Psychologe warnt: Dagestan-Spruch schadet Kindern auf Schulhöfen

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Experte«So ein Spruch ist schlimmer als ein Schimpfwort»

Abwertende Codes wie der Dagestan-Spruch setzen Kindern psychisch zu, wie Jugendpsychologe Felix Hof bestätigt. Er erklärt die Folgen und sagt, was Eltern tun können.

Darum gehts

  • Auf Schulhöfen wird der Spruch «Drei Wochen Dagestan würden dir guttun» immer häufiger verwendet.
  • Er steht nicht für die russische Region, sondern für Gewalt, Härte und Einschüchterung.
  • Jugendliche nutzen ihn, um andere als schwach darzustellen oder zu beleidigen.
  • Queere Organisationen und Lehrverbände warnen vor verbaler Gewalt und Mobbing.
  • Psychologe Felix Hof erklärt, dass solche Aussagen das Selbstwertgefühl von Jugendlichen stark beschädigen können.
  • Eltern sollten aufmerksam sein und bei Anzeichen handeln – auch mit Unterstützung der Schule.

«Drei Wochen Dagestan würden dir guttun»: Dieser Satz fällt derzeit auf vielen Schulhöfen. Gemeint ist dabei nicht die russische Region im Nordkaukasus, sondern ein Jugendwort aus sozialen Medien, das für Härte, Gewalt und Einschüchterung steht. Jugendliche benutzen den Spruch, um andere als schwach darzustellen oder herabzusetzen. Im Gespräch mit 20 Minuten sagen einige, dass der Satz eher als Witz gemeint und aus Tiktok-Kommentaren übernommen werde, andere empfinden ihn klar als beleidigend.

Queere Dachverbände sprechen von verbaler Gewalt und warnen, dass besonders Jugendliche, die als «anders» gelten, davon betroffen sind. Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz ordnet solche Aussagen als Teil einer neuen, codierten Machtsprache ein und betont: Je nach Kontext und Wiederholung können sie als Beleidigung oder Mobbing gelten und verlangen ein Eingreifen der Schule. Mehr dazu kannst du hier lesen.

Jugendpsychologe Felix Hof erklärt im Interview, welche Auswirkungen solche Aussagen auf Jugendliche haben und was Eltern dagegen tun können:

Herr Hof, wir leben grösstenteils in einer offenen und akzeptierenden Welt. Wieso sieht es auf Schulhöfen oft anders aus?

Offenheit und Akzeptanz werden nur hinausgetragen, versteckt finden häufig aber Tabuisierung und Nichtakzeptanz statt. Was sich auf den Schulhöfen zuträgt, ist zum Teil Ausdruck von dem, was an Intoleranz und Nichtakzeptanz im familiären Kontext stattfindet. Das Ventil dafür findet sich dann auf dem Schulhof. Ausserdem kommt es oft dazu, dass dort sehr viele gängige Muster, wie sich prügeln, sich jagen, hänseln mit Schimpfwörtern, aufgebraucht sind. Also muss man jetzt neue Muster definieren, um dazuzugehören – und die sind noch perfider. Oft ist der Schulhof als freier Raum, der einzige Ort, an dem Kinder und Jugendliche ihre Aggressionen kanalisieren können. Auch, weil die Pausenaufsicht nicht jede soziale Situation moderieren und kontrollieren kann.

Felix Hof ist Kinder- und Jugendpsychologe. Er sieht eine klare Gefahr bei solchen Sprüchen.
Felix Hof ist Kinder- und Jugendpsychologe. Er sieht eine klare Gefahr bei solchen Sprüchen.Privat

Was passiert bei Jugendlichen, die mit solchen Aussagen konfrontiert werden?

Jugendliche, die permanent mit abwertenden oder versteckt abwertenden Aussagen, die sehr perfide sind, konfrontiert werden, geraten in eine sehr grosse Selbstverunsicherung. Und wenn eben diese Aussagen immer wieder kommen und vor allem lang andauernd sind, dann nimmt das Selbstwertgefühl der Jugendlichen Schaden. Sie wissen dann nicht mehr so recht, wie sie sich anderen Jugendlichen gegenüber verhalten sollen, welchen Wert sie überhaupt haben, wer sie sind. Es kann zu einer absoluten Grundverunsicherung führen.

Warum wirken solche Sätze so stark?

Indirekte Giftpfeile oder indirekte Abwertungen, gehen in psychische Schichten, in die Schimpfwörter üblicherweise nicht eingehen. Schimpfwörter sind ja auch schnell identifizierbar, indirekte Abwertungen wiederum nicht.

Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind darunter leidet?

Wenn Eltern wachsam sind und ihr Kind wirklich gut lesen können, erkennen sie sehr schnell, dass sich das Kind unter Druck fühlt, dass es sich nicht mehr wohlfühlt, dass es traurig ist, dass es versucht, verschiedene Situationen zu vermeiden, oder dass das Kind ohne Freude und sogar ohne Motivation in die Schule geht – sprich, dass es leidet. Wenn das Kind regelmässig perfiden Abwertungen ausgesetzt ist, kommt es häufig zu Konzentrationsschwierigkeiten, zu Leistungsschwierigkeiten, zu Absenzen. Das Kind tritt einfach weg. Das ist eine Überlebens- und Aushaltenstrategie. Es wird sowohl im schulischen Kontext oder auch ausserhalb der Schule auffällig.

Hast du schon mal Erfahrungen mit abwertenden Sprüchen oder Codes wie dem «Dagestan-Spruch» gemacht?

Wie sollten Erwachsene reagieren, ohne das Problem zu verharmlosen oder zu eskalieren?

Erwachsene müssen unbedingt mit dem Kind oder dem Jugendlichen klären, wie es ihm geht und was für mögliche Gründe für ihr Befinden sind. Der betroffene Jugendliche bzw. das betroffene Kind schämt sich häufig, weil es nicht so recht weiss, «Habe ich das ausgelöst? Ist mit mir etwas nicht okay, dass die anderen so mit mir umgehen?» Also es muss ein sehr vorsichtiges Ansprechen, Nachfragen und Klären sein. Und wenn sich dann der Sachverhalt tatsächlich ergibt, dann sind die Eltern gehalten, auf die Schulleitung zuzugehen und eine Intervention zu fordern. Denn der nachhaltige psychische Schaden zementiert sich, je länger das Kind in dieser äusserst belastenden und traumatisierenden Situation verweilen muss.

Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 für 20 Minuten. Einerseits schreibt sie für das Ressort Community und andererseits ist sie Print-Produzentin.

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