Das war der weltweit erste Schiri-Fehler

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Antiker KampfsportDas war der weltweit erste Schiri-Fehler

Den fatalen Fehler des Kampfrichters konnte ein Gladiator nicht mehr selber beklagen, als er vor 1800 Jahren in einer römischen Arena starb. Das übernahm sein Grabstein.

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Jean-Léon Gérômes Gemälde «Pollice verso» (1872) prägte unsere Vorstellung vom Kampf der Gladiatoren entscheidend mit. (Bild: PD)

Jean-Léon Gérômes Gemälde «Pollice verso» (1872) prägte unsere Vorstellung vom Kampf der Gladiatoren entscheidend mit. (Bild: PD)

Es muss ein dramatischer Kampf gewesen sein in der Arena von Amisos: Gladiator gegen Gladiator, Diodoros gegen Demetrios. Erst war Diodoros obenauf, sah wie der sichere Sieger aus, doch dann griff der Kampfrichter ein, und Demetrios konnte das Blatt noch wenden und seinem Gegner eine tödliche Verletzung beibringen.

Die Geschichte dieses fatalen Eingriffs des Unparteiischen – man könnte ihn nicht ganz ernsthaft den ersten bekannten Schiedsrichter-Fehlentscheid der Geschichte nennen – steht auf einem rund 1800 Jahre alten Grabstein. Entschlüsselt hat die Inschrift der kanadische Professor Michael Carter von der Brock University in St. Catharines. Sein Befund wird demnächst in der deutschen «Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik» veröffentlicht.

Gladiator mit zwei Schwertern

Der Grabstein des Diodoros wurde in Amisos (heute Samsun) an der Südküste des Schwarzen Meeres in der heutigen Türkei gefunden und gelangte kurz vor dem Ersten Weltkrieg ins Musée du Cinquantenaire in Brüssel. Neben der griechischen Inschrift – Griechisch war die Verkehrssprache in der östlichen Hälfte des Römischen Reiches – ist auf dem Stein ein Gladiator zu erkennen, der zwei Dolche oder Schwerter hält; sein Gegner sitzt vor ihm auf dem Boden und bittet mit erhobener Hand um Gnade (siehe Bild unten).

Die Gestalt mit den zwei Stichwaffen war zuvor als dimachaerus interpretiert worden, also als Gladiator, der mit zwei Dolchen kämpft (siehe Infobox). Carter hingegen ist davon überzeugt, dass das Relief zusammen mit der Inschrift «eine Geschichte erzählt», wie der Spezialist für Gladiatorenkämpfe und andere öffentliche Veranstaltungen in der Osthälfte des Imperium Romanum dem amerikanischen Portal Livescience.com sagte. Die Inschrift lautet übersetzt:

«Nachdem ich meinen Gegner Demetrios besiegt hatte, habe ich ihn nicht sofort getötet. Das Schicksal und ein hinterlistiger Verrat des summa rudis haben mich umgebracht.»

Der summa rudis war der oberste Kampfrichter, oft ein Veteran, der früher selber in der Arena gekämpft hatte. Nahezu alle Schaukämpfe der Gladiatoren wurden von solchen Kampfrichtern geleitet; meistens waren zwei anwesend. Die Regeln sind nicht in allen Einzelheiten überliefert, doch ist bekannt, dass ein besiegter Gladiator den Veranstalter der Spiele – den munerarius – um Gnade bitten konnte. Dieser überliess die Entscheidung oft dem Publikum. Es ist allerdings historisch nicht belegt, dass das Todesurteil mit dem nach unten gerichteten Daumen gefällt wurde, wie es auch auf dem berühmten Gemälde von Jean-Léon Gérôme zu sehen ist, das unsere Vorstellung vom Kampf der Gladiatoren stark mitgeprägt hat.

Intervention mit Todesfolge

Eine andere Regel bestimmte, dass ein Gladiator, der ohne Zutun seines Gegners zu Boden fiel, wieder aufstehen und weiterkämpfen durfte. Eben diese Regel kam nach Ansicht von Carter im vorliegenden Fall zur Anwendung. Für den Historiker zeigt die Darstellung auf dem Grabstein nämlich genau den Moment, als Demetrius besiegt ist und Diodoros dessen Waffe an sich genommen hat: «Demetrios signalisiert, dass er besiegt ist, Diodoros tötet ihn nicht; er tritt zurück in der Erwartung, dass er den Kampf gewinnen wird», beschreibt Carter die Szene. Doch nun intervenierte der summa rudis, wie Carter glaubt.

Möglicherweise nahm der Kampfrichter tatsächlich an, dass Demetrios ohne Einwirkung seitens Diodoros' gestürzt war – oder er schob dies aus anderen, obskuren Gründen vor. Jedenfalls unterbrach er den Kampf und erlaubte Demetrios, aufzustehen, seine Ausrüstung wieder zu behändigen und den Kampf fortzusetzen. Diesmal jedoch ging es schlecht aus für Diodoros: Entweder erhielt er noch in der Arena den Todesstoss, oder er wurde so schwer verwundet, dass er kurz darauf starb.

Empörte Freunde oder Verwandte des um Sieg und Leben gebrachten Gladiators errichteten dann wohl den Grabstein, dessen Inschrift die Schuld am Tod des Diodoros auch heute noch, 1800 Jahre später, in deutlichen Worten dem Kampfrichter zuweist. Und der Schiedsrichter, das ist heute noch so, ist für die Verlierer bekanntlich immer schuld.

Der 1800 Jahre alte Grabstein zeigt einen Gladiator mit zwei Stichwaffen über einem besiegten Gegner. Die Inschrift darunter besagt, dass hier der Gladiator Diodoros beerdigt wurde.

Bild: Koninklijke Musea voor Kunst en Geschiedenis, Brüssel

Gladiator

Gladiatoren (von lat. gladius, Kurzschwert) waren Berufskämpfer, die im antiken Rom in öffentlichen Schaukämpfen gegeneinander antraten. Sie genossen geringes soziales Ansehen; zu Beginn wurden sie aus Sklaven oder Kriegsgefangenen rekrutiert, später meldeten sich auch freie Bürger zum Dienst. Sie wurden in speziellen Schulen trainiert. Die Kämpfe waren in der Regel weniger blutig als lange angenommen wurde; schliesslich mussten gefallene Gladiatoren teuer ersetzt werden.

Manche Gladiatoren konnten es trotz der niedrigen sozialen Stellung zu grosser Prominenz bringen. Sie mussten meist nur ein- bis dreimal pro Jahr in der Arena kämpfen und wurden in der restlichen Zeit gut versorgt. Ihnen stand ein Teil der Einnahmen zu.

Der Kampf endete durch den Tod oder die Aufgabe eines Kämpfers, seltener durch ein Unentschieden. Der Gladiator, der den Kampf aufgab und mit erhobenem Zeigefinger um Gnade bat, wurde auf Entscheid des Spieleveranstalters oder des Publikums getötet oder begnadigt. Der Sieger erhielt einen Ölzweig und einen Geldbetrag. Er verliess die Arena durch die Porta Sanavivaria, das Tor der Gesundheit und des Lebens. Der Tote wurde dagegen durch die Porta Libitinaria hinausgetragen.

In den Arenen traten verschiedene Gattungen von Gladiatoren gegeneinander an. Die ersten waren der Samnit und der Gallus, die zwei in Italien ansässigen Völkerschaften entsprachen. In der Kaiserzeit gab es dann eine Vielzahl von Typen:

- Eques: Berittene Gladiatoren, die während des Kampfes abstiegen und ihn zu Fuss fortsetzten.

- Murmillo: Mit Kurzschwert und Rechteckschild bewaffneter Kämpfer, der oft gegen den Thraex antreten musste.

- Thraex: Ursprünglich aus Thrakien stammender Typ, der ein Schwert mit gekrümmter Klinge trug.

- Retiarius: Er war mit einem Wurfnetz und einem Dreizack bewaffnet und kämpfte vorwiegend gegen den Secutor.

- Secutor: Ein auf den Kampf gegen den Retiarius spezialisierter Murmillo. Sein Helm war jedoch glatt, damit sich das Wurfnetz des Retiarius nicht darin verfangen konnte.

- Scissor: Er trat wie der Secutor gegen den Retiarius an. Statt eines Schildes trug er aber einen metallenen Armstumpf mit einer scharfen Klinge.

- Hoplomachus: Er war ähnlich ausgerüstet wie der Thraex, trug aber einen kleineren Schild und eine Stosslanze.

- Dimachaerus: Dieser seltene Typ trug keinen Helm, aber einen gepolsterten Leibschutz. Er kämpfte mit zwei Dolchen oder Schwertern gleichzeitig.

- Provocator: Dieser schwerbewaffnete Kämpfer trat in der Regel gegen seinesgleichen an. Er trug einen keltisch-römischen Helm, ein Brustblech, einen Schild, Beinschienen und ein Kurzschwert.

Selten kämpften auch Frauen (Gladiatrix) in der Arena, aber in aller Regel wohl nur zur Belustigung des Publikums.

(Wikipedia.org)

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