«Gentech ernährt heute keinen Menschen mehr»

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Hans R. Herren«Gentech ernährt heute keinen Menschen mehr»

Als erster Schweizer erhält Hans R. Herren den Alternativen Nobelpreis. Nachhaltige Landwirtschaft könne noch viel mehr Menschen ernähren, sagt der Agrarforscher.

Daniel Huber
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Daniel Huber
Herren in Westpokot in der kenianischen Provinz Rift-Valley (Bild: © Biovision)

Herren in Westpokot in der kenianischen Provinz Rift-Valley (Bild: © Biovision)

Herr Herren, Sie haben den Alternativen Nobelpreis für Ihren Einsatz gegen Hunger und Armut gewonnen. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Hans Rudolf Herren: Es ist eine Anerkennung für all meine Arbeit. Für die Versuche, die Landwirtschaft auf den Prinzipien der Nachhaltigkeit neu aufzubauen.

Was bringt Ihnen der Preis?

Es wird wieder über nachhaltige Landwirtschaft gesprochen, das Thema wird von den Medien aufgenommen. Es ist wichtig, dass das nicht einfach immer wieder verschwindet, denn Landwirtschaft, da sagen wir schnell, die ist einfach da. Da gibt es andere Probleme in der Welt. Aber im Grunde ist es eben doch ein Hauptthema.

Es ist ja nicht Ihre erste Ehrung: 1995 haben Sie den Welternährungspreis erhalten. Mit dem Preisgeld haben Sie die Stiftung Biovision gegründet. Was haben Sie diesmal vor?

Das Preisgeld geht voll und ganz in das neue Projekt «Kurswechsel Landwirtschaft», das wir vor fast zwei Jahren begonnen haben, mit Unterstützung der Deza und anderer Geldgeber. Das Projekt, das die nachhaltige Landwirtschaft auf allen Ebenen politisch stärken soll, testen wir jetzt in drei afrikanischen Ländern: Senegal, Kenia und Äthiopien. Dort unterstützen wir die Behörden bei der Planung ihrer landwirtschaftlichen Strategien.

Den Welternährungspreis haben dieses Jahr neben anderen auch Robert Fraley, ein Führungsmitglied des Monsanto-Konzerns, und der Gentechniker Marc Van Montagu erhalten. Über 80 Preisträger der «Right Livelihood Award»-Stiftung haben dagegen protestiert. Schliessen Sie sich diesem Protest an?

Ja, ich habe auch protestiert. Wenn Sie die Wissenschaft anerkennen wollen, dann ist das in Ordnung. Der Welternährungspreis wird aber – normalerweise – an Personen vergeben, die die Menge an, die Qualität von und den Zugang zu Nahrungsmitteln erhöht haben. Erhöht haben – nicht irgendwann erhöhen werden. Darum frage ich mich, warum sie ausgezeichnet wurden: Wenn es für die Wissenschaft war, war es nicht der richtige Preis. Wenn es für die Erhöhung der Nahrungsmittelmenge und -qualität war, dann stimmt das so einfach nicht.

Stichwort Gentechnik: 2050 werden über neun Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben. Sie alle müssen ernährt werden. Nachhaltige Landwirtschaft in Ehren, aber geht das ohne Gentechnik?

Gentech ernährt heutzutage keinen mehr. Der grösste Teil an Gentech-Pflanzen machen Baumwolle – die isst man bekanntlich nicht – Mais und Sojabohnen aus. Diese essbaren Pflanzen gehen nahezu gesamthaft in die Verarbeitung für Tierfutter, Biodiesel und Ethanol. Man muss wissen: Wir produzieren 4600 Kalorien pro Person und Tag – doppelt so viel, wie man im Durchschnitt benötigt. Das Problem ist also nicht die Menge. Das Problem ist, was wo von wem produziert wird. Ich habe keine Angst, dass wir 2050 mit neun oder zehn Milliarden Menschen nicht genug Nahrungsmittel haben. Wir haben in Afrika gezeigt, dass wir die Erträge um das Zwei- bis Dreifache steigern können – mit nachhaltiger Landwirtschaft, mit biologischen, ökologischen Methoden.

Was bedeutet denn «Nachhaltigkeit» überhaupt?

Ja, was heisst Nachhaltigkeit? Es heisst unter anderem auch nachhaltiger Konsum. Wenn sich der Konsum nicht ändert, also wie man isst, wie man kauft, dann kann sich die Produktion auch nicht ändern. Was die Konsumenten bereit sind zu zahlen, hat einen direkten Einfluss darauf, was die Bauern produzieren. Und wie sie es produzieren. Auf der einen Seite nachhaltig produzieren und auf der anderen Seite Hamburger billig kaufen – diese Rechnung geht nicht auf. Schon gar nicht, wenn man dann noch die Hälfte wegwirft.

Gemäss dem 2008 veröffentlichten Weltagrarbericht, an dem Sie federführend mitgewirkt haben, sind kleinbäuerliche Strukturen der beste Garant für die lokale Ernährungssicherheit. Warum ist das so?

Weil man aus statistischen Daten weiss, dass kleine Familienbetriebe produktiver sind als grossindustrielle. Man produziert mehr pro Hektar, aber auch mehr auf der Farm, denn dort nutzt man das Land besser, dort nutzt man jede Ecke. Und wenn es heute schon eine Milliarde Menschen gibt, die keine Arbeit haben, warum soll man dann noch mehr Bauern rausschmeissen?

Aber gibt es denn nicht zu viele Bauern?

Natürlich, es gibt Orte, wo es viel zu viele hat, dort muss man neu organisieren. Man muss Leute aus der Landwirtschaft rausnehmen, sie kleine Maschinen bauen und reparieren lassen, Produkte verarbeiten, Marketing betreiben. Das muss auf der Landschaft draussen geschehen, es muss nicht immer alles in die Stadt ziehen. Wenn man das will, dann muss man aber auch investieren: Nicht nur in die Landwirtschaft, sondern auch in bessere Schulen auf dem Land, bessere Gesundheitsdienste. Es braucht Zugang zu Strom und Internet –sonst gehen die jungen Leute in die Stadt.

Sie propagieren den «dreidimensionalen Ansatz der Grünen Wirtschaft»: Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft. Was heisst das?

Diese drei Sphären sind alle miteinander verbunden. Eingriffe an einer Stelle des Systems haben Auswirkungen an einer anderen. Man muss mehr systemisch denken; den Leuten fehlt generell der systemische Ansatz. Alles, was wir machen, provoziert eine Reaktion. Wenn man viel Fleisch konsumiert, viel Essen wegwirft, muss man sich fragen, welche Auswirkungen das hat. Das hat gesellschaftliche, ökonomische, ökologische Konsequenzen.

Was ist Ihre Vision? Wie sollte die Welt aussehen, in der Ihre Enkel leben?

Ich weiss nicht, wie sie aussehen wird. Aber ich arbeite mit ganzer Kraft daran, dass sie ein besserer Ort wird für die Menschen.

Verkündung der Preisträger 2013(Quelle: Youtube/Right Livelihood Award Foundation)

Einsatz gegen Hunger und Armut

Der 65-jährige Agrarforscher Hans Rudolf Herren gilt als einer der weltweit führenden Experten in der biologischen Schädlingsbekämpfung und im nachhaltigen Landbau. Er wuchs auf einem Bauernhof im Unterwallis auf, studierte an der ETH Zürich Insektenkunde und schrieb seine Doktorarbeit über biologische Schädlingsbekämpfung. Ein Nachdiplomstudium absolvierte er im kalifornischen Berkeley.

Herren lebte später insgesamt 26 Jahre in Afrika. Von 1994 bis 2005 leitete er das internationale Institut für Insektenforschung icipe in Nairobi. Seit 2005 ist er auch Präsident des international tätigen Millenium-Institutes in Washington.

In den 80er Jahren gelang ihm der Durchbruch. Damals entwickelte er eine Schädlingsbekämpfungs-Methode mit einer aus Südamerika importierten Schlupfwespe. Damit konnten Schmierläuse, die die Maniokpflanze in Afrika bedrohten, bekämpft werden. Dieses Programm rettete vermutlich Millionen von Menschen das Leben, denn Maniok zählt zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln dieser Region. 1995 erhielt Herren dafür den Welternährungspreis. Mit dem Preisgeld gründete er die Stiftung Biovision.

Die Stiftung Right Livelihood Awards, die sei 1980 den Alternativen Nobelpreis vergibt, lobt das Schaffen von Hans R. Herren als «bahnbrechende praktische Arbeit», die einer «gesunden, sicheren und nachhaltig globalen Nahrungsversorgung den Weg bahnt.»

(sda/dhr)

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