«Die Schneegrenze ist um 300 Meter gestiegen»

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Klimawandel«Die Schneegrenze ist um 300 Meter gestiegen»

Der Klimawandel scheint oft abstrakt und kaum fassbar. Dabei verlieren Gletscher in der Schweiz aktuell durchschnittlich einen Meter Dicke pro Jahr, wie ein Klimaforscher der ETH sagt.

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Im vergangenen Winter kämpften diverse Skigebiete mit hohen Temperaturen: Blick auf den Zielhang am «Chuenisbärgli» in Adelboden. (1. Januar 2016)
Auch in Airolo im Tessin war der Schneespass recht eingeschränkt. (16. Dezember 2015)
Auch das Langlaufzentrum Bleniotal bei Campra Olivone kämpfte mit Schneemangel. (27. Dezember 2015)
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Im vergangenen Winter kämpften diverse Skigebiete mit hohen Temperaturen: Blick auf den Zielhang am «Chuenisbärgli» in Adelboden. (1. Januar 2016)

Keystone/Peter Schneider

«Meine Mutter lernte noch im Emmental Ski fahren auf einer Höhe von 500 bis 700 Metern», sagt Reto Knutti. Der Klimaphysiker der ETH ist einer von rund 70 Forschern, die morgen Montag einen neuen Bericht über den Klimawandel in der Schweiz veröffentlichen. Im Interview mit der «NZZ am Sonntag» stellt er ernüchternd fest: «Heute spricht dort (im Emmental) niemand mehr über das Skifahren. Und von den Gletschern in der Schweiz bleibt bis Ende des Jahrhunderts nicht mehr viel übrig.»

Knutti – einer der Hauptautoren der Studien des Weltklimarats IPCC – sagt, dass sich das Klima hierzulande bereits verändert hat. So habe sich die Durchschnittstemperatur in der Schweiz gegenüber vorindustriellen Zeiten bereits um rund zwei Grad erhöht, doppelt so viel wie der weltweite Durchschnitt. «Seit man gute Beobachtungen hat, ist die Schneegrenze in der Schweiz um rund 300 Meter gestiegen.»

Gletscher schmelzen

Gehe man von einem mittleren Emissionsszenario aus, würde bis Ende des Jahrhunderts die Schneegrenze je nach Ort um weitere 500 bis 700 Meter steigen, so Knutti weiter. Für Skigebiete auf 1000 bis 2000 Metern Höhe werde das «sehr problematisch», da helfe dann auch künstliche Beschneiung nichts mehr.

Dabei überrascht, wie schnell der Klimawandel voranschreitet. In den letzten 40 Jahren habe die Gletscherfläche um einen Drittel abgenommen. Und aktuell würden die Gletscher pro Jahr durchschnittlich einen Meter an Dicke verlieren.

Wieso investieren die Österreicher?

Die Skigebiete werden sich wohl auf den Klimawandel einstellen müssen. Einige Orte hätten sich bereits stark diversifiziert und das Sommergeschäft aufgegriffen. Als Beispiel nennt Knutti Gstaad, wo der Wintersport nur noch eines von vielen Standbeinen sei. «Das Angebot reicht vom Tennisturnier über das Country-Wochenende bis zu den Kochwochen.»

Nicht nur der Schweizer Wintertourismus ringt mit den Veränderungen. Österreich stehe vor genau dem selben Problem – im Nachbarland liegen sogar noch mehr Gebiete in tieferen Lagen. «Interessant ist, dass dort zurzeit immense Summen in die Skigebiete investiert werden.» Knutti verwundert diese Strategie: «Aus meiner Sicht ist das mit grossen Fragezeichen verbunden – wegen der fehlenden Schneesicherheit und weil immer weniger Menschen Ski fahren.»

Arbeit ab morgen frei zugänglich

Die Forscher wollen mit dem Bericht «Brennpunkt Klima Schweiz» den aktuellen Stand des Wissens auf verständliche Art und Weise für Laien zusammenfassen. Der Bericht sollte morgen Montag ab 10.15 Uhr frei zugänglich auf www.proclim.ch/brennpunkt verfügbar sein.

Klimaphysiker Reto Knutti ist Professor an der ETH, wo er an Klimamodellen forscht. Er ist einer der Hauptautoren der Studien des Weltklimarats IPCC und wirkte am Bericht «Brennpunkt Klima Schweiz» mit, der morgen veröffentlicht wird. (Archivbild) (Bild: Martin Rütschi)

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