Als Amerikas Alptraum endete

Aktualisiert

Vor 35 JahrenAls Amerikas Alptraum endete

Am 30. April 1975 setzte der Fall von Saigon einen Schlussstrich unter das bisher schlimmste militärische Debakel der USA.

Daniel Huber
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Daniel Huber

Dramatische Szenen spielten sich ab, an jenem Mittwoch in Saigon. Während zahlreiche Südvietnamesen in den Aussenbezirken der Stadt die Truppenspitzen der nordvietnameischen Armee begrüssten, belagerten andere verzweifelt die amerikanische Botschaft — in der zumeist leeren Hoffnung, noch mit einem der letzten Hubschrauber aus der untergehenden Hauptstadt des Südens zu entkommen.

Der Fall Saigons war das letzte Kapitel in einem langen, blutigen Krieg, in dessen Verlauf gleich zwei westliche Grossmächte gedemütigt wurden. Seit französische Kanonenboote 1946 Haiphong beschossen hatten, um die Rückkehr der ehemaligen Kolonie zu erzwingen, waren nahezu drei Jahrzehnte voller Gewalt und Leid vergangen. Und was den Franzosen nicht gelungen war, misslang den Amerikanern ebenso grandios: den Freiheits- und Unabhängigkeitswillen der Vietnamesen mit militärischen Mitteln zu brechen.

Der unterschätzte Gegner

Begonnen hatte der Krieg also als Kolonialkrieg gegen die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, die nicht begreifen wollte, dass ihre Zeit in Indochina abgelaufen war. Der Freiheitskampf der Vietnamesen wurde aber bald zu einem — freilich besonders blutigen — Teil des Ringens der Supermächte um Einfluss und Vorherrschaft. Die Amerikaner, die den Krieg durch ihre Unterstützung der Franzosen gewissermassen geerbt hatten, hielten sich dabei an die Truman-Doktrin, die durch die so genannte Containment-Politik überall den Einfluss des Kommunismus zurückzudrängen suchte. Zusätzlich krallte sich die westliche Vormacht auch aufgrund der Domino-Theorie in den Reisfeldern des Mekongdeltas fest: Sollte Südvietnam kommunistisch werden, würden auch andere Länder wie Thailand, Malaysia und Indonesien wie Dominosteine fallen.

Sowohl die Franzosen wie die Amerikaner unterschätzten ihren Gegner auf das Sträflichste. Die französischen Truppen bezahlten den Preis dafür 1954 in der Schlacht von Dien Bien Phu, wo ihnen der Kommandant des Viet Minh, General Vo Nguyen Giap, eine vernichtende Niederlage zufügte. Die Schlacht brach den Franzosen das Genick; sie zogen sich in der Folge zurück und überliessen das Feld den Amerikanern. Dien Bien Phu brachte so die Teilung des Landes in einen unabhängigen, kommunistischen Norden und einen vom Westen unterstützten Süden.

Die verlorene Moral

Für die Amerikaner kam das bittere Erwachen Ende Januar 1968 mit der Tet-Offensive zum vietnamesischen Neujahrsfest. Der überraschende Angriff des Viet Kong und der nordvietnamesischen Armee war ein schwerer psychologischer Schlag für die USA, obwohl die kommunistischen Truppen unerhörte Verluste erlitten. Man hatte sich von einem Gegner überrumpeln lassen, den man bereits für geschlagen hielt. Von nun an waren immer mehr Amerikaner der Meinung. dass dieser Krieg nicht zu gewinnen war.

Immer mehr Amerikaner glaubten überdies, dass dieser Krieg moralisch nicht zu rechtfertigen war. Bilder wie jenes, das den Polizeichef von Saigon zeigte, wie er einen gefesselten Viet Kong vor laufenden Kameras erschoss, motivierten die wachsende Friedensbewegung in den USA zusätzlich. Hinzu kamen das Massaker von My Lay, wo US-Soldaten 504 Männer, Frauen und Kinder ermordet hatten, der jede Dimension sprengende Bombenkrieg gegen Nordvietnam, in dessen Verlauf acht Millionen Tonnen Bomben abgeworfen wurden, und schliesslich die steigenden Verluste der US-Truppen. Besonders die Opfer unter den eigenen Soldaten — insgesamt kamen in Vietnam über 58 000 US-Soldaten zu Tode — trugen in der Heimat zur Kriegsmüdigkeit bei: «We came in spastic like tameless horses / We left in plastic as numbered corpses» sang Billy Joel in «Goodnight Saigon».

Der Untergang

Die neue amerikanische Regierung unter Präsident Nixon leitete daher 1969 ein Programm der «Vietnamisierung» des Konflikts ein: Die amerikanischen Truppen sollten stufenweise abgezogen, dafür die südvietnamesischen Streitkräfte ausgebaut werden. Zunächst aber kam es noch zu einer Ausweitung des Krieges, als die US-Truppen 1970 ins neutrale Kambodscha einfielen, um die Versorgung des Viet Kong über den Ho-Chi-Minh-Pfad zu unterbinden. Bis zum März 1973 aber war die Vietnamisierung vollzogen und die amerikanischen Kampftruppen hatten das Land verlassen.

Danach begann die Agonie des südvietnamesichen Regimes. Als der Norden Ende 1974 losschlug, brach die südvietnamesiche Armee, obwohl hochgerüstet und über eine Million Mann stark, wie ein Kartenhaus zusammen. Am 30. April rollten die norvietnamesichen Panzer durch Saigon — der längste Krieg des 20. Jahrhunderts war vorbei. Ihm waren insgesamt weit über drei Millionen Menschen zum Opfer gefallen, der überwiegende Teil davon vietnamesische Zivilisten.

Vietnam feiert

Mit einer Militärparade hat Vietnam an das Ende des Krieges vor 35 Jahren erinnert. Der Fall der damaligen südvietnamesischen Hauptstadt Saigon am 30. April 1975 markierte das offizielle Ende des Vietnamkriegs. Saigon wurde ein Jahr später nach dem verstorbenen Staatschef Nordvietnams in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt. Der damalige Gegener, die USA, ist mittlerweile der wichtigste Handelspartner des Landes.

An der Feier im früheren Saigon nahmen neben Präsident Nguyen Minh Triet auch politische Führer und Gesandte aus Kuba, Russland sowie Kambodscha und Laos teil. Rund 50 000 handverlesene Zuschauer standen an der Paradestrecke, es waren vor allem Kriegsveteranen und Parteikader. Für ausländische Journalisten galt entlang der Paraderoute ein Interviewverbot.

(sda)

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