MachtpolitikNähe zu USA und Putin-Treffen: Indien auf dem Weg zur Supermacht?
China gegen die USA: Gemeinhin ist dies das Rennen der Supermächte im 21. Jahrhundert. Eine Analyse zeigt jetzt jedoch, dass auch Indien eine aufstrebende – und oft missverstandene – Supermacht ist.
Darum gehts
- Im Schatten der grossen geopolitischen Konflikte positioniert sich Indien neu.
- Eine Studie des Swiss Institute for Global Affairs beleuchtet das bevölkerungsreichste Land der Welt.
- Die Erkenntnis: Indien präsentiert sich als selbstbewusster, militärisch aktiver Akteur.
- Für den Westen bleibe das Land ein unverzichtbarer, aber hochkomplizierter Partner.
Die USA auf der einen, China auf der anderen Seite: Fragt man Menschen nach den Supermächten dieser Welt, ist das oft die logische Antwort. Insbesondere, da Russland sich mit dem Krieg gegen die Ukraine selbst diskreditiert hat und es Europa nicht gelungen ist, zur eigenständigen geopolitischen Macht zu werden.
Und dann gibt es da noch Indien. Der indische Premier Narendra Modi empfing kürzlich den russischen Präsidenten Wladimir Putin, was international für Aufmerksamkeit sorgte. Eine aktuelle Studie des Swiss Institute for Global Affairs (SIGA) hat jetzt untersucht, ob Indien tatsächlich die aufstrebende Supermacht ist, als die es oft dargestellt wird. Das Fazit der Experten: Indien werde die Welt kaum allein dominieren, entwickle sich aber zur unverzichtbaren Schlüsselmacht mit Veto-Recht. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse.
1. Aufweichung der Neutralität
Indien habe traditionell eine «strategische Autonomie» gepflegt, sprich zu allen Mächten gleich viel Distanz bewahrt. Dieses Verhältnis verschiebt sich laut der SIGA-Studie aber derzeit wieder zugunsten einer Positionierung an der Seite Washingtons. Die Analysten sprechen von einer «asymmetrischen Ausrichtung». Der Grund sei die Bedrohung durch China, die mittlerweile schwerer wiege als der alte Konflikt mit Pakistan. Während Neu-Delhi offiziell versuche, Distanz zu wahren und Bündnissen oder formalen Allianzen ausweicht, zwinge der Druck im Himalaya das Land faktisch immer stärker an die Seite Washingtons.

Peking seinerseits hat Indien laut Studie bereits als neutralen Akteur abgeschrieben. Chinesische Strategen betrachteten das Land mittlerweile als «wichtigen Baustein einer US-Strategie gegen China». Nichtsdestotrotz finden sich Indien und China pragmatisch wieder: um etwa gemeinsam gegen den Globalen Norden eine Alternative aufzubauen, mit BRICS und SCO, sowie starken symbolischen Gesten zugunsten Chinas und Russlands.
2. Die «Doval-Doktrin»: Indien schlägt jetzt härter zu
Ein zentraler Punkt der Analyse ist der radikale Umbau des Sicherheitsapparats unter Ajit Doval. Die Studie spricht hier von einem Bruch mit der indischen Tradition: Das Land sei heute bereit, militärische Gewalt «präventiv oder als Vergeltung» einzusetzen. Dies zeige sich nicht nur in Luftschlägen gegen Pakistan, sondern auch in einer deutlich offensiveren Gangart der Geheimdienste, die ihre Interessen mittlerweile global durchzusetzen versuchten.
3. Fokus auf das Meer
Da die regionale Zusammenarbeit in Südasien durch Pakistan blockiert sei, verlagere Indien seinen Fokus konsequent vom Land auf das Meer. Über das «QUAD-Bündnis» mit den USA, Japan und Australien versuche Neu-Delhi, im Indischen Ozean die Vorherrschaft gegenüber China zu behaupten. Ziel sei es, so die Autoren, die «regionale Dominanz zu sichern» und China den Zugang zu wichtigen Seewegen zu erschweren.

4. Technologie und Klima als Waffen
Die Studie hebt hervor, dass Indien Wissenschaft und Klimaschutz als «harte geopolitische Instrumente» nutze:
- Solar-Diplomatie: Mit der International Solar Alliance (ISA) positioniere sich Indien als Anführer des Globalen Südens, um Chinas Einfluss in Afrika entgegenzuwirken.
- Weltraum & Arktis: Die Raumfahrt diene laut Analyse zunehmend militärischen Zwecken. Zudem dränge Indien in die Arktis, um sich den Zugang zu Ressourcen zu sichern und China dort «nicht das Feld zu überlassen».
5. Yoga und Hindi: Kultur als Machtmittel
Auch der Export von Kulturgütern wie Yoga oder der Sprache Hindi sei Teil einer gezielten Strategie. Die Analysten warnen jedoch, dass diese «Soft Power» zunehmend «hindu-nationalistisch geprägt» sei. Heisst: Dies stärke zwar das Profil im Ausland, führe aber intern zu massiven Spannungen und blende die religiöse Vielfalt des Landes aus.

6. Das «geopolitische Tauschgeschäft»
Besonders kritisch bewertet die Studie den Umgang des Westens mit Indiens Innenpolitik. Es bestehe ein «geopolitisches Tauschgeschäft»: Weil Indien als Bollwerk gegen China unverzichtbar sei, sähen westliche Partner bei der Verschlechterung der Menschenrechtslage bewusst weg. Die Region Kaschmir wird dabei als Beispiel für eine massive Militarisierung und die Unterdrückung der Pressefreiheit angeführt.

Fazit der Experten
Indien präsentiere sich 2025 als selbstbewusster, militärisch aktiver Akteur. Das Fazit des Swiss Institute for Global Affairs ist deutlich: Indien werde keine klassische Supermacht, entwickle sich aber zum «Machtvermittler mit Vetorecht» in alle Richtungen. Gemeint ist kein formales Vetorecht, sondern eine Schlüsselposition: Für den Westen bleibe das Land ein «unverzichtbarer, aber hochkomplizierter Partner», dessen Werte zunehmend im Widerspruch zu seiner nationalistischen Innen- und zivilisatorischen Aussenpolitik stünden.
Die Studie
Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.
