Weisheit der MasseZumeist falsch, im Durchschnitt aber richtig
Bei Schätzfragen sind Menschenmengen unschlagbar: Der Mittelwert vieler Schätzungen liegt meist sehr nahe an der richtigen Lösung. Sofern keiner verrät, was er geschätzt hat.
Dass die «Weisheit der Vielen» unter sozialem Einfluss verschwindet, zeigt eine Studie der ETH Zürich.
Anfang des 20. Jahrhunderts liess der britische Forscher Francis Galton das Publikum auf einem Viehmarkt das Gewicht eines Ochsen schätzen. Eigentlich wollte er damit beweisen, wie dumm die Massen sind. Doch zu seinem Erstaunen zeigte sich: Der Mittelwert aller Schätzungen lag sehr nahe am effektiven Gewicht des Ochsen.
Der Befund ging als «Wisdom of crowds», also «Weisheit der Vielen», in die Lehrbücher ein. Eine Menge von Menschen kommt demnach eher auf die richtige Lösung als eine Einzelperson. Dies gilt laut Studien unter vielerlei Umständen: von Schätzfragen über Aktienkursen bis zu Quizshows.
Grenzlänge und Bevölkerungsdichte
Eine Studie von Forschern der ETH Zürich zeigt nun aber, dass sich Massen eben doch irren und von der Wahrheit entfernen können, wie es in einem Bericht der Webzeitung «ETH Life» heisst. Dies kann schon dann geschehen, wenn Menschen nur milde von aussen beeinflusst werden, wie die Wissenschaftler im Fachmagazin «PNAS» berichten.
Der Mathematiker Jan Lorenz und der Soziologe Heiko Rauhut stellten insgesamt 144 Studenten sechs Fragen - zum Beispiel, wie hoch die Bevölkerungsdichte in der Schweiz liegt, wie lang die Grenze zwischen Italien und der Schweiz ist oder wie viele Menschen im Jahr 2006 nach Zürich zogen.
Ein Teil der Probanden musste ihre Antworten geben, ohne über die Schätzungen der anderen im Bilde zu sein. Die anderen bekamen entweder den Durchschnittswert der übrigen Probanden oder gar die individuellen Schätzungen aller zu Gesicht. Alle Probanden bekamen einen finanziellen Anreiz - je besser die Antwort, desto mehr Geld.
In die Irre geführt
Das Resultat: Wussten die Probanden, was die anderen geschätzt hatten, glichen sich ihre Schätzungen an. Die Meinungsvielfalt ging verloren. Gleichzeitig vergrösserte sich gegenüber den unbeeinflussten Schätzungen der Fehler des Kollektivs: Der gemeinsame Nenner lag also nicht bei der richtigen Lösung, sondern irgendwo.
Der Einzelne verlässt sich also - fälschlicherweise - darauf, dass die Gruppe die richtige Lösung gefunden hat. Dies lasse sich auch im Internet beobachten, heisst es in «ETH Life». Ein mittelmässiger Song könne zum Hit werden, wenn hohe Download-Zahlen publiziert würden. Das steigere das Vertrauen der User, dass das Lied wirklich gut sei.
Beispiel Finanzkrise
Ein solcher Herdentrieb, gepaart mit Selbstüberschätzung, sei letztlich auch einer der Gründe gewesen für die Finanzkrise, zitiert «ETH Life» Studienmitautor Dirk Helbing. Finanzexperten beeinflussten andere Finanzexperten, Warnungen wurden in den Wind geschlagen und abweichende Meinungen ignoriert.
Je geringer die Beeinflussungen, desto besser würden die mittleren Schätzungen, sagte Helbing. Deshalb sei die Unabhängigkeit der verschiedenen Meinungen enorm wichtig. «Pluralismus ist besser als Konsens.» Allerdings sei heute vielfach schlicht unmöglich, dass Menschen Dinge unbeeinflusst beurteilten. (sda)