Leihmutterschaft in der Schweiz: Zahlen explodieren

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Trotz VerbotZahl der von Leihmüttern ausgetragenen Kinder explodiert

Das Kind von einer anderen Frau austragen zu lassen, ist ein Tabu – und in der Schweiz verboten. Nun zeigen erstmals Zahlen: Die Nachfrage steigt dennoch stark.

Bevorzugte Quelle
«Ich wollte keine Babymaschine mehr sein»: In der Reportage siehst du verschiedene Perspektiven auf Leihmutterschaft in Mexiko-City.Video: Celia Nogler, Julia Schwamborn, Noah Knüsel

Darum gehts

  • Exklusive Zahlen verschiedener Kantone zeigen: Die Zahl der von Leihmüttern ausgetragenen Kinder hat sich innert weniger Jahre verdreifacht.
  • Leihmutterschaft ist in der Schweiz verboten.
  • Daniel Furter vom Schwulenverband Pink Cross setzt sich für eine Legalisierung ein.
  • Gegner Alois Huber (SVP) dagegen befürchtet, dass Leihmütter ausgebeutet werden.

Über Leihmutterschaft spricht man nicht gerne. Das zeigt auch die Videoreportage über das normalerweise verschwiegene Wunschkinder-Business in Südamerika (siehe oben). Auch, wie viele Kinder aus Leihmutterschaft in der Schweiz leben, war lange nicht klar.

Nun ermöglichen neue Zahlen erstmals ein genaueres Bild: 20 Minuten hat Daten aus den fünf bevölkerungsreichsten Kantonen der Deutschschweiz gesammelt. Zusammengerechnet leben dort fast 4,5 Millionen Menschen. Dabei zeigt sich: Erfassten die Behörden im Jahr 2021 noch 14 Kinder, die durch Leihmutterschaft zur Welt kamen, waren es 2024 43. Für 2025 liegt ein neuer Höchstwert in Griffweite: Bis Ende Oktober wurden 39 Kinder von Leihmüttern registriert.

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«Zehnfaches Angebot würde nicht reichen»

Eine steigende Nachfrage stellt auch Misa Yamanaka fest. Die Gynäkopsychologin hat sich auf Themen rund um den Kinderwunsch spezialisiert. Dafür hat sie eine Spezialsprechstunde ins Leben gerufen. In den letzten Jahren sei der Bedarf laufend gestiegen: «Wir könnten unser Angebot verzehnfachen und es würde doch nicht reichen», sagt sie. Gerade Themen rund um Eizell- und Samenspende, sowie Leihmutterschaft seien viel präsenter geworden.

So funktioniert Leihmutterschaft

Leihmutterschaft ist eine Option, wenn ein Paar keine Kinder austragen kann. Zum Beispiel, wenn die Frau Probleme mit der Gebärmutter hat, oder wenn es sich um ein schwules Paar handelt. Eine künstlich befruchtete Eizelle wird dann der Leihmutter eingesetzt. Oft stammt das Sperma vom Wunschvater, die Eizelle entweder von der Wunschmutter, einer Spenderin oder der Leihmutter selbst.
Offiziell ist Leihmutterschaft in der Schweiz verboten, allerdings werden Wunscheltern nicht bestraft. Für die Schwangerschaft müssen sie trotzdem ins Ausland ausweichen. Über die Jahre haben sich verschiedene Hotspots gebildet. So etwa die Ukraine, Georgien, USA – oder Mexiko-City (siehe Videoreportage oben).
Leihmutterschaft werden von hetero- und homosexuellen Paaren in Anspruch genommen. Die Aufschlüsselung der Kantone Aargau und Zürich zeigt etwa, dass in über der Hälfte der Leihmutterschaftsfälle seit 2014 die Eltern heterosexuell sind. Das deckt sich mit Erfahrungen der Vermittlerin Vivian Günther (siehe Reportage oben): «Meine Kundinnen und Kunden sind meist heterosexuelle Paare».

Befürworterin: «Verbot ist gegen Gleichstellung»

Die Schweiz hat im internationalen Vergleich strenge Richtlinien zur Fortpflanzungsmedizin (siehe auch Box). Nun steht eine Lockerung in Aussicht: Der Bundesrat plant, Eizellenspenden zu erlauben. Bisher sind in der Schweiz nur Samenspenden zugelassen.

Eine treibende Kraft hinter der Legalisierung ist GLP-Nationalrätin Katja Christ. Sie sagt: «Dass Samenspenden erlaubt, Eizellenspenden aber verboten sind, widerspricht der Gleichstellung.» Für sie ist zudem klar: «Wir dürfen die Augen nicht vor der Realität verschliessen. Paare mit unerfülltem Kinderwunsch finden schon heute einen Weg.»

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Pink Cross für Legalisierung

Die Leihmutterschaft sei allerdings noch einmal ein anderer Schritt, sagt Christ: «Dafür bräuchte es eine Verfassungsänderung, und auch ethisch ist die Situation anders.»

Für die Legalisierung der Leihmutterschaft spricht sich Daniel Furter aus. Er ist Geschäftsleiter von «Pink Cross», dem Schweizer Dachverband der schwulen, bisexuellen und queeren Männer. Wichtig seien dabei ethische Richtlinien: «Leihmütter müssen vor Ausbeutung und der Verletzung ihrer Menschenwürde geschützt werden», so Furter. Die Wunscheltern sollen ab Geburt auch juristisch als Eltern anerkannt sein.

Wie stehst du zu Leihmutterschaft?

Gegner befürchtet Ausbeutung

Klar gegen die Legalisierung der Leihmutterschaft ist dagegen Alois Huber (SVP). Er befürchtet Ausbeutung: «In der Schweiz werden sich kaum Frauen finden lassen, die fremde Kinder austragen wollen», sagt er. Das sehe man schon bei der Eizellenspende: «In reichen Ländern wie Norwegen gibt es zu wenige Spenderinnen, in ärmeren wie Spanien viel mehr.»

Daher würden wohl auch einer Legalisierung der Leihmutterschaft die meisten Wunscheltern in ärmere Länder ausweichen: «Und dort ist die Gefahr grösser, dass eine finanzielle Notlage ausgenutzt wird.»

So oder so dürfte es noch dauern, bis eine Entscheidung zur Leihmutterschaft fällt: Das neue Gesetz zur Eizellenspende will der Bundesrat erst Ende 2026 vorlegen.

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Noah Knüsel (nk), Jahrgang 1997, arbeitet seit 2016 für 20 Minuten. Seit 2022 produziert er Videoreportagen, in denen er die Geschichten hinter den News erzählt.

Celia Pierina Nogler (cel), Jahrgang 1993, arbeitet seit 2021 für 20 Minuten. Seit Mai 2023 ist sie Videoredaktorin für das Reportagenformat Reporter!n.

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