Ältester Hund in der Schweiz entdeckt

Aktualisiert

ArchäologieÄltester Hund in der Schweiz entdeckt

Der Hund ist der beste Freund des Menschen - aber seit wann? Im Kanton Schaffhausen haben Forscher einen 14 000 Jahre alten Oberkiefer entdeckt. Es ist das weltweit älteste eindeutige Hundefossil.

Simon Koechlin
SDA
von
Simon Koechlin
SDA
Der Oberkieferknochen vom Kesslerloch. (Bild: Hannes Napierala, Universität Tübingen)

Der Oberkieferknochen vom Kesslerloch. (Bild: Hannes Napierala, Universität Tübingen)

Das Oberkieferstück war gemeinsam mit diversen anderen Tierknochen bereits im Jahr 1873 im Kesslerloch bei Thayngen entdeckt und ausgegraben worden. Forscher der Universität Tübingen untersuchten die Funde in den letzten Jahren genauer - und identifizierten den Kiefer nun als den eines Hundes.

Wie die beiden Archäologen Hannes Napierala und Hans-Peter Uerpmann im Fachmagazin «International Journal of Osteoarchaeology» berichten, lebte der Hund laut Datierungen vor 14 100 bis 14 600 Jahren. «Zu dieser Zeit waren die Menschen noch Jäger und Sammler», sagte Napierala.

Kleinerer Reisszahn

Vor allem die Grösse des Reisszahnes macht die Tübinger Forscher sicher, dass es sich um einen Hund und nicht um einen Wolf handelt. Er ist deutlich kleiner als Reisszähne von heutigen und von ebenfalls im Kesslerloch gefundenen prähistorischen Wölfen. Auch der Kiefer und die übrigen Zähne unterscheiden sich von jenen von Wölfen.

Für Napierala und Uerpmann ist der Kesslerloch-Hund der älteste eindeutige Nachweis für den heute so treuen Begleiter des Menschen. Zwar haben Forscher schon einige Male ältere Knochen dem Hund zugeordnet. Vor zwei Jahren etwa erklärten belgische Archäologen, sie hätten einen rund 30 000 Jahre alten Hundeschädel entdeckt.

«Doch wir sind skeptisch, ob es sich dabei wirklich um einen Hund handelt», sagte Napierala. Die Zähne des belgischen Schädels seien jenen von Wölfen sehr ähnlich. Und die als Hunde-Indiz angeführte breite, kurze Schnauze könne sich auch bei der Evolution des Wolfs gebildet haben - als Folge einer Spezialisierung auf grössere Beutetiere.

Ursprung unbekannt

Auch mit dem Fund im Kesslerloch bleibt offen, wann der Mensch erstmals Wölfe gezähmt hat. Aus der Form des Kiefers schliessen die Forscher, dass die Zucht vor 14 000 Jahren bereits fortgeschritten gewesen sein muss. Es sei aber schwierig zu beurteilen, wie lange die Domestizierung dauerte, um die beobachtete Formveränderung zu bewirken, sagte Napierala.

Auch wo der Hund wirklich herstammt, ist unklar. Genetische Studien spekulieren, dass China die Wiege der Hunde sein könnte. Napierala und Uerpmann sind aber nicht überzeugt davon, dass der Wolf in China gezähmt und dann erst nach Europa gebracht wurde. Sie halten es genauso gut möglich, dass die Domestizierung in verschiedenen Erdteilen separat ablief.

Erbgut entschlüsseln

Zu einem genaueren Bild der Ursprünge des Hundes beitragen könnten genetische Vergleiche zwischen verschiedenen prähistorischen Hunden und Wölfen. Dazu soll auch der Kesslerloch-Hund beitragen; die Forscher wollen sein Erbgut aus einer Knochenprobe rekonstruieren. Die Chancen dafür seien gut, sagte Napierala. Der Oberkiefer sei nämlich in einem bemerkenswertem Zustand.

Ermöglicht wurde die Entdeckung der Tübinger Archäologen durch eine Zusammenarbeit mit der Kantonsarchäologie des Kantons Schaffhausen. Diese ist daran, gemeinsam mit verschiedenen Partnern die diversen Fundstücke aus dem Kesslerloch - die alle vor mehr als 100 Jahren ausgegraben wurden - mit modernen Methoden neu zu untersuchen.

Eine Schatztruhe der späten Eiszeit

Das Kesslerloch bei Thayngen SH gehört zu den bedeutendsten archäologischen Fundstellen der späten Eiszeit in Europa. Die Höhle diente vermutlich Rentierjägern als Sommerlager. Entdeckt wurden darin nicht nur Tierknochen, sondern auch regelrechte Kunstwerke.

Bei den Ausgrabungen im späten 19. Jahrhundert kamen im Kesslerloch mehrere tausend Artefakte aus der Zeit von etwa 14 000 bis 12 000 vor Christus zum Vorschein. Darunter befinden sich auch Werkzeuge, Geschossspitzen und herausragende Kleinkunst: Besonders bekannt ist das so genannte «Weidende Rentier» - eine Gravur auf einem Lochstab aus Rentiergeweih.

Wie der Schaffhauser Kantonsarchäologe Markus Höneisen auf Anfrage der SDA sagte, hat der Platz, an dem sich Rentierjäger vermutlich im Sommerhalbjahr zur saisonalen Jagd trafen, noch lange nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben. Theoretisch wären laut ihm neue Grabungen möglich und wahrscheinlich äusserst interessant.

Probebohrungen hätten nämlich ergeben, dass unter dem Vorplatz der Höhle noch ausgedehnte Schichten mit Feuersteinen und Tierknochen aus der späten Eiszeit liegen. Die Kantonsarchäologie sei aber momentan nicht in der Lage, diese Ausgrabungen voranzutreiben. Sie habe mit Notgrabungen bei Bauprojekten alle Hände voll zu tun.

Zum Problem für die Archäologen werden könnte ein Recyclinganlage für Metallschrott, die in unmittelbarer Nähe des Kesslerlochs geplant ist. Ein Unfall, bei dem zum Beispiel Säure auslaufe, würde die einzigartigen noch nicht untersuchten Schichten gefährden, sagte Höneisen. Es gelte deshalb unbedingt, das Projekt zu verhindern.

(sda)

Deine Meinung zählt