Versteckter VerbrauchFür eine Tasse Kaffee brauchts 130 Liter Wasser
Eine neue Studie zeigt, wie viel Wasser wir tatsächlich verbrauchen. Die Zahlen sind verblüffend. Ein Experte von WWF Schweiz erklärt, welche Produkte am meisten Wasser schlucken.
Der aktuelle direkte Wasserverbrauch in der Schweiz liegt bei 325 Liter pro Person und Tag. Das sind rund 118 Kubikmeter pro Jahr. So die offizielle Statistik des Schweizerischen Vereins des Gas- und Wasserfaches. Eine aktuelle Studie kommt indes zu einem gänzlich anderen Ergebnis. Demnach liegt weltweit der Wasserverbrauch im Durchschnitt bei 1385 Kubikmetern pro Person und Jahr – etwa 8600 Badewannen voll. Herr und Frau Schweizer verbrauchen sogar noch mehr.
Die Zahlen beruhen auf einer detaillierten Analyse des direkten und indirekten Wasserverbrauchs. Arjen Hoekstra und Mesfin Mekonnen von der Universität Twente in den Niederlanden legen ihrer Untersuchung den sogenannten «Wasserfussabdruck» zugrunde. Er gibt an, wie viel Süsswasser eine Person oder ein ganzes Land verbraucht. Dabei wird die gesamte Wassermenge, die der Mensch bei der Produktion industrieller Güter und landwirtschaftlicher Produkte sowie für den persönlichen Gebrauch benötigt, eingerechnet. Dieses Vorgehen ist keinesfalls neu. Allerdings war die Datenbasis bei früheren Studien nie so umfassend wie bei der aktuellen. Die Untersuchung betrachtet den Zeitraum von 1996 bis 2005. Daraus entstanden ist eine Art Weltkarte des Wasserverbrauchs der Menschheit.
Die weltweit grössten Wasserschlucker
Der globale Wasserfussabdruck betrug in absoluten Zahlen jährlich 9 087 Milliarden Kubikmeter - das ist rund 190 Mal so viel wie der Inhalt des Bodensees. Interessant dabei: «Die Agrarproduktion hat den grössten Anteil, sie ist für 92 Prozent des weltweiten Fussabdrucks verantwortlich», wie Hoekstra in der Fachzeitschrift «Proceedings» erklärt. Die industrielle Produktion trägt 4,4 Prozent bei, der häusliche Verbrauch lediglich 3,6 Prozent. Besonders viel Wasser benötigen China, Indien und die USA. Dort sind es 1207, 1182 und 1053 Milliarden Kubikmeter. Damit sind die drei Länder für 38 Prozent des globalen Fussabdrucks verantwortlich. Wie kommen die Zahlen zustande? Welche Produkte schlagen in der Wasserbilanz besonders schwer zu Buche? Und wie können Verbraucher helfen, Wasser zu sparen und einer globalen Wasserkrise vorzubeugen? Wir haben nachgefragt bei Stefan Inderbitzin, Kommunikationsbeauftragter Wasser bei WWF Schweiz.
Der direkte Wasserverbrauch in der Schweiz ist seit einigen Jahren rückläufig. Freut das den WWF?
Stefan Inderbitzin: Das ist eine gute Nachricht und freut uns. Allerdings müssen wir uns bewusst sein, dass wir nur ganz wenig Wasser direkt verbrauchen – das meiste verbrauchen wir indirekt und primär im Ausland, weil wir Produkte konsumieren und nutzen, bei deren Herstellung zum Teil viel Wasser verbraucht wurde. Das wird auch als virtuelles Wasser bezeichnet.
Was bedeutet virtuelles Wasser?
Mit dem Begriff wird das Wasser umschrieben, das in Produkten wie Lebensmitteln oder Kleidung steckt, die wir im Alltag konsumieren. Für eine einzige Tasse Kaffee braucht es fast eine Badewanne voll Wasser, weil Kaffeepflanzen sehr wasserintensiv sind. Jedes erzeugte Produkt hinterlässt also während der Herstellung einen unsichtbaren Wasserfussabdruck (siehe Infobox rechts). Die Spur des Wasserverbrauchs lässt sich so imaginär zurückverfolgen und die Menge aufaddieren.
Haben Sie ein Beispiel?
Bis ein Rind schlachtreif ist, dauert es drei Jahre. Es liefert dann 200 Kilo knochenloses Fleisch. In den drei Jahren bis zur Schlachtung frisst das Rind 1300 kg Getreide und 7200 kg Raufutter. Hinzu kommen 24 Kubikmeter Trinkwasser und 7 Kubikmeter Wasser für die Reinigung der Ställe und weiteres mehr. Rechnet man alles zusammen, stecken in einem einzigen Kilo Rindfleisch schlussendlich 15 500 Liter Wasser. Ein anderes Beispiel ist Baumwolle. Für die Herstellung von einem Kilo Baumwollstoff braucht es 11 000 Liter Wasser, was die Umwelt schädigt. Aufgrund des Baumwollanbaus ist beispielsweise in Usbekistan der Aralsee in den letzten 40 Jahren um 85 Prozent geschrumpft.
Wie hoch ist der tatsächliche Wasserverbrauch in der Schweiz, wenn man das versteckte Wasser mitberücksichtigt?
Zieht man alle Güter und Produkte, die verbraucht werden, in die Bilanz mit ein, liegt der Verbrauch bei einigen Tausend Litern Wasser pro Kopf und Tag. In Europa liegt die Schweiz damit etwa im Mittelfeld. Wenn man hingegen allein die importierten wasserintensiven Produkte betrachtet, gehört die Schweiz in Europa zu den Spitzenländern.
Was sind die Gründe dafür, dass der indirekte Wasserverbrauch hierzulande so hoch ist?
Wir importieren viele Produkte, die sehr wasserintensiv sind. Zum Beispiel Nüsse aus der Türkei. Andererseits exportieren wir wenige wasserintensive Produkte. Somit fällt die Bilanz sehr negativ aus.
Welche Produkte sind in dieser Hinsicht die wahren Übeltäter?
Vor allem Kakao, Kaffee und Zucker sind echte Schwergewichte. Allerdings muss man hier zugute halten, dass diese Produkte meist in Regionen hergestellt werden, in denen Wasser nicht unbedingt knapp ist. Anders sieht es aus bei Fleisch, Tomaten, Reis und Weizen. Oft werden sie in Gegenden hergestellt, in denen Wassermangel herrscht. Erdbeeren aus Spanien sind ein Paradebeispiel. Dort wird für die Bewässerung der Felder so viel Wasser abgezapft, dass ganze Flussdeltas auf Dauer auszutrocknen drohen.
Hilft es, wenn Verbraucher Ökoprodukte kaufen, um Wasser zu sparen?
Unbedingt. Regionale und saisonale Produkte sind importierten in aller Regel vorzuziehen, weil wir so nicht Wasser dort verschwenden, wo es wirklich knapp ist. Zumal wir bei diesen Produkten wegen den kürzeren Transportwegen auch weniger CO2 produzieren.
Virtuelles Wasser
Der Begriff wurde vom John Anthony Allan 1995 geprägt. Der englische Geograf beschreibt damit die Wassermenge, die zur Erzeugung eines Produkts tatsächlich verbraucht wird. Das Modell des virtuellen Wassers soll unter anderem aufzeigen, dass wasserintensive und exportorientierte Agrarnutzung in Trockenregionen der Erde ökologisch unsinnig und wirtschaftlich vergleichsweise unrentabel ist. Wasserarme Länder können durch gezielten Import von Gütern, deren Herstellung viel Wasser benötigt, ihre eigenen Wasserressourcen schonen.

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