Bleibt noch die Frage: Wäre heute, unter den Augen der TV-Kameras und mehr als hundert Chronistinnen und Chronisten, eine Verletzung der Reglemente wie 1961 möglich? Wahrscheinlich nicht. Im Wissen um das immense Medieninteresse und die TV-Direktübertragungen würde wohl nicht mehr voreilig das «Aus» und der Verzicht auf den vierten Gang am Samstag vermeldet.

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