Neue BehandlungPolio-Virus lässt Krebs verschwinden
Polio-Viren sind hochansteckend und führen unbehandelt zu bleibenden Lähmungen oder gar zum Tod. Doch sie können auch Leben retten.
Neue Hoffnung für Krebspatienten schüren Forscher der Duke-Universität im US-Bundesstaat North Carolina. Sie berichten, dass mithilfe von modifizierten Polio-Viren selbst aggressive Tumore zum Verschwinden gebracht werden können.
In ihrer Studie hatte das Team um Annick Desjardins insgesamt 22 Erkrankte mit der experimentellen Methode behandelt: Zwar erlagen elf Patienten ihrem Leiden, doch bei immerhin zweien verschwand der Krebs, wie CBS News berichtet.
Krebsfrei nach 21 Monaten
Bei einer der Geheilten handelt es sich um Stephanie Lipscomb, bei der 2011 im Alter von 20 Jahren ein tennisballgrosser Tumor hinter dem linken Auge entdeckt worden war. Zwar liessen Bestrahlung und Chemotherapie die bösartige Geschwulst weitestgehend verschwinden. Doch bereits im Jahr darauf war der aggressive Krebs – ein sogenanntes Glioblastom – zurück.
Weil sie nichts mehr zu verlieren hatte, willigte sie in eine noch nie am Menschen getestete Therapie ein. Und so injizierten ihr die Ärzte im Mai 2012 den modifizierten Polio-Virus direkt ins Gehirn – in der Hoffnung, ihr ein wenig mehr Lebenszeit zu ermöglichen.
Polio-Infektion weckt das Immunsystem
Dass diese Methode ihr helfen würde, den Krebs zu besiegen, dachte damals niemand. Doch genau das traf ein: Gut 21 Monate nach dem Eingriff war Lipscomb krebsfrei – und sie ist es bis heute.
Doch wie ist das möglich? «Alle Krebsarten entwickeln eine Art Schild, der den Tumor für das Immunsystem unsichtbar macht», erklärt Matthias Gromeier im Interview mit CBS News. Dieser Schutzmechanismus lasse sich jedoch durch eine Infizierung mit dem Polio-Virus aushebeln: «Der Körper erkennt zwar nicht den Tumor, dafür aber die Infektion – und beginnt diese zu bekämpfen.» Und damit den Krebs.
Was ist Polio?
Polio (Poliomyelitis epidemica anterior acuta), auch Kinderlähmung genannt, ist eine von Polioviren hervorgerufene Infektionskrankheit, die die muskelsteuernden Nervenzellen des Rückenmarks befällt und zu bleibenden Lähmungserscheinungen bis hin zum Tod führen kann. Da keine ursächliche antivirale Therapie existiert, beschränkt sich die Behandlung auf symptomatische Massnahmen. Dazu gehören Bettruhe, korrekte Lagerung und physikalische Therapie. Die auftretenden Schmerzen können mit Schmerzmitteln, Entzündungshemmern und mit feuchtwarmen Packungen gelindert werden. Während die Erkrankung in unseren Breitengeraden aufgrund konsequenter Impfung als ausgerottet gilt, kam es zuletzt in Ländern wie Kamerun, Pakistan und Syrien zu Ausbrüchen.