Weltkriegsbomben im Meer – die Gefahr wächst

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Toxische AltlastenWeltkriegsbomben im Meer – die Gefahr wächst

In der Nord- und Ostsee liegen noch immer Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg. Anders als erhofft, wurden sie mit der Zeit aber nicht unschädlich. Im Gegenteil.

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Wer Ferien an der  Nord- oder Ostsee macht, rechnet mit Wind, Strand und Meer.
Doch so unberührt und unschuldig wie die Natur auf den ersten Blick scheint, ist sie nicht.
Auf dem Meeresgrund liegen offiziell noch rund 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 220'000 Tonnen chemische Kampfmittel.
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Wer Ferien an der Nord- oder Ostsee macht, rechnet mit Wind, Strand und Meer.

Wikimedia Commons/L-BBE/CC BY 3.0

Aus dem Auge, aus dem Sinn. Das erhofften sich diejenigen, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine Vielzahl Waffen in der Nord- und Ostsee entsorgten: «Die Alliierten hatten Angst, die Deutschen könnten damit eine Art Partisanenkrieg führen, und schütteten einfach alles ins Meer», zitieren deutsche MedienJens Greinert vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

Auch Seeminen, die von den Alliierten gelegt wurden, um deutsche Kriegsschiffe zu vernichten, liegen noch auf dem Grund.

Das hat Folgen: Zwar kam es nicht zum befürchteten Angriff. Aber vom versenkten Kriegsmaterial – offiziell rund 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 220'000 Tonnen chemische Kampfmittel – geht noch immer Gefahr aus. Und die wächst Jahr für Jahr.

Toxisch und explosiv

Anders als angenommen wurden die versenkten Materialien mit den Jahren nicht unschädlich, sondern rosteten und geben nun ihre Inhaltsstoffe frei. Diese könnten über Meerestiere auf unseren Tellern landen. Zudem kann das in den Bomben enthaltene TNT nach wie vor explodieren.

Was das für Umwelt, Tiere und Menschen konkret bedeutet, ist unklar. «Es fehlt das Basiswissen, eine Folge der jahrzehntelangen Untätigkeit», so Greinert, der auch das Projekt Udemm (Umweltmonitoring für die Delaboration von Munition im Meer) leitet. Das soll sich nun ändern. Gemeinsam mit seinen Kollegen erforscht Greinert, «was da unten vor sich geht».

Muscheln zeigen Verseuchungen an

Helfen sollen dabei in Zukunft ferngesteuerte Roboter, die die Sprengstoffe am Grund des Meeres deaktivieren. Weil dafür jedoch die Waffen aufgeschnitten werden müssen, könnten weitere Inhaltsstoffe freigesetzt werden, die das Meer kontaminieren. Ob das wirklich so ist und wie sich das auf die Umwelt auswirkt, ist Gegenstand aktueller Untersuchungen.

Dabei setzen Greinert und seine Kollegen Muscheln in kleinen Körbchen auf die Kampfstoffe. Die Tiere spülen pro Stunde mehrere Liter Wasser durch ihren Körper und filtern es. Erste Vorher-nachher-Vergleiche der Muscheln zeigten bereits, dass sich schädliche TNT-Abbauprodukte im Muschelgewebe anreichern.

Gefahr noch lange nicht gebannt

Um herauszufinden, wann eine Bergung sinnvoll ist oder wann sie wegen ungünstiger Strömungen in Richtung Küste besser nicht durchgeführt wird, arbeiten die Forscher in der Ostsee zudem mit einem Simulationsmodell, das die Strömungen und Temperaturen mit einberechnet.

Obwohl noch viele Fragen offen sind, ist das Bergen des Kriegsmaterials unausweichlich, denn die von ihm ausgehende Gefahr wird immer grösser. Schliesslich werden Fahrrinnen für Schiffe freigelegt und Pipelines gebaut – beides Situationen, in denen die Granaten, Bomben und Seeminen touchiert werden könnten.

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