Kommunismus-KernschmelzeTschernobyl - Sargnagel für die Sowjetunion
Das AKW von Tschernobyl galt in der UdSSR als Musterkraftwerk. Als der Reaktorblock 4 am 26. April 1986 in die Luft flog, war das einer der Anfänge vom Ende der Sowjetunion.
Am 26. Dezember 1991 hörte der grösste Flächenstaat der Erde formal auf zu existieren. In der Alma-Ata-Erklärung hatten die Staatsoberhäupter von Russland und der übrigen Nachfolgerepubliken der Sowjetunion deren Ende kurz zuvor besiegelt. Nun vollzog der Oberste Sowjet die Auflösung der Union. Der hochgerüstete Koloss, Gegenspieler der westlichen Vormacht USA, war nicht mehr.
Die Gründe für den Niedergang und schliesslich die Auflösung der östlichen Supermacht sind naturgemäss mannigfaltig. Tschernobyl ist nur einer davon, und nicht einmal der wichtigste. In der Katastrophe von Tschernobyl traten jedoch die Unzulänglichkeiten des sowjetischen Systems drastisch und in exemplarischer Weise zutage. Hier explodierte nicht nur ein Reaktor und spie eine radioaktive Wolke ins Land hinaus, hier implodierte zugleich ein Lügengebäude und verseuchte dabei die letzten Reste an Vertrauen, die die sowjetische Führung noch genoss. Besonders fatal wirkte sich dabei der Umstand aus, dass ebendiese Führung damals aus Reformern bestand, die durch ihren Umgang mit dem Desaster nachhaltig diskreditiert wurden.
Katastrophe heruntergespielt
Das Ende 1983 fertiggestellte Atomkraftwerk in Tschernobyl mit seinen graphitmoderierten Siedewasserreaktoren war ein Vorzeigeobjekt in der Sowjetunion. Technische Störungen in dem Prestigebau wurden vertuscht, entsprechend erfuhr dessen Bedienmannschaft auch nichts von Unfällen, die es in anderen, typengleichen Reaktoren gegeben hatte. Als es dann am 26. April im Reaktorblock 4 zu dem fatalen Unglück kam, reagierte die Kraftwerksleitung reflexartig nach dem gleichen Muster: So lange wie möglich wurde das Ausmass der Katastrophe heruntergespielt. So behauptete Schichtleiter Aleksandr Akimow noch bis zum Abend des 26. April, der Reaktorkern sei intakt geblieben.
Die sowjetischen Behörden taten es ihm gleich. Zunächst verhängten sie eine Nachrichtensperre; erst als die radioaktive Wolke den Westen erreichte und in Schweden erhöhte Radioaktivität gemessen wurde, bequemte sich die Führung am 28. April zu einer Verlautbarung: Die amtliche Nachrichtenagentur TASS meldete erstmals einen «Unfall» im AKW Tschernobyl. Am selben Abend berichtete dann auch die Nachrichtensendung «Wremja» von der «Havarie». Als dann die ersten Bilder erschienen, die von einem Helikopter aus aufgenommen worden waren, wurde darauf die Rauchsäule wegretuschiert, die über der Atomruine aufstieg.
«Keine vorsätzliche Täuschung»
Die schleppende Informationspolitik verband sich mit den altbekannten Übeln des Sowjetsystems – Bürokratie, Heimlichtuerei, Korruption – zu einem verhängnisvollen Gemisch. Die rund 50 000 Einwohner von Pripjat, der nur vier Kilometer von Tschernobyl entfernten Retortenstadt, wurden erst 36 Stunden nach der Explosion evakuiert – nur für ein paar Tage, wie ihnen zunächst weisgemacht wurde. In Kiew fand die Parade zum 1. Mai wie gewohnt statt, obwohl nur wenige Kilometer weiter nördlich immer noch der Reaktor brannte.
Was das Politbüro in Moskau wann genau wusste, ist umstritten. Es habe «keine vorsätzliche Täuschung» seitens der Regierung gegeben, schrieb Michail Gorbatschow, damals der starke Mann im Kreml, in einem Artikel zum 20. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl. Das Politbüro habe «einfach eineinhalb Tage lang über keinerlei Informationen» verfügt.
Für Gorbatschow war Tschernobyl noch mehr als die von ihm begonnene Politik der «Perestrojka» (dt. Umbau) verantwortlich für den Zusammenbruch der Sowjetunion fünf Jahre später. Die Katastrophe habe «mehr als alles andere» die Durchsetzung der freien Meinungsäusserung ermöglicht. In der Tat stärkte Tschernobyl der Forderung nach «Glasnost» (dt. Transparenz) entscheidend den Rücken.
Verhängnisvolle Transparenz
Ebendiese Transparenz aber wurde der Sowjetunion zum Verhängnis: Die neue Offenheit förderte das Versagen und die Desinformationspolitik der Behörden in Tschernobyl und anderswo zutage und unterminierte damit das Vertrauen der Bevölkerung. Und schliesslich arbeitete Glasnost jenen nationalistischen Kräften in die Hände, die ihre Republiken am liebsten aus dem Vielvölkerstaat gelöst hätten.
Die wirtschaftlichen Folgekosten des Super-GAUs in Tschernobyl lassen sich nicht genau beziffern. Der Ausfall des Reaktors und die zeitweise Abschaltung von typengleichen Meilern führte zu einer «Stromlücke», die dem Wirtschaftswachstum zusetzte. Die Lebensmittelpreise stiegen markant und auch das sowjetische Haushaltsdefizit wuchs rasant.
«Eine Geschichte von Getreide und Öl»
Allerdings kämpfte die sowjetische Wirtschaft ohnedies mit schwerwiegenden strukturellen Problemen. Jegor Gaidar, russischer Wirtschaftsminister unter Boris Jelzin, sagte es so: «Vereinfacht gesagt könnte die Geschichte des Zusammenbruchs der Sowjetunion als eine Geschichte von Getreide und Öl erzählt werden.» Die Getreideproduktion der kollektivierten sowjetischen Landwirtschaft konnte bereits in den Sechzigerjahren nicht mehr mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten – 1963 musste das Land bereits 12 Millionen Tonnen Getreide importieren und mit einem Drittel seiner Goldreserven bezahlen.
Da die sowjetische Industrie kaum Güter herstellen konnte, die im Ausland begehrt waren, musste der stetig steigende Getreideimport mit dem Export von Rohstoffen finanziert werden. Zum Glück für den Kreml konnten in Westsibirien zur gleichen Zeit gewaltige Ölfelder erschlossen werden. Und in den Siebzigerjahren kannte der Ölpreis nur eine Richtung: nach oben. Doch in den Achtzigerjahren ging die Ölproduktion allmählich zurück, und nachdem Saudi-Arabien im September 1985 die Ölförderung angekurbelt hatte und der Ölpreis drastisch fiel, ging die Rechnung nicht mehr auf.
Die Rechnung konnte umso weniger aufgehen, als sich die Sowjetunion zur gleichen Zeit einen kostspieligen Krieg in Afghanistan und ein ruinöses Wettrüsten mit dem Westen leistete. Gorbatschow zog dann zwar 1989 die Truppen aus Afghanistan ab und schlug gegenüber dem Westen eine Politik der Entspannung ein. Aber diese Schritte kamen zu spät. Das Sowjetimperium ging unter. Tschernobyl hatte ihm vielleicht nicht den Todesstoss versetzt, wie Gorbatschow meint, aber es war mit Sicherheit ein erheblicher Faktor für den Zusammenbruch der kommunistischen Supermacht.