Interview: «Ich sehe keine fundamentale Gefahr für die US-Demokratie»

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Interview«Ich sehe keine fundamentale Gefahr für die US-Demokratie»

In seinen ersten 100 Tagen im Amt hat Donald Trump Gas gegeben. Vieles bleibe in der Wirkung symbolisch, sagt USA-Kenner Guido Weber.

Darum gehts

  • Vorbereiteter, radikaler, schneller: Die ersten 100 Tage im Amt geht Donald Trump 2025 anders an als noch 2017, sagt Politberater Guido Weber.
  • Trumps Politik wirke sich bereits im Alltag vieler Amerikaner und Amerikanerinnen aus.
  • Die US-Demokratie werde durch Trumps Eingriffe ins Justizsystem zwar geschwächt, sie sei aber nicht grundsätzlich gefährdet, so Weber.

Am Dienstag ist er zum zweiten Mal 100 Tage im Amt: US-Präsident Donald Trump verändert die USA in einem atemberaubenden Tempo - und ebenso die Beziehungen Washingtons zum Rest der Welt. USA-Kenner und Politberater Guido Weber (siehe Box) zieht Bilanz.

Herr Weber, welche Unterschiede fallen Ihnen 2025 im Vergleich zu Trumps ersten hundert Tagen im Weissen Haus 2017 auf?

Im Jahr 2017 war Trump weniger vorbereitet und hat weniger erreicht. Im Jahr 2025 ergreift er viel radikalere Massnahmen. Er ist vorbereitet, kann schon am ersten Tag Dutzende Dekrete unterzeichnen. Dieses Mal ist ein deutlicher Unterschied in Geschwindigkeit und Umfang seiner Massnahmen festzustellen. In vielem Bedeutungslosem hat er eine grosse, gute Show aufgezogen und ist eigentlich gut unterwegs. Doch die angerichtete wirtschaftliche Unsicherheit kann jetzt für ihn fatal sein.

In einem Interview mit dem «Time»-Magazin bescheinigte sich Trump «eine sehr erfolgreiche Präsidentschaft nach hundert Tagen». Sehr viele Menschen drängten ihn bereits jetzt, ein weiteres Mal zu kandidieren.
In einem Interview mit dem «Time»-Magazin bescheinigte sich Trump «eine sehr erfolgreiche Präsidentschaft nach hundert Tagen». Sehr viele Menschen drängten ihn bereits jetzt, ein weiteres Mal zu kandidieren.AFP

«In vielem Bedeutungslosem hat Trump eine grosse Show aufgezogen und ist eigentlich gut unterwegs.»

Guido Weber

Was zeigt in den USA bereits Wirkung?

Als erstes natürlich die Zollpolitik. Sie hat bedeutende wirtschaftliche Verzerrungen und Turbulenzen an der Börse verursacht. Diese Unsicherheit spürt der Durchschnittsamerikaner im Alltag zunehmend. Zweitens die Inszenierung im Rosengarten des Weissen Hauses, bei der Trump am ersten Amtstag Dutzende Dekrete zu Einwanderung und Begnadigungen unterschrieb. Sie zielte darauf ab, den Wählern zu zeigen, dass er seine Versprechen einhält - aber vieles ist in der Wirkung eher symbolisch. Und schliesslich haben seine wirtschaftlichen Entscheidungen die Geschäfte einiger seiner «wirtschaftlichen Freunde» und Geschäftspartner sehr negativ beeinflusst. Sie musste zusehen, wie ihre Portfolios an Wert verloren, was zu Unzufriedenheit führte.

Was meinen Sie mit «symbolischer Wirkung»?

Zum Beispiel wurden in Bidens ersten hundert Tagen im Amt 2017 hochgerechnet deutlich mehr Ausschaffungen durchgeführt als jetzt unter Trump. Er hat die Ausschaffungen einfach medial gross inszeniert. Wenn man klickende Handschellen und Polizisten in den Nachrichten sieht, dann reicht das, um zu denken, dass Trump sein Wahlversprechen eingelöst, auch wenn die Zahlen eine andere Sprache sprechen.

«Trumps Vorgehen zeigt die Übertreibungen in der Debatte um Diversity und Identitätspolitik auf.»

Guido Weber

Was hat Trump bislang Gutes gemacht?

Schaut man auf die Weltwirtschaft und das, was er gerade in der Ukraine anrichtet, ist das objektiv nicht einfach zu beantworten. Vielleicht – und das mag zynisch klingen: Er zeigt den Amerikanern zurzeit gerade, dass ein Teil der Regierung oder die vielen Beamten eigentlich ganz nützliche Arbeit macht und durchaus ihre Berechtigung haben. Und dann vielleicht auch, dass er die Auswüchse der US-Politik zu Vielfalt, Gerechtigkeit und Integration (DEI) angeht.

Können Sie das ausführen?

Trumps Vorgehen zeigt die Übertreibungen in der Debatte um Diversity und Identitätspolitik auf. In Amerika hat man sich jahrelang in Diskussionen um Details wie die Beschriftung von WC-Türen verloren, als ob das die wichtigsten Probleme des Landes wären. Dabei wurde die grosse Mehrheit der Amerikaner in diesen Diskussionen übergangen. Befürworter dieser Anliegen erkennen nun vielleicht, dass sie die Bevölkerung anders ansprechen müssen. Man kann nicht immer nur fordern, dass alles toleriert werden muss und jeden, der nicht zustimmt, als moralisch verwerflich darstellen. Es ist wichtig, zu einem normaleren Umgang zurückzukehren.

Plakat-Aktion gegen Anwaltskanzleien, die mit Präsident Donald Trump einen Deal gemacht haben. 24. April 2025, Washington, DC.
Plakat-Aktion gegen Anwaltskanzleien, die mit Präsident Donald Trump einen Deal gemacht haben. 24. April 2025, Washington, DC.Getty Images via AFP

«Die Justiz wird gnadenlos verpolitisiert.»

Guido Weber

Welche Entscheidungen der letzten 100 Tage werden das halbe Jahr prägen und für uns alle spürbar werden?

Der wichtigste Faktor ist die wirtschaftliche Unsicherheit. Die Verbraucherstimmung ist unter Trump im Sinkflug und schlechter als unter Trumps Vorgänger. Doch die Verbraucherstimmung ist das, was wirklich zählt und über Trumps Schicksal entscheiden wird. Wie heisst es so schön: It’s the Economy, stupid. Darüber hinaus werden Trumps Eingriffe das Justizsystem bleibend prägen. So übt Trumps Administration enormen Druck auf Richter, Untersuchungsbehörden und Anwaltskanzleien aus. Viele erfahrene Fachleute werden entlassen oder gehen aus Protest. Die Justiz wird gnadenlos verpolitisiert.

Es gab bereits einige Skandale und Kontroversen. Wie reagiert die US-Öffentlichkeit darauf – gibt es teils «buyer’s remorse»?

Nein, kaum. Die, die Trump gut finden und ihn wählten, finden ihn immer noch toll und umgekehrt. Dass der Verteidigungsminister Signal-Chat benutzt oder die Trump-Regierung die Generalinspekteure, also die unabhängigen Kontrolleure der Departemente, entlässt – das sind nach den Kriterien guter Regierungsführung schlimme Vorkommnisse. Doch der US-Durchschnittsbürger kann das nicht einordnen, es ist ihm ziemlich egal, und er kann nicht verstehen, was das ganze mediale Aufheben darum soll. Derlei Skandale finden bei der breiteren Öffentlichkeit keine Resonanz.

«Wir brauchen zwar etwas Geduld, aber vieles wird sich selbst korrigieren.»

Guido Weber

Stärkt oder unterhöhlt Trump die US-Demokratie – und woran machen Sie das fest?

Die Probleme im Justiz- und Rechtswesen, und die willkürliche Blockade von Gesetzen und Ausgaben, die vom Kongress verfassungsrechtlich beschlossen wurden, höhlen die Demokratie aus. Dennoch sehe ich in den USA keine fundamentale Gefahr für die Demokratie, denn es gibt Gegenkräfte: Bei den Zwischenwahlen werden die Demokraten das Pendel im Repräsentantenhaus zurückschwingen lassen. Bis dahin dürfte sich die Trump-Administration zunehmend in Widersprüche und internen Kämpfen verstricken. Vor allem, wenn es nicht mehr nach Plan läuft. Elon Musk ist schon mittendrin. Daher denke ich, wir brauchen zwar etwas Geduld, aber vieles wird sich selbst korrigieren.

Wird Trumps Zollpolitik Amerika «so reich wie nie zuvor machen», wie Trump behauptet?

Trumps Zollpolitik verursacht wirtschaftliche Unsicherheit. Hält er an diesem konfrontativen Kurs fest und sinkt die Verbraucherstimmung in den USA weiter, spricht das eher für wirtschaftlichen Niedergang. Entscheidend ist, was mit der Verbraucherstimmung passiert, denn das ist es, was für die Menschen zählt. Wenn sie sinkt, hat Trump verloren. Schliesslich galt die Wirtschaft als eigentliche Kernkompetenz von Trump.

Unvergessen bleibt die beispiellose Behandlung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenski im Weissen Haus, dem Trump und sein Vize mangelnde Dankbarkeit unterstellten. Am 28. Februar 2025, Washington, DC.
Unvergessen bleibt die beispiellose Behandlung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenski im Weissen Haus, dem Trump und sein Vize mangelnde Dankbarkeit unterstellten. Am 28. Februar 2025, Washington, DC.AFP

«Wenn die USA sich zurückziehen und Putin freie Hand lassen, werden die Europäer die grossen Verlierer sein.»

Guido Weber

Ist nach 100 Tagen bereits klar, wer in den USA die Profiteure und Verlierer von Trumps Politik sein werden?

Die Gewinner sind diejenigen, die vorher bereits reich waren, und die Verlierer jene, die vorher schon arm waren. Viele Amerikaner glaubten, dass Trump ihnen als Präsident helfen würde. Das war 2017 nicht der Fall, und es wird 2025 auch nicht geschehen. Steuersenkung für Reiche stehen Kürzungen bei Sozialleistungen gegenüber, selbst für Kriegsveteranen.

Werden die USA unter Trump die dominierende Weltmacht bleiben – oder werden sie eher zum isolierten Aussenseiter?

Trump verfolgt seinen isolationistischen Kurs weiter. Das kriegt die Ukraine zu spüren. Trump will einen Deal mit Putin und das US-Engagement in dem Krieg jetzt beenden. Für das Scheitern einer Friedenslösung will er Selenski verantwortlich machen, nicht Putin, den er aus der internationalen Isolation holen will und den er für den Überfall auf die Ukraine honoriert. Das ist eine grosse Katastrophe. Sicher ist: Wenn die USA sich zurückziehen und Putin freie Hand lassen, werden die Europäer, die ihre Verteidigung ohne die USA nicht so schnell hochfahren können, die grossen Verlierer sein.

Zu Guido Weber

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Politberater Guido Weber hat viele Abstimmungskampagnen in der Schweiz mitgeprägt. Er kennt aber auch die USA und den Washingtoner Politbetrieb, seit er für das Wahlkampfteam des Demokraten Gary Hart arbeitete, dem demokratischen Hoffnungsträger für die US-Wahl 1988. Derzeit ist er auf Reisen in den USA.






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Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.

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