Interview: «Die grösste Bedrohung für die Demokratie in der US-Geschichte»

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Interview«Die grösste Bedrohung für die Demokratie in der US-Geschichte»

In Trumps zweiter Amtszeit soll die Gewaltenteilung ausgehebelt werden, warnt Historiker Manfred Berg. Nie sei die amerikanische Demokratie gefährdeter gewesen.

Darum gehts

  • Die ersten 100 Tage seiner zweiten Amtszeit zeigten es: Donald Trump regiere wie ein Diktator und bedrohe die US-Demokratie, sagt Historiker Manfred Berg.
  • Trump wolle die Gewaltenteilung aushebeln und missbrauche die staatlichen Institutionen.
  • Dass er trotz der alarmierenden Entwicklungen weiter unterstützt werde, liege daran, dass «die Amerikaner in Parallelwelten leben», so Berg.

Zum zweiten Mal 100 Tage im Amt: US-Präsident Donald Trump verändert die USA und die Beziehungen Washingtons zum Rest der Welt im Rekordtempo. Manfred Berg, Professor für Amerikanische Geschichte (siehe Box), bilanziert im Interview.

Herr Berg, welche Unterschiede sehen Sie zwischen Trumps ersten 100 Tagen 2017 und 2025?

Es gibt sehr grosse Unterschiede. 2017 war Trumps Wahl eine Überraschung; er war nicht vorbereitet. 2025 ist er als rachsüchtiger Mann zurückgekehrt, der wie ein Diktator regieren will. Er hat ein disruptives Programm und eine starke Bewegung hinter sich. Dazu hat er ihm wohlgesonnene Richter ernannt, was eine andere Voraussetzung als noch 2017 schafft. Dieses Mal will Trump unbedingt ernst machen.

US-Präsident Donald Trump ist am Dienstag 100 Tage im Amt.
US-Präsident Donald Trump ist am Dienstag 100 Tage im Amt.AFP

«Trump behandelt den Staat als sein Privateigentum. Gewaltenteilung hat er noch nie verstanden.»

Manfred Berg

Können Sie ein Beispiel geben für «ernst machen»?

Trump ist die grösste Bedrohung für die Demokratie in der amerikanischen Geschichte. Seine aktuelle Amtszeit folgt einem autoritären Drehbuch: Kontrolle der Gerichte und Institutionen, Ausübung finanziellen Drucks auf widerspenstige Institutionen, die Behauptung, es gebe einen nationalen Notstand als Begründung für ausserordentliche Befugnisse. Trump behandelt den Staat als sein Privateigentum. Gewaltenteilung hat er noch nie verstanden. 2025 sind viele seiner Executive Orders rechtlich zweifelhaft oder ganz verfassungswidrig. Die US-Demokratie befindet sich in einem Stresstest.

Diese Warnungen haben wir auch 2017 gehört. Hatte Trump damals mehr Respekt vor Gesetz und Institutionen?

Nein, er war einfach unerfahrener. 2017 hatte er Berater, die sich stärker an die Rechtsstaatlichkeit gebunden fühlten. Heute umgibt er sich mit Leuten, die ihm bestätigen, was er hören will, und die für alles rechtliche Rechtfertigungen finden. Trump meint es ernst mit der Infragestellung der Gewaltenteilung. Der Putschversuch vom 6. Januar 2021 zeigte seine Absichten klar. Inzwischen spricht er offen von einer dritten Amtszeit, was die Verfassung aber verbietet.

«Viele Amerikaner investieren für ihre Altersvorsorge in Aktien.»

Manfred Berg

Welche Entscheidungen in diesem Jahr werden uns alle wesentlich betreffen?

Trump vorherzusagen ist schwierig, weil er täglich etwas anderes verkündet. Es gibt aber zwei zentrale Entscheidungen, die die bisherige Welt- und Weltwirtschaftsordnung radikal infrage stellen. Erstens der Verrat an der Ukraine und die Hinwendung zu Moskau. Zweitens die Erklärung eines globalen Zollkriegs am 2. April 2025, die zu Marktpanik und Erschütterung des Vertrauens in den US-Dollar führte. Diese Entscheidungen werden Europa wirtschaftlich und sicherheitspolitisch stark beeinflussen.

Spürt der US-Durchschnittsbürger die Auswirkungen von Trumps Politik bereits?

Ja. Wegen Trumps Zollpolitik haben viele Unternehmen und internationale Organisationen ihre Wachstumsprognosen gesenkt. Und viele Amerikaner investieren für ihre Altersvorsorge in Aktien, so dass sich die Schwankungen am Aktienmarkt direkt auf sie auswirken. Und selbstverständlich führen Zölle zu höheren Preisen.

Nach seinen ersten knapp 100 Tagen im Amt ist Donald Trump mit schlechten Umfragewerten konfrontiert: In einer Umfrage im Auftrag von CNN kam er auf einen Zustimmungswert von 41 Prozent, 59 Prozent der Befragten sind dagegen unzufrieden.
Nach seinen ersten knapp 100 Tagen im Amt ist Donald Trump mit schlechten Umfragewerten konfrontiert: In einer Umfrage im Auftrag von CNN kam er auf einen Zustimmungswert von 41 Prozent, 59 Prozent der Befragten sind dagegen unzufrieden.AFP

«Trumps zweite Amtszeit läuft auf eine radikale politische Revolution hinaus.»

Manfred Berg

Hat Trump in diesen 100 Tagen in Ihren Augen etwas Gutes getan?

Nein. Trump bedroht die amerikanische Demokratie. Sein gesamter politischer Aufstieg beruht darauf, dass Trump fortwährend unterschätzt wurde. Seine zweite Amtszeit läuft auf eine radikale politische Revolution hinaus. Es mag zwar in manchen Dingen, die er tut, einen wahren Kern geben – etwa antisemitische Vorfälle an Elite-Universitäten –, aber Trump nutzt diese Vorfälle als Vorwand für beispiellose Eingriffe in die akademische Freiheit.

Wieso unterstützen die Hälfte der Amerikaner weiterhin Trump, wenn seine Politik so prekär ist?

Die Amerikaner leben in Parallelwelten. Politik und Gesellschaft sind heillos polarisiert. Viele seiner Anhänger gefällt es, wenn Trump gegen politisch korrekte Professoren und Universitäten vorgeht. Trump führt eine politische Bewegung an, die ihm treu ergeben ist. Allerdings dürften die Zwischenwahlen 2026 den Republikanern Verluste bringen. Das passiert fast immer. Die kürzliche Wahl einer von den Demokraten unterstützten Richterin ans Oberste Gericht von Wisconsin, die Elon Musk erfolglos zu beeinflussen versuchte, zeigt: Auch die Gegenseite macht mobil.

«Viele mögen das unterstützen, aber Gesetze zu brechen, bleibt falsch.»

Manfred Berg

Wer sind die grossen Gewinner und Verlierer von Trumps Politik?

Trumps Regierung ist eine Plutokratie, wie sie im Buche steht. Das heisst: Die Reichen und Trump selbst werden profitieren. Bei den jüngsten Aktienkursschwankungen könnten Trump und seine Günstlinge profitiert haben. Das wäre dann Marktmanipulation. Trump macht auch kein Geheimnis daraus, dass sein Kurs gegenüber der Ukraine und Russland mit Rohstoffinteressen zu tun hat. Trump umgibt sich 2025 mit Anarcho-Kapitalisten, die möglichst alle Regulierungen abschaffen wollen. Doch für die breite Öffentlichkeit wird deswegen kein «goldenes Zeitalter» anbrechen.

Man könnte, wie Trumps Anhänger, sagen, er räume mit seinem Kurs konsequent in den Behörden und Eliteunis auf, so wie angekündigt.

Nein. Die USA sind ein Rechtsstaat, und der Präsident muss sich an Gesetze halten. Der US-Präsident ist kein Diktator. Die Verfassung garantiert die Meinungsfreiheit und das Recht auf ein faires Verfahren. Trump hat Menschen ohne Anklage und rechtliches Gehör festnehmen und abschieben lassen. Viele mögen das unterstützen, aber Gesetze zu brechen, bleibt falsch. Dass so viele Bürger sich einen starken Mann wünschen, zeigt die Krise der liberalen Demokratie. Aber es regt sich eben auch Widerstand gegen die Einschränkung der Freiheit.

Trump wird die ersten 100 Tage im Amt mit einer Kundgebung in Michigan zelebrieren - einer der wichtigsten umkämpften Staaten, die Trump auf dem Weg zurück ins Weisse Haus von den Demokraten übernommen hatte.
Trump wird die ersten 100 Tage im Amt mit einer Kundgebung in Michigan zelebrieren - einer der wichtigsten umkämpften Staaten, die Trump auf dem Weg zurück ins Weisse Haus von den Demokraten übernommen hatte.AFP

«‹Lieben sollen sie uns nicht, solange sie uns fürchten› – das scheint die aussenpolitische Maxime der Trump Administration zu sein.

Manfred Berg

Werden die USA unter Trump eine dominierende Weltmacht bleiben oder immer isolierter?

Die USA sind zu mächtig, um isoliert zu sein. Gleichzeitig ist eine multilaterale Zusammenarbeit unter Trump unwahrscheinlich. Das goldene Zeitalter der transatlantischen Beziehungen ist damit vorbei. Nach 1946 beruhte die US-Weltmacht auf ihrem kulturellen Prestige und ihrer Fähigkeit, Allianzen zu schmieden. Mit Trump ist nun ein Nationalist an der Macht, der internationale Politik als Nullsummenspiel sieht und bereit ist, Amerikas Interessen, wie er sie versteht, einseitig und brachial durchzusetzen. Er droht mit Annexionen in Grönland, in Kanada – das war in seiner ersten Amtszeit undenkbar. Freunde macht er sich so keine. Aber wie schon die alten Römer sagten: «Lieben sollen sie uns nicht, solange sie uns fürchten.» Das scheint mir die aussenpolitische Maxime der Trump Administration zu sein.

Zu Manfred Berg

Manfred Berg ist Professor für Amerikanische Geschichte an der Universität Heidelberg. Sein 2024 erschienenes Buch «Das gespaltene Haus. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von 1950 bis heute» behandelt die Polarisierung der US-Politik und Gesellschaft.

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Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.

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