Bundesrat Martin Pfister erklärt, warum Frauen nicht im Bürgerdienst dienen sollen

Livetickeraktualisiert am Dienstag, 11. November, 2025

Service Citoyen
Zu teuer, zu viele Leute: Darum lehnt Pfister den Bürgerdienst ab

Am 30. November stimmt die Schweiz über die Service-Citoyen-Initiative ab. Diese will einen Bürgerdienst für alle einführen – Bundesrat und Parlament wehren sich. Verteidigungsminister Martin Pfister erklärt im Interview, weshalb.

Darum gehts

Herr Bundesrat, die Schweiz sucht händeringend mehr Soldatinnen und Soldaten. Mit dem Service Citoyen hätten Sie auf einen Schlag einen doppelt so grossen Pool. Warum wollen Sie das nicht?

Wenn wir die Grösse der Armee auf 200'000 Personen verdoppeln könnten, wäre eine Dienstpflicht für Frauen ein sinnvoller Weg. Doch die Armee bleibt gleich gross und wir haben jetzt schon knappe Mittel, um die Truppe auszurüsten.

Wir sprechen seit Jahrzehnten über Gleichstellung. Die Initiative wäre doch eine Chance, diese mit einem «Dienst am Mutterland» für Frauen voranzutreiben.

Es wäre sicher ein Beitrag zum Grundsatz «Gleiche Rechte, gleiche Pflichten», den ich unterstütze. Im Parlament haben aber viele Frauen darauf hingewiesen, dass die Gleichstellung noch nicht umgesetzt ist und dieser Dienst als Belastung und zusätzliche Ungerechtigkeit wahrgenommen würde.

Die Initiative hält fest, dass die Bestände der Armee und des Zivilschutzes garantiert bleiben. Für die Armee wäre ein Ja also eigentlich gar kein Problem.

Bundesrat Martin Pfister warnt im Interview mit 20 Minuten: «Wir müssten also die Freiwilligenarbeit militarisieren!»
Bundesrat Martin Pfister warnt im Interview mit 20 Minuten: «Wir müssten also die Freiwilligenarbeit militarisieren!»20min/Taddeo Cerletti

Doch! Man müsste jedes Jahr für Zehntausende von jungen Männern und Frauen einen Einsatzort suchen und sie dafür entschädigen. Wir müssten also die Freiwilligenarbeit militarisieren. Das sehe ich nicht als unsere Aufgabe an.

Wäre ein Service Citoyen wirklich so viel teurer als die heutige Dienstpflicht nur für Männer?

Ja – wir hätten eine Verdoppelung der Kosten für die Verwaltung. Wir müssten einen Apparat aufziehen, der diese neuen Einsätze in Umweltschutz, Gesundheitswesen oder anderen Bereichen koordiniert. Der Erwerbsausfall würde sich ebenfalls auf über eine Milliarde Franken verdoppeln. Die Kosten für die Steuerzahlenden wären also immens.

Aus ihrem Lager gibt es Stimmen, welche den Service Citoyen als Zwangsarbeit bezeichnen. Ist das nicht etwas übertrieben?

«Es ist möglich, dass die Initiative tatsächlich gegen das Zwangsarbeitsverbot verstösst.»

Martin Pfister, Verteidigungsminister

Das ist eine juristische Beurteilung. Für eine Verpflichtung zum Dienst in der Verfassung sind gewichtige Gründe nötig. Gemäss der juristischen Beurteilung gehört ein Dienst in einem Pflegeheim oder bei einem Bauern nicht dazu, deshalb ist es möglich, dass die Initiative tatsächlich gegen das Zwangsarbeitsverbot verstösst.

Gemäss Abstimmungsbüchlein würden Citoyen-Dienstleistende mit «Raumpflegepersonal» konkurrieren. Putzen fürs Vaterland? Das müssen Sie erklären!

Gerne: Gut qualifizierte junge Männer und Frauen müssten Dienst leisten in solchen Bereichen und so Menschen mit tiefen beruflichen Qualifikationen konkurrenzieren. Ein Elektriker würde zum Beispiel in einer Jugendherberge arbeiten, statt in der Armee Dienst zu leisten, und so private Arbeitsstellen gefährden.

Kurz noch zu einem anderen Thema: Diese Woche haben Ihre Leute über den Stand von VBS-Projekten in Schieflage informiert. Der Steuerzahler soll künftig viel Geld ausgeben, damit Externe diese überwachen. Was wollen Sie damit für ein Signal senden?

Wir schauen genau hin, das investierte Geld wird zielgerichtet eingesetzt. Die Bevölkerung und die Politik müssen dem VBS vertrauen können – dafür holen wir uns Unterstützung. Es handelt sich dabei auch um Empfehlungen der Finanzkontrolle, die wir umsetzen.

Ihr Rüstungschef hat mit dem Drohnenhersteller Elbit nachverhandelt. Was können Sie zum Stand sagen? Kommt am Ende noch alles gut?

«Ich glaube, es kommt gut, aber definitiv wissen wir das erst Ende nächstes Jahr», sagt Pfister zum Drohnen-Projekt in Schieflage.
«Ich glaube, es kommt gut, aber definitiv wissen wir das erst Ende nächstes Jahr», sagt Pfister zum Drohnen-Projekt in Schieflage.20min/Stefan Lanz

Wir konnten aushandeln, dass zwei Drohnen ersetzt werden, die wir nicht zulassen konnten. So hätten wir mindestens vier einsatzfähige Geräte, die wir auch in Friedenszeiten einsetzen können. Ausserdem werden uns während neun Jahren keine Unterhaltskosten verrechnet. Ich glaube, es kommt gut, aber definitiv wissen wir das erst Ende nächstes Jahr.

Sie sagten kürzlich, die Schweiz soll wieder mehr Rüstungsgüter im Inland kaufen und produzieren. Können Sie das konkretisieren?

Wenn sich die sicherheitspolitische Situation in Europa weiter verschärft, sollten wir zwingend auch Munition und Rüstungsgüter im Inland herstellen. So können wir den Nachschub im Krisenfall sicherstellen und wir würden weniger abhängig von internationalen Lieferketten.

Der Bund hat «seine» Munitionsfirma vor ein paar Jahren verkauft. War das ein Fehler?

Es müssen ja nicht zwingend staatliche Firmen sein. Aber das Ziel ist, dass wir möglichst viel in der Schweiz bestellen können.

Deine Meinung zählt

11.11.2025

Di 12:46

Das Interview ist beendet

Das war es mit dem Live-Interview mit Bundesrat Martin Pfister. Vielen Dank fürs Mitschauen und Mitlesen! Im Verlaufe des Nachmittags findest du das gesamte Interview zum Nachlesen auf 20min.ch.

11.11.2025

Di 12:43

Lage im VBS

Das VBS informierte gestern über die Top-Projekte in Sachen Rüstungsbeschaffung – und teilte mit, dass das Qualitäts- und Risikomanagement neuerdings von externen Beratern übernommen wird.

Das sei normal bei grossen Projekten, sagt Pfister. «Wir wollen, dass die Bevölkerung und die Politik Vertrauen haben ins VBS, dass wir unsere Arbeit richtig machen», betont er.

Bei den israelischen «Debakel-Drohnen» konnte Armasuisse-Chef Urs Loher neue Details aushandeln. «Ich glaube, es kommt jetzt alles gut – aber letztlich wissen wir das erst nächstes Jahr, wenn das Projekt zu einem Abschluss kommt», so Pfister.

Zwei Drohnen würden nun ersetzt, weil diese nicht zugelassen werden könnten. Zudem würden über neun Jahre keine Kosten für den Unterhalt und Betrieb von der Lieferantin verrechnet.

Für künftige Rüstungsgeschäfte sei das Ziel, möglichst viel in der Schweiz bestellen zu können.

11.11.2025

Di 12:40

Dienstleistende als billige Arbeitskräfte?

Im Abstimmungsbüchlein weist der Bund darauf hin, dass Citoyen-Dienstleistende etwa mit «Raumpflegepersonal» konkurrieren würden. Wie ist das gemeint?

Pfister nennt ein Beispiel: Qualifizierte Leute, etwa ein Elektriker, könnte seinen Dienst beispielsweise in einer Jugendherberge leisten. Damit bestehe aber das Risiko, dass er anderen Menschen, die dort arbeiteten, die Arbeit wegnehme, weil sein Lohn billiger wäre.

11.11.2025

Di 12:37

«Initiative sorgt nicht für mehr Zusammenhalt»

Das VBS müsste für Zehntausende Jugendliche Arbeit suchen – und diese auch bezahlen. Das sei nicht Kernaufgabe des Departements, so Pfister.

Das Initiativkomitee sagt, der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckele – der Service Citoyen könne dem entgegenwirken.

«Den gesellschaftlichen Zusammenhalt sehe auch ich als gefährdet an», sagt Pfister. Doch er glaubt nicht, dass die Initiative für mehr Zusammenhalt sorgen würde – im Gegenteil. Die Freiwilligenarbeit zu verpflichten, widerspreche dem Grundsatz der Solidarität.

11.11.2025

Di 12:34

Die Armee sucht händeringend nach Soldaten ...

... wieso will der Bundesrat keinen Service Citoyen?

Eine Dienstpflicht für Frauen wäre sinnvoll, wenn die Armee grösser werde – aber das werde sie nicht. Wenn die Jugendlichen verpflichtet würden, irgendwo, aber nicht in der Armee Dienst leisten müssten, wäre das nicht gut.

Im Grundsatz wäre eine Dienstpflicht für Frauen ein Schritt für die Gleichstellung. Doch aktuell wäre es eine Mehrbelastung für Frauen, da die Gleichstellung noch nicht vollständig umgesetzt sei. «Wir brauchen auch gar nicht so viele Leute für diese Aufgabe», betont Pfister.

11.11.2025

Di 12:32

Das Live-Interview beginnt!

Herzlich willkommen zum Live-Interview mit Verteidigungsminister Martin Pfister. Heute dreht sich alles um die Service-Citoyen-Initiative, welche am 30. November an die Urne kommt.

Es ist der erste Abstimmungskampf für den Neo-Bundesrat – wie erlebt er diesen?

Es sei wohl der erste Auftritt von vielen sicherheitsrelevanten Abstimmungen in den nächsten Jahren, so Pfister. Er freue sich darauf.

11.11.2025

Di 12:15

Service-Citoyen-Initiative: Darum gehts

Für Männer gilt in der Schweiz heute eine Wehrpflicht: Sie müssen Militärdienst, Zivilschutz oder Zivildienst leisten. Frauen dürfen freiwillig Dienst leisten. Die Service-Citoyen-Initiative will dieses System neu gestalten. Künftig sollen alle Bürgerinnen und Bürger Dienst leisten – also auch Frauen.

Verteidigungsminister Martin Pfister erklärt im Interview, warum er die Initiative für einen Bürgerdienst für alle ablehnt. (Archivbild)
Verteidigungsminister Martin Pfister erklärt im Interview, warum er die Initiative für einen Bürgerdienst für alle ablehnt. (Archivbild)Foto: Nicole Philipp

Der Einsatz soll dabei breiter möglich sein: Alle Personen mit Bürgerrecht sollen einen «Einsatz für Gemeinschaft und Sicherheit» leisten können. Dieser könnte etwa in den Bereichen Umwelt, Landwirtschaft oder Bildung geleistet werden. Die Initianten wollen dabei auch den Bestand der Armee garantieren.

Dennoch lehnt der Bundesrat um Verteidigungsminister Martin Pfister die Initiative ab. Knapp drei Wochen vor dem Entscheid nimmt der Mitte-Bundesrat Stellung, wie er seinen ersten Abstimmungskampf gewinnen will – obwohl Umfragen der Initiative aktuell gute Chancen einräumen.

Christof Vuille (vuc) leitet seit 2023 das Ressort Politik und ist Mitglied der Redaktionsleitung. Er berichtet für 20 Minuten nah am Puls der Bundespolitik.

Christina Pirskanen (pir) arbeitet seit 2022 für 20 Minuten. Sie ist seit Januar 2026 stv. Leiterin des Ressorts Politik.

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