«Die Zeit da unten war stehen geblieben»

Aktualisiert

Berlins Geisterbahnhöfe«Die Zeit da unten war stehen geblieben»

Mit dem Mauerbau wurden 1961 auch viele U- und S-Bahn-Haltestellen stillgelegt. 1989 erkundete Fotograf Robert Conrad die verbotene Welt.

Fee Riebeling
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Fee Riebeling

Um DDR-Bürger von der Flucht abzuhalten, scheute das SED-Regime 1961 keine Kosten und Mühen: Überirdisch liess es die Mauer errichten, unterirdisch etliche U- und S-Bahn-Zugänge vermauern. Darunter die der Haltestelle Potsdamer Platz.

Zwar fuhren Züge auch nach dem Mauerbau noch vom Westen unter Ost-Berlin hindurch, durften aber an den alten Stationen nicht mehr halten. Aus den Perrons, wo früher Menschen ein- und ausstiegen, waren mit einem Mal Geisterbahnhöfe geworden.

25 Jahre nach dem Mauerfall sind diese Stationen längst wieder geöffnet. An ihre trostlose Vergangenheit erinnert sich heute kaum noch jemand. Anders der Berliner Fotograf Robert Conrad. Er ist in der kurzen Zeit zwischen Mauerfall und der Wiedereröffnung der Bahnhöfe heimlich hinabgestiegen und hat die gespenstischen Orte dokumentiert.

Herr Conrad, wie sind Sie dazu gekommen?

Auch wenn die Stationen damals nur schwer als solche erkennbar und nicht zugänglich waren, wusste man von ihnen. Schliesslich nahm man auf der Strasse stehend die Züge wahr, wenn sie unter einem durchfuhren. Man hörte sie und spürte ihre Vibration sowie die heisse Luft, die aus den Lüftungsschächten kam. Das hat natürlich die Neugier geweckt. Mein Plan war, zu warten, bis mein Ausreiseantrag genehmigt war, und dann vom Westen aus die Strecken zu erfahren. Aber dann kam alles anders.

Der Mauerfall kam Ihnen dazwischen?

Genau, das musste ich erst mal drei Tage verarbeiten. Dann habe ich die Grenze überirdisch erkundet und die Mauer ausführlich dokumentiert. Viele andere wollten verständlicherweise zunächst einmal die Freiheit geniessen und reisten nach Paris, London oder sonstwohin. Ich dachte mir: Das kann ich auch später noch tun. Erst einmal muss ich das dokumentieren, was vor meiner Haustür ist, was zu meiner Geschichte gehört. Denn ich wusste: Das würde bald alles verschwinden.

Wie sind Sie dann unter die Erde gelangt?

Nach dem Mauerfall konnte man ja ohne Probleme vom Osten in den Westen und wieder zurück. Deshalb habe ich zunächst einmal die vier Bahnlinien mit dem Zug erkundet. Doch das reichte mir nicht. Deshalb bin ich gut einen Monat nach der Maueröffnung erstmals mit ein paar Freunden nachts, wenn die Bahnen nicht fuhren, über Lüftungsschächte ins Tunnelsystem hinabgestiegen und die Gleise entlanggelaufen, um Stationen systematisch zu dokumentieren.

Hatten Sie keine Angst? Immerhin fuhren da ja auch noch Züge, möglicherweise gab es auch Minen?

Wir haben uns gegenseitig Mut gemacht. Da die Mauer schon offen war, konnten wir nicht mehr als «Republikflüchtlinge» verhaftet werden. Trotzdem sind wir natürlich ein gewisses Risiko eingegangen, denn ganz klar war die Situation nach der Wende noch nicht. Tatsächlich sind wir mehrmals von DDR-Beamten mit vorgehaltener Maschinenpistole festgenommen worden und mussten unsere Filme abgeben.

Sie waren mehrfach dort unten. Was hat Sie am meisten fasziniert?

Dass die Zeit da unten stehen geblieben war. Zwischen den zugemauerten Treppenaufgängen gab es verwaiste Kioske mit ihren alten Einrichtungen und Bahnschalter mit Schränken voller alter Fahrkarten, alles war von einer dicken Staubschicht bedeckt. In den Tunneln hingen noch die Theaterplakate von August 1961. Das war wie in einer Käseglocke. So muss sich ein Archäologe fühlen, wenn er eine lange vergessene Welt entdeckt.

Die Aufnahmen von damals sind im Buch «Grenz- und Geisterbahnhöfe im geteilten Berlin» erschienen.

Robert Conrad ist ein Berliner Architekturfotograf und Bauhistoriker, der sich der distanzierten fotografischen Bestandsaufnahme von Architektur und Städtebau der Diktaturen des 20. Jahrhunderts gewidmet hat. Aktuell stellt Robert Conrad «99 Mauerbilder» online auf vimudeap.info aus.

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