Hunderte OpferDas rätselhafte Sterben der Wale vor Argentinien
Im Südatlantik verenden Jahr für Jahr dutzende Wale, ohne dass die Wissenschaft eine Erklärung dafür hat. Die Anzeichen verdichten sich, dass Möwen mitverantwortlich sein könnten.
Seit 2003 haben Forscher vor der argentinischen Valdes-Halbinsel 605 tote Südkaper gezählt, davon 538 neugeborene Kälber. Die Wildlife Conservation Society (WCS) spricht vom schlimmsten je registrierten Massensterben der Art. Und noch immer ist nicht klar, woran die Meeresriesen gestorben sind. In Gewebeproben konnten weder Spuren von Infektionskrankheiten noch von tödlichen Giften gefunden werden.
Seit längerem beobachten Mariano Sironi und Vicky Rowntree vom Southern Right Whale Health Monitoring Program allerdings ein Phänomen, dass den Südkapern wohl stärker zusetzt als vermutet: Dominikanermöwen landen auf den Meeressäugern, die zum Luftholen auftauchen, und picken ihnen Stücke von Haut und Walspeck aus dem Rücken.
«Die Attacken sind sehr schmerzhaft und hinterlassen grosse tiefe Wunden, besonders auf den Rücken der 2-6 Wochen alten Kälber», erklärten die Wissenschafter in einer Mitteilung vom WCS. «Diese Belästigungen können Stunden am Stück dauern. Die Mütter und ihre Kälber brauchen als Folge viel mehr wertvolle Energie. Und dies zu einer Jahreszeit, in der die Mütter gewöhnlich fasten und wenig bis keine Nahrung finden, um ihre Fettreserven aufzufüllen.»
Im Sommer des vergangenen Jahres hatte die Regierung der argentinischen Provinz Chubut gar beschlossen, die Möwen gezielt abzuschiessen, um die Wale zu schützen. Offenbar mit wenig Erfolg. Greenpeace kritisierte damals die Abschusspläne und forderte, statt die Möwen zu erschiessen, müsse vielmehr etwas gegen die offenen Mülldeponien sowie die Abfälle und Fischreste im Wasser getan werden, die die aasfressende Möwen-Art anlockten.
Erholung der Bestände gefährdet
Alleine im letzten Jahr starb eine Rekordzahl von 116 Südkapern, wovon 113 Kälber waren. «2012 verloren wir fast einen Drittel der bei der Halbinsel geborenen Kälber», erklärte Sironi, der wissenschaftliche Direktor des argentinischen Walschutzinstituts. «Südkaper haben durchschnittlich mit neun Jahren erstmals Kälber. Wir werden also in einem Jahrzehnt einen signifikanten Rückgang bei neugeborenen Kälbern sehen. Dann werden alle jetzt verendeten Weibchen fehlen.»
Das Massensterben trifft eine Art, die stark unter dem Walfang gelitten hatte, sich inzwischen aber erholen konnte. «Die Population der Südkaper beträgt immer noch lediglich einen Bruchteil ihrer Originalgrösse und nun müssen wir um die Erholung der Bestände fürchten», sagte Rowntree gegenüber «Live Science».
Obwohl die Südkaper nicht als bedrohte Art gelten, warnen Naturschützer vor den Folgen, sollte das mysteriöse Massensterben auf ihre Schwesterart übergreifen. Im Nordatlantik leben lediglich noch 500 Nordkaper. Sind stark vom Aussterben bedroht, da sie sich nie vom Walfang erholen konnten.