Mafia-Jäger FalconeSie haben ihn liquidiert - mit 500 Kilo TNT
Vor 20 Jahren riss eine gewaltige Explosion den Mafia-Jäger Giovanni Falcone in den Tod. Das Attentat stürzte das organisierte Verbrechen auf Sizilien in eine Krise, die bis heute andauert.
Am Nachmittag des 23. Mai 1992 landete der 53-jährige Giovanni Falcone, führender Anti-Mafia-Ermittler und Direktor im Justizministerium in Rom, auf dem Flughafen der sizilianischen Hauptstadt Palermo. Er wollte mit seiner Frau ein geruhsames Wochenende in seiner Heimat verbringen. Wie es sich für einen Mann in seiner Position gehört, fuhr er in einem gepanzerten Wagen, der von zwei weiteren Fahrzeugen begleitet wurde, Richtung Stadt; insgesamt sieben Leibwächter sollten für seinen Schutz sorgen.
Doch alle Sicherheitsmassnahmen erwiesen sich als nutzlos, als die Kolonne bei einer Autobahnausfahrt in der Nähe des Städtchens Capaci über ein Kanalisationsrohr fuhr. In diesem Moment wurden 500 Kilogramm Sprengstoff, die sich in 13 im Rohr versteckten Fässern befanden, per Fernbedienung gezündet. Der vorderste Wagen wurde 60 Meter weit in einen Olivenhain katapultiert, dem zweiten wurde der Motor herausgerissen, ehe er in den Explosionskrater fiel, und auch der dritte erlitt Totalschaden. Falcone, seine Frau und drei Leibwächter wurden getötet, die übrigen Bodyguards überlebten mit schweren Verletzungen.
Erfolgreiche Jagd
Es kann nicht erstaunen, dass die «Cosa Nostra» (wie sich die Mafia auf Sizilien nennt) Falcone nach dem Leben trachtete: Während seiner Zeit als Untersuchungsrichter hatte er zusammen mit seinem Kollegen Paolo Borsellino mehr über das organisierte Verbrechen in Erfahrung gebracht als ihre Vorgänger in über 100 Jahren. Dank ihrer Erkenntnisse konnte die Justiz von Palermo im Februar 1986 Anklage gegen 475 mutmassliche Mafiosi erheben. 344 von ihnen wurden im grössten Mafia-Prozess der Geschichte Ende 1987 zu insgesamt 2665 Jahren Haft verurteilt. Damit hatte nicht nur Falcone, sondern auch Borsellino sein Todesurteil unterschrieben: Knapp zwei Monate nach dem Mord an Falcone fiel er in Palermo einem Bombenattentat zum Opfer.
Endlich handelt der Staat
Borsellinos Witwe war strikt gegen ein Staatsbegräbnis für ihren Mann, da er ihres Erachtens von der Politik zu wenig beschützt worden war. Die wenigen Politiker, die es wagten, sich an der Trauerfeier zu zeigen, mussten sich heftige Beschimpfungen anhören.
Doch dieses Mal reagierten die Behörden entschlossen: Rund 20 000 Soldaten trafen auf Sizilien ein, Sonderbehörden wurden eingerichtet, und mit der Unterstützung von Kronzeugen fällten die Gerichte immer schärfere Urteile. Anfang 1993 ging den Ermittlern Salvatore «Totò» Riina ins Netz, der Anführer des dominierenden Clans der Corleonesi und oberste Mafia-Pate. Die «Cosa Nostra» schlug nun wie wild um sich und überzog erstmals nicht nur Sizilien, sondern ganz Italien mit Terror. Zahlreiche Menschen starben bei Bombenattentaten, weltberühmte Kulturdenkmäler wie die Uffizien in Florenz und die Lateranbasilika wurden beschädigt. Selbst Papst Johannes Paul II. verkündete nun, ein Mafioso könne kein Christ sein und trug damit zur Isolierung der Verbrecher bei. 1996 wurde schliesslich auch Giovanni Brusca gefasst, der beim Attentat auf Falcone den Knopf der Fernbedienung gedrückt hatte. Er brüstete sich gerne damit, mehr als 100 Menschen eigenhändig umgebracht zu haben.
Unangenehme Fragen
Die Hintergründe der Anschläge auf Falcone und Borsellino sind bis heute unklar. Wurden die Untaten sogar mit dem Einverständnis der Behörden verübt? Jedenfalls äusserte die Staatsanwaltschaft im sizilianischen Caltanissetta diesen Verdacht, nachdem sie im März 2012 vier Mafiaangehörige hatte verhaften lassen, die in die Attentate von 1992 verwickelt gewesen sein sollen. Gemäss den Ermittlern führte ein General der Carabinieri nach dem Attentat auf Falcone Gespräche mit Mafia-Repräsentanten über einen Waffenstillstand. Diese hätten als staatliche Gegenleistung Hafterleichterungen sowie die Rückgabe beschlagnahmter Vermögenswerte gefordert. Borsellino habe von diesen Gesprächen erfahren und deshalb früher sterben müssen, als ursprünglich geplant gewesen sei. Tatsächlich wurde der verschärfte Strafvollzug für die meisten inhaftierten Mafiosi kurze Zeit später wieder abgeschafft.
Schwere Zeiten für die «Cosa Nostra»
2006 gelang der Polizei mit der Verhaftung des obersten Bosses Bernardo Provenzano ein wichtiger Schlag gegen die sizilianische Mafia; seither ist ihr Einfluss erheblich geringer geworden. Unternehmerverbände setzen sich immer mehr gegen Mitglieder mit Mafiakontakten zur Wehr, und die Studenteninitiative «Addio Pizzo» (Leb wohl, Schutzgeld) geniesst die Unterstützung von über 700 Geschäftsleuten. Der Flughafen von Palermo sowie zahlreiche Schulen und Kasernen in ganz Italien tragen inzwischen die Namen von Falcone und Borsellino.
Leider verläuft die Entwicklung in anderen Regionen Italiens genau umgekehrt: Die kalabrische «'Ndrangheta» und die kampanische «Camorra» erzielen vor allem im Drogenhandel satte Gewinne. Mit geschätzten 90 Milliarden Jahresumsatz ist das organisierte Verbrechen immer noch der zweiterfolgreichste «Konzern» Italiens.
Erinnerung an den Mafia-Jäger
Mit zahlreichen Gedenkfeiern hat Italien am Mittwoch der Ermordung Giovanni Falcones vor genau 20 Jahren gedacht. Ministerpräsident Mario Monti sagte in Palermo auf Sizilien, das ganze Land müsse sich am Kampf gegen die Mafia beteiligen.
Falcones Beispiel müsse allen Italienern neuen Mut für einen unerbittlichen Kampf gegen die Mafia geben. «Die Mafia ist besiegbar», sagte Monti. Die Cosa Nostra dürfe nicht nur auf Sizilien, die 'Ndrangheta nicht nur in Kalabrien und die Camorra nicht nur in Neapel bekämpft werden.
Präsident Georgio Napolitano besuchte das Denkmal an der Autobahn bei Palermo, das an das Attentat auf Falcone erinnert. (sda)