Tagebuch eines Pädophilen

Aktualisiert

Der Fall Hans G.Tagebuch eines Pädophilen

Er steigt aus, bevor das Herz aussteigt, wandert nach Brasilien aus. Er bricht alle Kontakte in die Schweiz ab, ist hilfsbereit, beliebt. Bis er ermordet wird. Und seine Agenden gefunden werden.

Ruedi Leuthold
von
Ruedi Leuthold

Die Polizei von Arraial d'Ajuda im Süden von Bahia, Brasilien, stiess auf das Tagebuch von Hans G. zusammen mit dem Pass, der ihn als 70-jährigen Schweizer auswies, nachdem sie seinen nackten Körper, schon im Stadium der Verwesung, im Badezimmer gefunden und ordentlich fotografiert hatte. G. war mit sieben Messerstichen getötet worden, vier von hinten, dann musste er sich umgedreht haben, nochmals drei von vorne, jeder einzelne Stich war nicht heftig genug, um den Tod herbeizuführen, aber gesamthaft waren sie ausreichend, um den Mann verbluten zu lassen. Sehr wahrscheinlich war die Tat am Wochenende des 19./20.  Juni 2010 verübt worden, aber die Haushälterin hatte ihn erst am darauffolgenden Donnerstag gefunden. Die Tür war nicht aufgebrochen, der Fernseher auf einen Pornokanal eingestellt. Ein Messer aus der Küche des Schweizers war die Tatwaffe, und aus all den Spuren schloss Staatsanwalt Rafael Zanini, der vor einiger Zeit aus dem bergigen Belo Horizonte an die sonnige Ferienküste gekommen war, dass Täter und Opfer sich gekannt haben mussten.

Arraial d'Ajuda ist ein schmuckes Städtchen mit kolonialer Vergangenheit; ganz in der Nähe setzten portugiesische Seefahrer ihre ersten Schritte auf das Land, das später Brasilien genannt wurde. Die Eroberer liessen eine Kirche und einige jesuitische Missionare zurück, bevor sie weiterzogen, um ihr legendäres Eldorado zu finden. Die Gegend lebte auf mit dem Kakao-Boom Ende des 19. Jahrhunderts, als aber ein Pilz den Ertrag schmälerte, war Arraial d'Ajuda wieder nichts als ein armes Fischerdorf, ein paar Bauern in der Umgebung. Mit ihrem Gespür für schöne Strände und billige Übernachtungsmöglichkeiten entdeckten in den 60er Jahren die Hippies den Ort, der alsbald Aussteiger aus der ganzen Welt anzog und mit ihnen die Kinder reicher Brasilianer aus den Grossstädten, die sich ein bisschen Abenteuerferien leisteten. Nicht ganz ohne Berechtigung nennt das lokale Tourismusbüro Arraial d'Ajuda heute «die Ecke der Welt». Arme und Reiche, Brasilianer und Ausländer fallen sich hier zwar nicht gerade in die Arme, aber unter der tropischen Sonne, getröstet von Palmen und Meer, unterscheiden sich ihre Träume vom süssen Glück vielleicht gar nicht besonders. Auch wenn jeder auf seine Art daraus erwacht.

Hans G. hat sich seinen Mord hart verdient

Hans G. war 1990 vom bernischen Burgdorf nach Brasilien ausgewandert, und wenige Wochen danach hatte er begonnen, Tagebuch zu führen; jeden Tag eine Seite, beginnend meistens mit einem Eintrag über das Wetter, endend mit einer Auflistung der Ausgaben, die tagsüber angefallen waren. Dazwischen schrieb er, was er kochte, welche Medikamente er einnahm, wen er liebte und wen er hasste. Meistens war es so, dass er jemanden erst liebte und danach hasste. Aber Untersuchungsrichter Zanini konnte die Tagebücher, auf Deutsch geschrieben, nicht lesen, und deshalb fragte er Rodolfo Z. um Hilfe. Rodolfo Z., gelernter Konditor, war als Vertreter grosser Teigmaschinen in der ganzen Welt herumgekommen, bevor ihn der Zauber Bahias gefangen nahm. Zuerst hatte er es mit einer Kaffeefarm versucht, dann am Strand von Arraial eine Bar übernommen. Jetzt lebt er von der Altersvorsorge. Rodolfo war zusammen mit Hans in Burgdorf aufgewachsen, und um den Jugendfreund zu besuchen, war Hans G. nach Brasilien gekommen. Hier hatten sie sich zerstritten und lieber als sie zu lesen und zu übersetzen, hätte Rodolfo Z. die Bücher mit all ihrem schrecklichen Inhalt verbrannt. Als die Polizei kein Geld aufbringen konnte, um die Arbeit zu bezahlen, stellte er die Lektüre dann auch ein.

Ich befand mich zufällig in Arraial d'Ajuda, als ich von dem Mord und der Existenz der Tagebücher vernahm. Ich begann darin zu lesen, neugierig, etwas über einen Mann zu erfahren, der mit 50 Jahren eine Kaderposition in der pharmazeutischen Industrie aufgegeben hatte, um nach Brasilien auszuwandern. Jetzt weiss ich viel mehr über Hans G., der sich in Brasilien Jean Pierre nannte, als ich je wissen wollte, und ich glaube aufgrund seiner täglichen Aufzeichnungen auch zu wissen, wer ihn umgebracht hat. Nur erscheint das nicht mehr so wichtig, wenn man die knapp 7000 Seiten der 19 ledergebundenen Agenden – 1992 fehlt – durchgelesen hat. Hans G. hat sich seinen Mord hart verdient.

Als er starb, organisierten die Bewohner von Vale Verde, einem kleinen Dorf etwa 30 Kilometer von der Küste entfernt, wohin sich der Mann in seinen letzten zehn Jahren zurückgezogen hatte, auf eigene Kosten das Begräbnis, kauften einen Sack Zement, um ihm auf dem Friedhof der Gemeinde ein würdiges Grab zu bereiten.

Der Friedhof ist verwildert, man ahnt die Armut, die ins Dorf gezogen ist; die jüngsten Gräber bestehen aus kaum mehr als Erdhaufen, und Hans G. muss froh sein um die holprige Zementplatte, die sein Grab bedeckt. Bibito, der Dorfbäcker, der mich zum Grab führt, hat, um nicht einen falschen Namen zu setzen, bloss das vermutliche Todesdatum in den Stein geritzt. Der Schweizer war hier für alle unter dem Namen Jean Pierre bekannt, aber Bibito wusste, dass die Stromrechnungen auf den Namen Hans ausgestellt waren, also wollte er vermeiden, dass wegen eines falschen Namens im Dies- oder Jenseits irgendwelche Scherereien entständen.

Raimunda, die Frau des Dorfbäckers, beginnt jetzt zu weinen. G. hatte dem Bäcker das Geld für einen neuen Backofen vorgeschossen, ohne dafür, wie sonst üblich, einen horrenden Zins zu verlangen, und an Weihnachten hatte er ihr eine Agenda geschenkt, die gleiche, die er für sich benützte und in die er jeden Tag schrieb, was ihn bewegte. «Wissen Sie», sagt Bibito, «man kann mir jetzt vieles erzählen, was da alles drinsteht, aber ich glaube kein Wort davon. Jean Pierre war für mich ein guter Mann, und das ist und bleibt in meinem Herzen eingeschrieben, und der Rest ist nicht wahr.» Auch Vanderlei, ein Kleinbauer mit mehr Kindern als Milchkühen, der Hans G. Käse brachte und ihm kleine Gartenarbeiten verrichtete, spricht von dem ermordeten Schweizer nur mit grösster Dankbarkeit: «Der einzige Mensch in meinem Leben», sagt er, «der mir je Vertrauen entgegenbrachte.»

10 145 ungeklärte Morde

Einmal sassen sie zusammen in der düsteren Dorfkneipe, als einer der Trinker den Schweizer als schwule Sau bezeichnete. Der schoss sofort zurück: «Nur weil ich deine Frau nicht gevögelt habe, hältst du mich für schwul?», und fortan schien dem Bauern klar, dass ein solcher Mann unmöglich einer Verirrung verdächtigt werden konnte, die allem widersprach, was er als natürlich und gottgegeben erachtet. Alle Gerüchte, die im Dorf hin und wieder herumgeboten wurden, bezeichnete er daraufhin als dummes Geschwätz.

In der Woche, bevor sein Patron starb, gab Hans G. seinem Gehilfen Vanderlei den Auftrag, in der nahegelegenen Stadt Eunapolis sechs Flaschen Whiskey zu kaufen. Ein Bekannter lieferte die Bestellung am Samstag ab. Am Montag aber, drei Tage bevor die Leiche gefunden und der Mord publik wurde, wurden dieselben Flaschen bereits im Dorf wiederverkauft.

Untersuchungsrichter Zanini gelang es, eine der Flaschen zu beschlagnahmen, die vermutlich von dem oder den Mördern aus dem Haus gestohlen worden waren. Er schickte sie zur Untersuchung der Fingerabdrücke in die Bundeshauptstadt Salvador, aber nach knapp einem Jahr hat er die Auswertung noch nicht bekommen; es gibt laut seiner Auskunft im ganzen Bundesstaat Bahia nur ein einziges daktyloskopisches Institut. Und 10  145 ungeklärte Morde zwischen 1990 und 2007.

«Emotionsloses Frustpäckli»

Arraial d'Ajuda liegt 729 Kilometer südlich von Salvador, 1555 Kilometer von der Hauptstadt Brasilia entfernt und 1132 Kilometer von Rio de Janeiro, und diese Distanz zu den wichtigen Autoritäten des Landes trug, nebst einer Temperatur, die kaum je unter 25 Grad sinkt, zum angenehmen Klima bei, das die Hippies zum Bleiben einlud. Hier konnten sie ungestört paffen und sich mit ein paar geschickten Schmuggelaktionen sogar ein kleines Grundstück kaufen. Auch zum Dutzend, das die Schweiz vertritt in dieser charmanten Ecke der Welt, gehören einige Alt-Hippies. Eva, Gärtnerin aus dem Kanton Solothurn, war schon in Indien, bevor sie mit ihrem Freund nach Brasilien kam. Eines Tages kehrte er nicht mehr vom Fischen zurück, erst Wochen später wurde sein leeres Boot angeschwemmt. Eva schwor den Drogen ab, und jetzt führt sie eine kleine Bar, wo sie Rösti anbietet und die Bratwürste, die Landsmann Kurt, gelernter Mechaniker, mit einer Wurstmaschine, die ihm sein Vater ins Land geschmuggelt hat, jeden Donnerstag abfüllt – mit so viel Wasser drin, dass man damit, wie Kenner behaupten, zugleich den Durst löschen kann.

Eine Zeit lang, nach dem Tod ihres Freundes, als sie kein Geld mehr besass und zu stolz war, um in die Schweiz zurückzukehren, war sie froh, bei G. hin und wieder als Putzfrau arbeiten zu können. «Jean Pierre war ein guter Mann», ist sie überzeugt, «jedes Mal, wenn ich kam, hat er mir Kartoffelstock gekocht. Weil er wusste, dass ich das so sehr mag.» Auch die andern Schweizer, zu denen einige Pensionäre zählen, ahnten nichts davon, dass G. ein Doppelleben führte. Sie kannten ihn als etwas menschenscheuen, aber angenehmen Geniesser; der Mann war politisch interessiert (eher links), und gerne versorgte der gelernte Drogist die Gemeinde mit medizinischem Rat. Nur Dora Grimm, die zusammen mit ihrem Mann Peter nach Arraial gekommen war, und jetzt, da sich das Leben als Selbstversorgerin als zu schwierig herausstellte, ein kleines Hotel führt, ging ihm wenn immer möglich aus dem Weg. Sie empfand G.s Aufmerksamkeit als klebrig und mochte seine onkelhafte Zuneigung nicht. G., aufmerksam wie nur einer, der viel zu verbergen hat, musste die Abneigung bemerkt haben. Am 27.9.98 schrieb er in das Tagebuch: «Traf Dorli am Strand, emotionsloses Frustpäckli.» Auch zu seinem Jugendfreund Rodolfo Z. war das Verhältnis gespannt und von Abneigung geprägt. «Er sass da, ass, trank, furzte und ging.» Aber in die Brüche ging die Freundschaft erst, als Hans G. gestand, dass er in Brasilien Freude auch an Männern gefunden hatte.

Hans G. wollte eine Spur hinterlassen

Für Rodolfo kam das Geständnis einem Verrat gleich, waren sie beide doch in ihrem Heimatstädtchen berühmt gewesen als «Player», wie das in den 60er Jahren hiess, Männer eben, die auf Frauen und schnelle Autos standen, genau die Vorlieben, welche die Lebensgeister des 73-jährigen Rodolfo im Süden Bahias bis heute beflügeln, nicht ganz ohne Mithilfe von ein bisschen Chemie.

1991 kam G. in Rio de Janeiro an, «700 Jahre Schweiz sind genug», und hielt sich, wie aus seinen Aufzeichnungen hervorgeht, zuerst an die Angebote, die in den lokalen Zeitungen erschienen, «Patricia, linda morena, 18», am 16.3., «Vanessa, Kätzchen, 1,55 m» am 18.3., Taina, Gisele und Ana Maira am 22.3. Rasch machte er es sich zur Gewohnheit, seine Gespielinnen zu benoten. «Marcia, nette Anfängerin», «Andreia, nette Stimme, eher träge. Kein Hit», «Grace, für die Füchse, habe sie nach dem Vorspiel nach Hause geschickt. Mit Geld für Taxi», «Christine. Kann nicht zuhören. Ist nur auf ihr eigenes Schicksal fixiert», «Ilmara. Schnarcht wie ein Nilpferd. Habe ganze Nacht kein Auge zugemacht».

Aber was mochte ihn im reifen Alter dazu getrieben haben, jeden Tag schriftlich sein Leben nachzuführen? Am 25.7.04, nach der Nacht mit einem jugendlichen Liebhaber, schrieb G.: «Heute singe ich so ein Tag, nein, ich schreie es und sage mir ‹Was sind die Alten blöde, können nur noch davon träumen, ohne es erlebt zu haben.› Das wird man von mir einmal nicht sagen können!» Vielleicht ist das die Antwort. G. hatte alle Kontakte in die alte Heimat abgebrochen. An seine eigene Familie erinnerte er sich mit Hass und Verachtung. Seine Freunde in Arraial kannten ihn als etwas scheuen Kumpel, der gut kochte, Geschichten zum Besten gab. Aber sein Ehrgeiz war grösser. Er wollte eine Spur hinterlassen, er schrieb Tagebuch, damit man einmal sagen kann, welch tolles Leben er geführt hat im fernen Brasilien. Hans G., der Chronist des Sextourismus.

«Sex hat und braucht Zeit»

19.8.95 – Vor dem Tor treffe ich auf Toninha – sie hat etwas Scheues, Zerbrechliches. Schlage vor, dass sie bei mir zur Probe wohnen kann, aber den Pavian [ihr Kind] nie bei mir allein lässt.

21.8.95 – Wieder Toninha getroffen. Sie fragt mich direkt, ob ich Hintergedanken habe. Meine Antwort: Nein ... aber die Zeit wird über alles entscheiden. Klar bin ich spitz auf dieses zarte Persönchen – knapp über 40 kg und sicher jünger als 18 – da lohnt es sich schon, den Gentleman zu spielen.

27.8.95 – Mein Indianerli kommt zum Poulet-Frites. Sie möchte bei mir arbeiten. Bin einverstanden, werde auch die Krankenkasse übernehmen ... verdammi, es hat mich wirklich erwischt ... das Nympheli.

28.8.95 – Das Indianerli zieht ein. Der Pavian geht sofort schlafen. Mache ihr eine Ganzkörpermassage, welch zartes Persönchen. Unterlasse es, erogene Zonen zu berühren, aber der Effekt ist da – völlig gelöst hätte ich von ihr viel mehr verlangen können, aber Sex hat und braucht Zeit.

29.8.95 – Der Herr speist auf der Veranda, das Indianerli im Garten. Pavian und Hundeli schauen zu – eine Idylle – fühle mich absolut frei und wohl. Soeben ... die Emotionen lösen mir einen Herpes genitalis aus, Scheisse. Sofort Zovirax im Initialstadium. Dann die grosse Überraschung. Bambi massiert mich wie ein Profi, herrlich, auch sie ist zu allem bereit ... ich kann aber nicht.

«Es trifft sie wie der Blitz»

31.8.95 – Seit 13 verdient sie für die ganze Familie und macht zusätzlich die Hausarbeit für 7 Personen ... und dann seit dem Pavian ... noch schlimmer. Sie sagt mir, wie unglaublich dankbar sie sei über mein Zusammenleben mit ihr. Ich: Bitte bleibe das Bambi, das du jetzt bist – dann bleiben wir zusammen!

2.9.95 – Hab mich gut auf die Nacht vorbereitet ... ich will, und schon stand er wie eine Eins. Der Bann ist gebrochen. Sie muss noch viel lernen, auch wie man einen Mann befriedigt – hat vermutlich null Erfahrung darin.

14.9.95 – Mache Bambi darauf aufmerksam, dass ich will, dass Pavian um 20 Uhr im Bett ist und Ruhe gibt.

16.9.95 – Bambi macht mich glücklich. Ich will einfach nicht, dass sie in die Armut zurückkehrt. Es kommt mir einfach aus dem Mund, dass ich ihr einen Heiratsantrag mache ... Es trifft sie wie der Blitz ... bin etwas übereilt und bekomme weder ein Ja noch ein Nein.

25.9.95 – Grossvater will Pavian göumele. Die schüchterne Anfrage, ob sie ihren Vater zum Essen einladen dürfe, beantworte ich wie folgt: Der Vater erkundigt sich nicht nach deinem Befinden. Du bist jetzt auf einem anderen Niveau als dieser Macho. Er soll den Wunsch äussern. Keine Einladung von der Tochter ... Klar, dass sie bei dem armen Teufel etwas angeben will. Dass die Brüder draussen bleiben, ist klar (ausser Schwester, 12 J.).

«Das Indianderli braucht einfach etwas Tätsch»

27.9.95 – Bin etwas enttäuscht. Bambi hat nichts gemacht. Wäsche nicht an der Leine, kein Fruchtsaft. Sauer mache ich sie darauf aufmerksam, dass sie in ein Loch gefallen sei – null Bock auf das Minimalste, und dass ich ihr eine Leiter geben werde, um daraus wieder rauszukommen.

Sie begreift.

29.9.95 – Bambi ist irgendwie muderig, wenn nicht sogar etwas traurig. Sie hat einfach ihre Unbeschwertheit und ihren Arbeitswillen verloren. Der Kopf ist irgendwo anders. Hängt nicht mal die Wäsche auf. Jedenfalls mache ich ihr vor, wie man arbeitet. Sagt Kopfweh und macht mich sauer, indem sie meine Worte im Mund verdreht. Kein Disput, aber verdammi unangenehme Situation.

7.10.95 – Sie war heute wieder eine absolute Schlampe. Am Nachm. war die Schwester gekommen, um für Papi Geld zu pumpen. Anscheinend Medikamente. 3x Nein!! Verdammi.

20.10.95 – Habe das Bambi gestern einfach ignoriert. Sie wollte wissen, was mit mir los ist. Will keine Diskussion darüber, bin einfach müde, dich zu korrigieren, resp. zur Arbeit anzuhalten. Hoppla, sie hat begriffen, das Luder ... Später meldet eine leicht saure Bambi, dass alles sauber sei. Ja, so hab ich's gerne ... Das Bambi ist zärtlich wie noch nie und schnurrt wie eine Katze. Das Indianerli braucht einfach etwas Tätsch auf den Schokoladen-Hintern.

4.12.95 – Sage ihr klipp und klar, dass ich sie nicht mehr als Gespielin toleriere ... Sage ihr heute zum letzten Mal, was mir alles nicht an ihr passt ... 100 Real Abfindung, wenn ich von ihrer Familie nicht schikaniert werde.

31.12.95 – Vor dem Essen sag ich ihr, dass es keine Zukunft für sie hier gäbe. Diesmal kein Geheul, nur die freche Bemerkung über Jungs. Bin froh, dass es kein Theater gibt.

«Mache mit Fernanda, 13, ein schönes Quickie»

Und dann gab sich Hans G. wieder einer «satten Zufriedenheit» hin. Das war sein Lieblingssatz in Brasilien. Am Arbeitsplatz in der Schweiz war so etwas verpönt gewesen. «Ich fühle so etwas wie satte Zufriedenheit. Was man jedem Mitarbeiter austreiben musste – so lautete die Devise – und ich habe sie und bin damit unsäglich glücklich.» G. war gesundheitlich angeschlagen, als er die Schweiz verliess. Nach einem Herzinfarkt hatte er sich die Pensionskasse auszahlen lassen und war ausgewandert («Aussteigen, bevor das Herz aussteigt.»). Noch lange träumte er vom Stress und vom Druck, dem er in seiner Firma ausgesetzt war. «Vor allem kein Leistungszwang mehr. Tonnen sind weg. Welch beschwerlicher Gang wäre für mich heute auf dem Terminkalender? Von oben, von unten, von hinten und von vorn – nie mehr Schweiz und Arbeit. Leben mit positivem Gedankengut im Paradies.» An Amtsstellen zu Hause, die noch Steuern von ihm forderten, schrieb er Postkarten: «In der Schweiz wurde ich gelebt. Hier lebe ich.» Er hatte für seine Art zu leben ein Wort parat: «Go-la-la». Gehen lassen. Er hatte sich ein Haus gekauft mit Swimmingpool, sein Gewicht schwankte zwischen 84 und 100 Kilo, die Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Mit dem Angebot von Arbeit, einem Bad oder auch nur einem Sandwich fand er immer wieder jemanden zum «go-la-la». Nur rasiert sollten die Frauen sein. Eine Mahnung, die bald überflüssig wurde, da die Mädchen, die er sich in den Armenvierteln suchte, immer jünger wurden. «Vor dem Mittagessen kommt Fernanda, 13. Mache mit ihr ein schönes Quickie für Fr. 1.87. Man darf sie im zarten Alter nicht so verwöhnen. Dann Siedfleisch-Kartoffeln und Schnittlauch-Mayonnaise.» Danach schickte er die minderjährigen Mädchen wieder weg. «Ich will nicht wegen diesen Ratten in den Knast», notierte er am 1.12.98.

Zwischendurch kochte er für seine Schweizer Freunde und ärgerte sich, wenn ein «Stäubli Mehl» fehlte auf dem Kotelett. Er machte seine Spaziergänge ins Dorf, kehrte in den Kneipen der Brasilianer ein, war spendabel, solange er Geld hatte. «Ich fühle mich wohl bei ihnen. Glaube auch, dass sie mich akzeptieren. Ich kenne keinen Gringo, der einen solch natürlichen Kontakt mit den Einheimischen hat wie ich. Ein wenig stolz!!!»

Lisete, die Haushälterin

Jedes Jahr am 13. Februar feierte er mit einer Flasche Champagner die Scheidung von seiner Ex-Frau, 2009 zum vierzigsten Mal. Einmal hatte eine Freundin in der Schweiz, seine grosse Liebe, ein Kind von ihm erwartet, aber sie hatte Angst und liess es abtreiben. «12.10.04. Ein Cüpli zur Feier des Tages, keinen Lümmel gezeugt zu haben.»

Es gab eine Frau, mit der er ein normales Verhältnis zu haben schien, Lisete, seine Haushälterin. Ihr vermachte er, nachdem sie fünf Jahre bei ihm gearbeitet hatte, sein Haus. 14.6.07: «Weihe Lisete ein, dass Testament da sei. Möchte wissen, was in ihr vorgeht. Glaub, sie möchte sich für mich ins Bett legen. Das ist im Testament nicht inbegriffen. Sex nur noch mit meinen jungen Lümmelchen.» Ihr vertraute er auch das Trauma seines Lebens an: Seine Mutter habe immer den älteren Bruder bevorzugt. Im Tagebuch ist der Tod der Mutter gerade zwei Wörter wert: «Mutter gestorben.» Der verhasste Bruder erhielt, als die Nachricht von seinem Hinschied kommt, folgenden Nachruf: «Es gibt noch eine Gerechtigkeit auf dieser verschissenen Welt.» Er sei, erzählte er Lisete, mehrheitlich von einer Tante erzogen worden. Und ihr, der Haushälterin, klagte er auch, es gäbe auf der ganze Welt niemanden, der ihn beweinen werde, wenn er einmal sterben sollte; er habe keine Familie mehr. Ich, antwortete seine Haushälterin, ich werde weinen, ich bin deine Familie. Ich weiss, antwortete er und umarmte sie. Lisete hat zwei Kinder, und ihr Sohn, siebenjährig, durfte manchmal, wenn sie samstags dort arbeitete, das Wochenende beim Patron verbringen, der jedes Mal auch liebevoll kochte, wenn sie bei ihm putzte. Für Staatsanwalt Rafael Zanini war Lisete die Hauptverdächtige für den Mord am Schweizer. Denn wenige Monate zuvor hatte er gedroht, so steht es im Tagebuch, die Haushälterin wieder zu enterben, weil sie weiterhin im Kontakt stand mit ihrem Ex-Mann, von dem G. wusste, dass er die Kinder schlug. Aber die Frau hatte ein Alibi für die fragliche Zeit, und Zanini liess sich nach einem kurzen Verhör von ihrer Unschuld überzeugen.

«Marisa ist brandgefährlich»

April 2011, zehn Monate nach dem Mord an Hans G., der weiterhin ungeklärt ist. Lisete hat das geerbte Haus vermietet, sie hat ein kleines Backsteinhäuschen gebaut an einer staubigen Strasse im Landesinnern, ganz in der Nähe einer ihrer Schwestern, die verheiratet ist und auf ihre beiden Kinder aufpassen kann, während sie weiterhin die Häuser von reichen Ausländern putzt. Die Fahrt in Richtung Trancoso führt durch eine wundervolle Natur; der letzte Rest des atlantischen Regenwaldes dringt hier noch bis zur Küste vor, dazwischen grüne Viehweiden, in der Ferne die Klippen des Meeres, zwischen die reiche Investoren einen der schönsten Golfplätze Lateinamerikas gesetzt haben. Irgendwann zweigt eine Landstrasse ab in eine weit verstreute Siedlung mit den kleinen eingeschossigen, häufig erst aus rohem Backstein bestehenden Häuschen, die sich die Leute aus dem Landesinnern gebaut haben, um im Touristengewerbe eine Arbeit zu finden. Es gibt hier mehr Pferde und Motorräder als Autos. Auf dem Nebensitz meines Mietwagens das Tagebuch von Hans G., 2008, rotes Leder, 6. März. «Heiss», Ausgaben: «101.– R.», «Lisete ist mit beiden Kids da. Meine Rindszunge ist superzart, sogar nach drei Stunden. Marisa ist brandgefährlich, obwohl ich sie in keiner Weise provoziere, will sie, dass ich sie aufs ‹Füdli› schlage ... zieht das Höschen aus. Die drei Zeichnungen von ihr habe ich in Sicherheit gebracht ... sind für mich eindeutig!» Marisa war 8-jährig. Ein Jahr später lässt Lisete Leandro bei G. übernachten, «1.5.09. L kann mit meinem Handy spielen gegen etwas anderes. Sehr schön!» Leandro war sieben.

Zwei Jahre nach seiner Ankunft in Brasilien, 1993, machte G. seine erste Erfahrung mit einem Jungen und, wie immer in seinen Schilderungen, ging der Anstoss nicht von ihm aus, sondern vom Kind; nie fühlte er sich als Verbrecher, immer als Wohltäter.

10 Reals für die erste Ejakulation

8.12.93 – Da brennen bei mir alle Sicherungen durch. Das erste Mal in meinem Leben bin ich bereit, einmal einen Jungen zu vernaschen. Er hat mich richtig herausgefordert, weil er glaubte, dass ich ein Homo sei. Das wird mit Sicherheit nie der Fall sein. Aber ich hatte einen riesengrossen Spass, dem fast noch Unbehaarten einen runterzuholen.

G. lud die Buben ein, bei ihm zu arbeiten, er zeigte ihnen Pornohefte und liess sie bei sich duschen.

14.5.97 – Wellington wollte das Badzimmer schrubben, aber was dann passierte, war einfach fabelhaft. Ich konnte ihm seinen Kleinen ablutschen. Wollte wissen, was da rauskommt. Erklärte ihm alles und sagte, dass er das in 2 Jahren auch haben werde.

16.5.97 – Da schleicht Wellington an. Sagt, als ich bemerke, er könne auch evtl. mit einem Freund kommen, dass er eine Freundin (11 J.) mitbringen werde. Ja, er schnäbele schon mit ihr. Wird endlich mein Wunsch erfüllt, ein kleines Mädchen zu schlecken? Das wäre der absolute Hammer.

25.9.99 – Über Mittag sind Nildo und Paulo da. Erstmals ist ein kleines Orgasmüsli eingetreten. Hat Riesenplausch und ich auch. Erhält den versprochenen 10er für die erste Ejakulation.

9.10.99 – Paulo kommt mit einem Schnügel, den ich vor sechs Monaten einmal vernaschte. Was ist sein Pimmel gewachsen und die ersten Schamhaare spriessen. Für 13 J. ganz gut drauf.

«Dann war alles nur eine Lüge?»

Die Kinder spielen draussen, Lisete räumt ein paar Sachen weg, bittet, sich zu setzen. Eine kleine Frau, etwas über dreissig, und sie spricht gerne über Hans G., der hier in Brasilien zum Jean Pierre geworden war. «Der einzige Mensch in meinem Leben, der mir eine Hand gereicht hat, als es mir schlecht ging», sagt sie. «Hat man die Mörder endlich gefunden?», möchte sie wissen. Sie erzählt, wie die Polizei sie selber verdächtigt habe, den Schweizer umgebracht zu haben, aber das sei ganz undenkbar, wie könnte sie einem Menschen etwas antun, der wie ein Vater gewesen sei zu ihr. Ob sie gewusst habe, frage ich, dass G. pädophil gewesen sei? Es habe Gerüchte gegeben, nach seinem Tod, aber sie selber habe nie etwas gesehen und schenke solch bösartigem Geschwätz keinen Glauben. Ihre Schwestern kommen aus der Kirche zurück. Eine arbeitet bei der Polizei, und sie sagt, das sei die Masche der Pädophilen, dass sie sich freundlich geben und einschmeicheln bei den Leuten, um besser an die Kinder heranzukommen.

Ich lese ihr vor, was er am 23.1.2010 ins Tagebuch geschrieben hat: «Lisete habe ihr Haus zum Kauf ausgeschrieben. Wo will sie denn hin? Mich umbringen und in mein Haus einziehen?» Sie weint jetzt. «Dann hat er mich gar nicht gern gehabt? Dann war alles nur eine Lüge?» Sie will wissen, was im Tagebuch über ihre Kinder steht. Ich lese. Dann sinkt sie in ihrem Stuhl zusammen, auf einen Schlag ohne Kraft und Hoffnung. Die Schwestern kümmern sich um sie.

«Völlig verliebt ist die Diagnose»

Einen Teil seines Geldes hatte G. bei einem Wucherer angelegt, der höhere Zinsen bezahlte als die Bank. Eines Tages war der Mann samt Geld verschwunden, und G. musste gehörig sparen. In dieser Zeit rechnete er, für den die Schweiz ein «Gefängnis» war, in das er nie zurückkehren wollte, fast täglich aus, wie viel Geld er von der AHV erhalten würde – 1590 Franken, und in sein Tagebuch klebte er das Foto von alt Bundesrat Hanspeter Tschudi, «Vater der AHV». Als die Rente dann kam, Monat für Monat, lebte er im armen Dorf wie der Kaiser in Rom. Obwohl er es auch mit Viagra versuchte, fühlte er sich dem weiblichen Geschlecht gegenüber immer unsicherer und gehemmter; im Alter zog er Buben vor. Und einmal passierte es ihm, dass er sich verliebte.

23.12.02 – Bin so richtig happy. Darf das gestrige Erlebnis nicht allzu ernst nehmen und muss kühlen Kopf bewahren. Ich hab schon Horror vor über 30-jährigen Frauen, und der vernascht einen um 47 Jahre Älteren. Es gibt Gehacktes heute mit Salat.

30.12.02 – Bin deprimiert und apathisch. Völlig verliebt ist die Diagnose. Es gibt kein Gegenmittel dagegen. Schön froh.

17.2.03 – Nicht Geld + Sex, sondern bonne Bouffe und Streicheleinheiten vereinigen uns. Er mag sich nicht erinnern, dass ihn jemand umarmte und etwas Geborgenheit gab.

8.2.04 – Antonio ist verändert. Keine Dusche, kein Sex. Ich spürte einfach, dass etwas heute nicht stimmte und liess nicht locker, bis er kotzte. Er hat «die Richtige» gefunden und ist natürlich richtig verliebt. Lua (14) muss offenbar tierisch hübsch sein. Sie brauche noch etwas Zeit für Sex, das macht es halt spannend.

16.5.04 – Vor 8 h ist Schnügel schon da. Wie kann er an 2 Orten verliebt sein, er umarmt und kümmert sich um mich wie zu High-Life-Zeiten. Hab nicht nur Lover, eher habe ich einen Sohn gefunden.

15.8.04 – Lua!! Sah sie von Angesicht zu Angesicht, 2–3 Sekunden am 10. August. Sah durch mich hindurch. Die darf er nicht schwängern.

Hat bei mir ganz schlecht abgeschnitten, mässiger Dorfdurchschnitt. Mache Kartoffel / Lauchsuppe.

«Meine Chancen stehen 1:9»

29.8.04 – Glaub auch, dass Antonio (leider) so langsam Mann wird und sich für das richtige Geschlecht entscheidet. Abwarten, bin trotzdem glücklich, so einen kleinen Freund zu haben.

24.10.04 – Sein Blick ist nervös und konfus. Lua warte schon am Bach auf ihn. Meine Chancen, den ungleichen Match zu gewinnen, stehen 1:9.

7.11.04 – Sex: Endlich spurt er. Ich mag nicht immer die Initiative ergreifen, zwar manchmal schon, aber ich habe immer wieder die Erkenntnis, dass ich seine Frau bin, und das ist gut so. Seine Umarmungen und Zungenküsse, die Augensprache sind Wahnsinn.

9.1.05 – Irgendwann schrieb ich, dass ich nur 50% Chancen hätte. Heute sind es mehr als 50% gegenüber Lua.

13.2.05 – Was mich stört an ihm, er hat sich seit 2 Jahren im Gesamtverhalten nicht entwickelt. Erhoffte viel mehr, aber so sind die Jungen hier, die von niemandem gefördert werden.

26.2.05 – Stufe seine (Lua) als charismalose Person ein – Gring wie's Füdli ... da kamen wir aufs Thema. Er sei nicht so ganz verknallt. Die Söili-Koteletts waren etwas fett und natürlich schlecht gelagert.

21.3.05 – Entwickelt sich immer mehr zum Kuckuck. Dazu weiter verknallt in Lua ... DISTANZ!!

28.7.05 – Hit heute: Antonio hat endlich seine Lua verlassen. Ich habe ihn wieder. Aber jetzt braucht er etwas Geduld mit mir. Treu bin ich ihm nicht mehr.

23.1.08 – Antonio immer noch verliebt in mich. Er weiss aber, dass ich nun seinen Bruder bevorzuge.

«Ich würde Danke sagen, Danke für alles»

Das Dörfchen Vale Verde, von den Jesuiten gegründet, um die Indianer zu bekehren, 30 Kilometer von der Küste entfernt im Innern des Landes, hat seinen kolonialen Charme vollständig erhalten. Ein grüner, mit alten Bäumen bewachsener Platz liegt vor der Kirche, gesäumt von den niedrigen Häusern der Bewohner. Wenige Meter vom Platz entfernt hatte sich G. ein Haus gekauft mit einer schönen Aussicht über das Tal des Rio Buranhem; hier verbrachte er die zehn letzten Jahre seines Lebens. Der Pfarrer der Kirche wurde, wenige Monate bevor G. umgebracht wurde, der Pädophilie angeklagt und musste das Dorf fluchtartig verlassen. G. getraute sich anschliessend kaum noch, sich auf der Strasse zu zeigen. «Fühle mich von überall beobachtet», schrieb er in sein Tagebuch. 1500 Einwohner hat Vale Verde, und das sind genügend, um auch ein richtiges Fussballfeld zu unterhalten. An dessen Rand steht eine Bar mit einem Billardtisch, und dort, hatte man mir gesagt, sei Antonio zu finden. G. hat Bilder von ihm in sein Tagebuch geheftet, und so ist er leicht zu erkennen: ein hübscher Junge, 20 ist er mittlerweile, als er zum ersten Mal zu Hans G. ging, war er zwölf.

Auch er war verdächtigt, den Schweizer umgebracht zu haben, und als er hörte, dass man ihn sucht, hatte er sich freiwillig auf dem Posten gemeldet; am fraglichen Wochenende war er gar nicht vor Ort gewesen, und als Staatsanwalt Zanini alles überprüft hatte, liess er ihn wieder gehen. Es ist eine seltsame Situation für einen Journalisten, schon alles zu wissen, was man jemanden fragen könnte, und viel mehr zu wissen, als man sich wünschte. «Wenn du Jean Pierre noch etwas sagen könntest, wenn du dem Schweizer noch einen einzigen Satz ins Grab nachrufen könntest, was würdest du ihm sagen?» «Danke», antwortet Antonio, «ich würde Danke sagen, Danke für alles.»

Gilberto und Bruno an der Tür

1.4.06 – Nicht mal Glas und Flasche nahm er in die Küche. Glaube, mein Schnügel ist nicht nur faul, sondern auch dumm, sogar saudumm.

23.10.07 – Schade, habe vermutlich ein Spielzeug verloren.

Gleich neben G.s Haus, nur hundert Meter entfernt, befindet sich die Schule von Vale Verde, und hier fiel es ihm leicht, Ersatz zu finden. Er lud die Buben zum Fernsehen ein, er versorgte sie mit Sandwiches, später liess er sie Pornofilme sehen. Rasch merkte er, wer für mehr empfänglich war, und meistens waren es Kinder aus armen, zerrütteten Familien, die Mutter am Arbeiten, der Vater ein Säufer.

20.3.07 – Gilberto ist ein grosser schlauer Moreno, etwas scheu. Vater haute ab und Mutter in Eunapolis. Er wohnt nun bei Schwester in Arraial. Das Lutschen sei Premiere bei ihm gewesen, Note 10.

23.3.07 – Was Zé Carlos gestern bot, war totaler Wahnsinn. Alles, was ich mag. Künftig jeden Donnerstag, wenn Lisete gegangen ist. Er profitiert von zartem Fleisch nach Salami, Butter, Käse-Sandwich.

31.3.08 – Julio. Er verdient die 10.– kaum, aber habe ja ein Ziel: ihn handzahm zu machen. Wetten, dass ich gewinne.

3.4.08 – 13 h sind Gilberto und Bruno an der Tür, mit Schulranzen, die Schule sei aus. Gilberto verschlingt alle Brötli mit Butter. Von der Margarine will er nichts wissen, die gibt es zu Hause. Obwohl noch sehr klein, hat er einen nassen Orgasmus. Messer fehlt.

6.4.09 – Bruno. Was er danach mit mir macht ... Note 10 genügt nicht.

9.4.09 – Ein zahmer Bruno ist da. Meine Frage: Warum? Freundschaft! Weder Geld, Sex, Essen, Trinken im Programm, meint er. Wieder die Frage, die ich an mich stelle: Wie mache ich das bloss?

Die Antwort erhielt er eine Woche später.

«Foltern kann ich sie ja auch nicht»

16.4.09 – Jemand ist eingebrochen und Türe eingetreten mit Schuhen. Es fehlen R. 25.– /10 l Wein, die neue Strahlenlampe, 5 Champ-Cüpligläser inkl. die offene Flasche aus dem Kühlschrank. Als ich das Fehlen der Lampe konstatiere, weiss ich, dass es Bruno war mit einem Copin.

Seine Haushälterin Lisete riet ihm dringend, zur Polizei zu gehen. Heute weiss auch sie, wieso er um keinen Preis eine Anzeige machen wollte. Die Buben hätten ihn wegen viel Schlimmerem angezeigt. So kamen sie zurück, erpressten Geld von ihm. Wenige Tage vor seinem Tod wurde sein Torschlüssel gestohlen. Er sah die Verdächtigen vor dem Haus, schrieb in das Tagebuch: «Bruno und Co. machen mich wütend, fliehen mit dem Velo.» Die Jungs, die er mit 12 in sein Haus geholt hatte, waren jetzt 15- und 16-jährig, ohne Arbeit, einige verkauften schon Drogen im Dorf. Das erfährt man, wenn man sich ein bisschen im Dorf herumhört. Und am Abend des 19. Juni 2010, seinem mutmasslichen Todestag, hätten sie sich in der Bar beim Fussballplatz getroffen und beschlossen, dem Schweizer einen Besuch abzustatten. Und man erfährt auch, dass die Jungs mit Waffen umzugehen wissen, und dass es niemand gäbe in Vale Verde, der so eine Aussage bei der Polizei wiederholen würde.

So erzähle ich dem Staatsanwalt Rafael Zanini auch nichts vom ganzen Gerede, übersetze bloss, was G. geschrieben hat über seine Erpresser. Fast ein Jahr nach dem Mord schickt der Staatsanwalt noch einmal seine Polizisten aus, lädt die Jungs zum Verhör. «Sie waren dort», erklärt er danach, «aber bloss, um etwas Porno zu schauen. Mehr haben sie nicht gestanden. Und», fügt er hinzu, «foltern kann ich sie ja auch nicht.» Ist nicht nötig, sage ich, und Staatsanwalt Rafael Zanini klappt die Akte G. zu.

Der Originalabdruck von «Tagebuch eines Pädophilen» erschien soeben im Magazin «Reportagen» (erhältlich in Buchhandlungen und am Bahnhofkiosk). Die Online-Publikation erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Magazin «Reportagen» (Nummer 5). Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors, Ruedi Leuthold.

«Reportagen» ist ein im Oktober 2011 lanciertes Magazin, das sich ausschliesslich auf Reportagen fokussiert: Sechs Mal pro Jahr berichten herausragende Autoren und Autorinnen Geschichten aus aller Welt. «Reportagen» ist erhältlich in Buchhandlungen und am Bahnhofskiosk.

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