Die fatalen Qualitäten des Shannon Briggs

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SchwergewichtDie fatalen Qualitäten des Shannon Briggs

Der Amerikaner hielt gegen Vitali Klitschko 12 Runden durch, bezahlte aber einen hohen Preis. Wie lange darf man zusehen, wenn ein Boxer krankenhausreif geprügelt wird?

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Highlights Klitschko vs. Briggs. (Quelle: Youtube)

Noch lange nach Mitternacht genoss Vitali Klitschko auf der VIP-Party das Interesse und den Rummel um seine Person. Immer wieder posierte er für die Kameras und mit seiner geschwollenen, schmerzenden rechten Hand schrieb er im Blitzlichtgewitter unzählige Autogramme. Bis in die frühen Morgenstunden liess sich «Dr. Eisenfaust» als alter und neuer Weltmeister im Schwergewicht feiern.

Sein Gegner Shannon Briggs hingegen war in seiner Garderobe immer noch umringt von Sanitätern und einem Notarzt. Mit Blaulicht musste der schwer verprügelte Herausforderer schliesslich ins Krankenhaus gefahren werden. Blut und Schmerzen hatte Klitschko dem Rasta-Mann als Quittung für dessen grosse Klappe versprochen und seinen Worten auch Taten folgen lassen. Bei Briggs, der insgesamt 302 Kopftreffer kassiert hatte, wurden eine Gehirnerschütterung, Frakturen unter dem rechten und dem linken Auge und ein Sehnen- und Muskelriss im rechten Arm diagnostiziert. Nach einer Kernspin-Untersuchung konnte eine Gehirnblutung ausgeschlossen werden und mittlerweile soll Briggs auch wieder ansprechbar sein.

Boxen am Rande des Totschlags: Warum nahmen die Betreuer Briggs nicht schon längst aus dem Kampf? Wie lange darf man zusehen, wie der eigene Schützling fast zu Tode geprügelt wird? «Ich hätte ihn in solch einer Situation spätestens nach der zehnten Runde herausgenommen», sagte Klitschko-Trainer Fritz Sdunek nach dem Kampf. «Es tut weh, wenn da so brutale Menschen in der Ecke sitzen, die nicht einsehen wollen, dass ihr Kämpfer keine Chance mehr hat.» Briggs-Trainer Herman Caicedo wollte den Kampf einfach nicht aufgeben, hoffte auf einen Lucky Punch. Vergebens. Briggs taumelte in den letzten Runden nur noch und blutete immer wieder stark durch Nase und Mund.

Ringrichter: «Richtig, den Kampf laufen zu lassen»

«Nach der sechsten Runde hatte ich Angst um Briggs. Ich hätte zum Abbruch geraten», sagte Ringarzt Dr. Stephan Bock nach dem Kampf. Dafür aber hätte er vom Ringrichter zurate gezogen werden müssen. Dieser sah Briggs aber bis zum Ende als kampffähig an. «Es war richtig, den Kampf laufen zu lassen», so der Referee. Hätte Briggs am Ende einer Runde jeweils ein bis zwei Treffer mehr kassiert, ohne zu reagieren, hätte der Ringrichter einschreiten müssen. Briggs aber schlug noch zurück. So legte zumindest Lewis die hin und wieder nach vorn zuckenden Fäuste des Amerikaners aus. «Das war eine Schwergewichts-Weltmeisterschaft», rechtfertigte sich der Ringrichter. «Das sind harte Jungs, und solange ein Mann zurückschlägt, musst du ihm eine Chance lassen.»

Briggs zeigt über die zwölf Runden unglaubliche Nehmerqualitäten und steckte die harten Schläge Klitschkos immer wieder weg. Anstatt K.o. zu gehen, wurde der Mann aus Brookyln «warm geschlagen». Eine kuriose Formulierung mit medizinischem Hintergrund. Durch die vielen Treffer war der Adrenalinspiegel von Briggs extrem hoch und er kämpfte quasi im Überlebensmodus, setzt ungeahnte Kräfte frei. So wurde es noch schwieriger für Klitschko, den Amerikaner auszuknocken. Auch zum Leidwesen von Briggs. Ihm drohen mehrere Operationen. Klitschko-Trainer Sdunek ahnt: «Briggs wird nach diesen vielen Schlägen nicht mehr derselbe sein.»

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