Obduktions-Ergebnis«Knuts Leiden war für Ärzte nicht erkennbar»
Noch ist unklar, welches Virus Knuts Gehirnentzündung auslöste. Ein Experte erklärt, was vermutlich zum Tod des Polarbären führte und warum das Tier lange keine sichtbaren Krankheitssymptome zeigte.
Er war der populärste Polarbär der Welt. Mit nur vier Jahren erlitt das Tier im Berliner Zoo einen Anfall, stürzte in das Wasserbecken seines Geheges und ertrank. Nun ist klar: Ein Virus führte zu einer Gehirnentzündung und letztlich zum Tod des Raubtiers. 20 Minuten Online befragte den Veterinärmediziner und Zootier-Experten Marcus Clauss von der Universität Zürich zu Knuts Todesursache.
20 Minuten Online:
Herr Clauss, der berühmteste Polarbär der Welt ist seziert worden. Wie geht man als Veterinärmediziner vor, um die Todesursache bei einem Tier festzustellen?
Marcus Clauss:
Zunächst schaut man sich die Krankengeschichte des Tiers an – sie könnte einen Hinweis auf die Todesursache liefern. Dann wird der Kadaver äusserlich genau inspiziert, bevor er geöffnet wird. Jedes Organ wird dann zunächst äusserlich betrachtet und auf Veränderungen untersucht und beprobt. An diesen Proben erfolgt eine mikroskopische Untersuchung der Organe. Weiterführende mikrobiologische Untersuchungen sollen Aufschluss darüber geben, ob Viren, Bakterien, Pilze oder andere Erreger zum Tod des Tiers geführt haben könnten.
Der tote Knut soll sogar in einem Computertomographen untersucht worden sein …
Bildgebende Verfahren kommen bei einer Sektion normalerweise nicht zum Einsatz. Vermutlich wollte man beim Obduktionsergebnis sichergehen, nichts übersehen zu haben – schliesslich war Knut sehr populär.
Offenbar litt der Bär an einer Infektion. Das Gehirn wurde wohl durch eine Entzündung angegriffen, auch das Rückenmark war geschädigt. Was muss man sich darunter vorstellen?
Hier sind grundsätzlich zwei Szenarien denkbar: Entweder, der Erreger hatte die Rückenmarkszellen und die Gehirnzellen direkt angegriffen. Durch diesen Prozess wäre es dann zu einem derart massiven Verlust von Hirnzellen gekommen, dass Knut Ausfallerscheinungen erlitten hatte.
Und die andere Möglichkeit?
Es kann sein, dass durch den Erreger eine Entzündung entstanden ist. Geschieht so etwas im Gehirn, schickt der Körper Abwehrzellen zum Entzündungsherd – es kommt zu einer Schwellung. Die könnte den Abfluss der Hirnflüssigkeit behindert und zu einem ansteigenden Druck im Gehirn geführt haben. Je nach betroffener Hirnregion kann es dann – so könnte es bei Knut gewesen sein – zu Anfällen kommen.
Welche Erreger können zu einer Gehirnhautentzündung bei Polarbären führen?
Das ist schwer zu sagen – meines Wissens gibt es keine Viren, die Polarbären im Speziellen beeinträchtigen können. Die Presseberichte geben Hinweise darauf, dass Anzeichen gefunden wurden, die auf eine Viren-Infektion schliessen lassen. Da die Untersuchungen weiter andauern und wir uns auf Spekulationen stützen, lässt sich hierzu aber keine eindeutige Aussage machen.
Sind Polarbären im Zoo besonders häufig von Infektionen betroffen?
In freier Wildbahn leben die Tiere normalerweise in anderen Klimazonen. Das kann sie anfälliger für Erreger machen, die es in ihrem ursprünglichen Lebensraum nicht gibt.
Knut erlitt einen schweren Anfall, fiel danach ins Wasser und starb. Wieso blieb so lange unbemerkt, wie schwer der Polarbär erkrankt war?
Tiere zeigen häufig über längere Zeit keine Krankheitsanzeichen. Sie markieren Stärke, um sich gegenüber anderen Raubtieren nicht angreifbar zu machen. Selbst wenn Knut über längere Zeit Schmerzen gehabt hätte, wäre das für die Pfleger und Ärzte nicht unbedingt erkennbar gewesen. Vermutlich war es der erste sichtbare Anfall, der dann zu seinem Tod führte.
Wie hätte man Knut helfen können, wenn die Diagnose frühzeitig erfolgt wäre?
Man hätte vielleicht versuchen können, die Schwellung durch Medikamente zum Abklingen zu bringen. Wenn ein Virus ursächlich ist, lassen sich nur die Schädigungen behandeln, die der Erreger verursacht hat. Allerdings muss man bedenken, dass das Tier ständig für Untersuchungen hätte narkotisiert werden müssen. Dadurch wäre der Bär immer wieder unter Stress gesetzt worden.
Apropos Stress: Die Pathologin erklärte, es gäbe keine Hinweise darauf, dass übermässiger Stress zu Knuts Tod führte. Lässt sich das überhaupt im Nachhinein feststellen?
Bei Stress wird die Produktion von Stresshormonen (wie Adrenalin) in der Nebenniere angeregt. Wenn das dauerhaft geschieht, kann sich die Nebenniere vergrössern. Das wäre also ein Anzeichen dafür gewesen, dass das Tier dauerhaft unter grosser Anspannung stand – was bei Knut offenbar nicht der Fall war.