WEF 2026: Das 1:1-Transkript der Rede von Mark Carney

Publiziert

WEF 2026Das 1:1-Transkript der Rede von Mark Carney

Der kanadische Premierminister Mark Carney hat am WEF in Davos eine Grundsatzrede zur Weltordnung gehalten.

Die Rede von Mark Carney am WEF in DavosYoutube

Wort-für-Wort-Übersetzung

20 Minuten hat den Teil der Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney Wort für Wort übersetzt. Sätze wurden nicht umgestellt, der Stil wurde beibehalten. Die Aussagen geben ausschliesslich seine Worte wieder und wurden nicht verifiziert. Zur besseren Lesbarkeit wurde der Text minimal strukturiert.

[Der folgende Teil ist aus dem Französischen übersetzt]

Es ist mir zugleich eine Freude und eine Pflicht, heute Abend in diesem entscheidenden Moment, den Kanada und die Welt gerade erleben, bei Ihnen zu sein.

Heute werde ich über einen Bruch in der Weltordnung sprechen. Über das Ende einer angenehmen Fiktion und den Beginn einer harten Realität. Einer Realität, in der Geopolitik, in der die grossen, dominierenden Mächte, einer Geopolitik ohne Grenzen und ohne Beschränkungen unterliegen.

Andererseits möchte ich Ihnen sagen, dass die anderen Länder, insbesondere die mittelgrossen Mächte wie Kanada, nicht machtlos sind. Sie haben die Fähigkeit, eine neue Ordnung aufzubauen, die unsere Werte einschliesst. Werte wie die Achtung der Menschenrechte, nachhaltige Entwicklung, Solidarität, Souveränität sowie die territoriale Integrität der einzelnen Staaten.

Die Macht der Weniger-Mächtigen beginnt mit Ehrlichkeit.

[Carney spricht wieder Englisch]

Es scheint, dass wir jeden Tag daran erinnert werden, dass wir in einer Ära der Grossmachtkonkurrenz leben. Dass die regelbasierte Ordnung verblasst. Dass die Starken tun können, was sie können, und die Schwachen erleiden müssen, was sie erleiden müssen.

Und dieses Aphorismus von Thukydides wird als unvermeidlich dargestellt. Als die natürliche Logik internationaler Beziehungen, die sich erneut durchsetzt.

Und angesichts dieser Logik gibt es eine starke Tendenz bei Staaten, mitzuschwimmen, um zurechtzukommen. Sich anzupassen, Schwierigkeiten zu vermeiden, zu hoffen, dass Gehorsam Sicherheit erkauft.

Nun. Das wird er nicht.

Also, was sind unsere Optionen?

1978 schrieb der tschechische Dissident Václav Havel, der später Präsident wurde, einen Essay mit dem Titel «Die Macht der Machtlosen». Darin stellte er eine einfache Frage. Wie konnte sich das kommunistische System selbst erhalten?

Und seine Antwort begann mit einem Gemüsehändler.

Jeden Morgen stellt dieser Ladenbesitzer ein Schild in sein Schaufenster. «Arbeiter aller Länder, vereinigt euch.» Er glaubt nicht daran. Niemand tut das. Aber er stellt das Schild trotzdem auf, um Schwierigkeiten zu vermeiden, um Anpassung zu signalisieren, um zurechtzukommen. Und weil jeder Ladenbesitzer in jeder Strasse dasselbe tut, besteht das System weiter. Nicht allein durch Gewalt, sondern durch die Teilnahme gewöhnlicher Menschen an Ritualen, von denen sie privat wissen, dass sie falsch sind.

Havel nannte das «Leben in der Lüge».

Die Macht des Systems kommt nicht aus seiner Wahrheit, sondern aus der Bereitschaft aller, so zu handeln, als sei es wahr. Und seine Fragilität entspringt derselben Quelle. Wenn auch nur eine Person aufhört mitzuspielen, wenn der Gemüsehändler sein Schild entfernt, beginnt die Illusion zu bröckeln. Freunde, es ist Zeit, dass Unternehmen und Staaten ihre Schilder abnehmen.

Über Jahrzehnte hinweg prosperierten Länder wie Kanada unter dem, was wir die regelbasierte internationale Ordnung nannten. Wir traten ihren Institutionen bei. Wir lobten ihre Prinzipien. Wir profitierten von ihrer Berechenbarkeit. Und dadurch konnten wir wertebasierte Aussenpolitik unter ihrem Schutz betreiben.

Wir wussten, dass die Geschichte der regelbasierten internationalen Ordnung teilweise falsch war. Dass sich die Stärksten ausnahmen, wenn es ihnen passte. Dass Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden. Und wir wussten, dass internationales Recht mit unterschiedlicher Strenge angewendet wurde, je nachdem, wer angeklagt war oder wer Opfer war.

Diese Fiktion war nützlich. Und insbesondere die amerikanische Hegemonie half dabei, öffentliche Güter bereitzustellen. Offene Seewege. Ein stabiles Finanzsystem. Kollektive Sicherheit. Und Rahmenwerke zur Streitbeilegung.

Also stellten wir das Schild ins Fenster. Wir nahmen an den Ritualen teil. Und wir vermieden es weitgehend, die Lücken zwischen Rhetorik und Realität zu benennen.

Dieser Pakt funktioniert nicht mehr. Lassen Sie mich direkt sein. Wir befinden uns mitten in einem Bruch. Nicht in einem Übergang.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben eine Reihe von Krisen in den Bereichen Finanzen, Gesundheit, Energie und Geopolitik die Risiken extremer globaler Integration offengelegt. In jüngerer Zeit haben Grossmächte jedoch begonnen, wirtschaftliche Integration als Waffe einzusetzen. Zölle als Hebel. Finanzinfrastruktur als Zwangsmittel. Lieferketten als verwundbare Punkte, die ausgenutzt werden können.

Man kann nicht in der Lüge eines gegenseitigen Nutzens durch Integration leben, wenn Integration zur Quelle der eigenen Unterordnung wird.

Die multilateralen Institutionen, auf die sich mittlere Mächte verlassen haben, die WTO, die UNO, die COP, die Architektur kollektiver Problemlösung selbst, stehen unter Bedrohung. Infolgedessen ziehen viele Länder denselben Schluss. Dass sie grössere strategische Autonomie entwickeln müssen. In Energie, in Nahrung, bei kritischen Mineralien, in Finanzen und Lieferketten.

Dieser Impuls ist verständlich. Ein Land, das sich nicht selbst ernähren, nicht selbst mit Energie versorgen oder sich nicht verteidigen kann, hat wenige Optionen. Wenn Regeln dich nicht mehr schützen, musst du dich selbst schützen.

Aber wir müssen klar sehen, wohin das führt.

Eine Welt der Festungen wird ärmer, fragiler und weniger nachhaltig sein. Und es gibt eine weitere Wahrheit. Wenn Grossmächte selbst den Anschein von Regeln und Werten aufgeben, um ihre Macht und Interessen ungehemmt zu verfolgen, werden die Gewinne aus Transaktionalismus schwerer zu reproduzieren sein.

Hegemonen können ihre Beziehungen nicht dauerhaft monetarisieren.

Verbündete werden diversifizieren, um sich gegen Unsicherheit abzusichern.

Sie werden Versicherungen kaufen. Optionen erweitern, um Souveränität wieder aufzubauen. Eine Souveränität, die einst auf Regeln beruhte, künftig aber zunehmend auf der Fähigkeit basiert, Druck standzuhalten.

Dieser Raum weiss, dass dies klassisches Risikomanagement ist. Risikomanagement hat seinen Preis. Aber die Kosten strategischer Autonomie, der Souveränität, können geteilt werden.

Gemeinsame Investitionen in Resilienz sind günstiger, als wenn jeder seine eigene Festung baut. Gemeinsame Standards reduzieren Fragmentierung. Komplementaritäten ergeben eine positive Summe.

Und die Frage für mittlere Mächte wie Kanada ist nicht, ob wir uns an die neue Realität anpassen müssen. Das müssen wir. Die Frage ist, ob wir uns anpassen, indem wir einfach höhere Mauern bauen, oder ob wir etwas Ambitionierteres tun können.

Kanada gehörte zu den ersten, die den Weckruf hörten. Das führte zu einer grundlegenden Neuausrichtung unserer strategischen Haltung.

Kanadier wissen, dass unsere alten, bequemen Annahmen, dass unsere Geografie und unsere Bündnisse automatisch Wohlstand und Sicherheit garantieren, nicht mehr gelten.

Unser neuer Ansatz beruht auf dem, was Alexander Stubb, der Präsident Finnlands, als «wertebasierten Realismus» bezeichnet hat.

Oder anders gesagt. Wir wollen zugleich prinzipientreu und pragmatisch sein. Prinzipientreu in unserem Bekenntnis zu grundlegenden Werten, zu Souveränität, territorialer Integrität, zum Verbot von Gewaltanwendung, ausser im Einklang mit der Uno-Charta, und zur Achtung der Menschenrechte. Und pragmatisch, im Wissen, dass Fortschritt oft schrittweise erfolgt. Dass Interessen auseinandergehen. Dass nicht jeder Partner alle unsere Werte teilt.

Wir engagieren uns breit und strategisch, mit offenen Augen. Wir nehmen die Welt, wie sie ist, aktiv an, statt auf eine Welt zu warten, die wir uns wünschen.

Wir justieren unsere Beziehungen so, dass ihre Tiefe unsere Werte widerspiegelt. Und wir priorisieren breites Engagement, um unseren Einfluss zu maximieren, angesichts der Fluidität der Welt, der damit verbundenen Risiken und der hohen Einsätze dessen, was kommt.

Und wir verlassen uns nicht mehr nur auf die Stärke unserer Werte, sondern auch auf den Wert unserer Stärke.

Wir bauen diese Stärke im Inland auf.

Seit dem Amtsantritt meiner Regierung haben wir Steuern auf Einkommen, Kapitalgewinne und Unternehmensinvestitionen gesenkt. Wir haben alle föderalen Barrieren für den innerkanadischen Handel beseitigt. Wir beschleunigen Investitionen von einer Billion Dollar in Energie, KI, kritische Mineralien, neue Handelsrouten und mehr. Wir verdoppeln unsere Verteidigungsausgaben bis zum Ende dieses Jahrzehnts und tun dies so, dass unsere heimischen Industrien gestärkt werden.

Und wir diversifizieren rasch im Ausland.

Wir haben eine umfassende strategische Partnerschaft mit der EU vereinbart, einschliesslich des Beitritts zu SAFE, den europäischen Verteidigungsbeschaffungsregelungen. Wir haben in sechs Monaten zwölf weitere Handels- und Sicherheitsabkommen auf vier Kontinenten unterzeichnet. In den vergangenen Tagen haben wir neue strategische Partnerschaften mit China und Katar abgeschlossen. Wir verhandeln Freihandelsabkommen mit Indien, ASEAN, Thailand, den Philippinen und Mercosur.

Wir tun noch etwas.

Um globale Probleme zu lösen, verfolgen wir variable Geometrie. Anders gesagt, unterschiedliche Koalitionen für unterschiedliche Themen, basierend auf gemeinsamen Werten und Interessen.

Zur Ukraine sind wir ein Kernmitglied der Koalition der Willigen und einer der grössten Pro-Kopf-Beitragszahler für ihre Verteidigung und Sicherheit.

Zur arktischen Souveränität stehen wir fest an der Seite Grönlands und Dänemarks und unterstützen voll und ganz ihr einzigartiges Recht, über Grönlands Zukunft zu entscheiden.

Unser Bekenntnis zu Artikel 5 der Nato ist unerschütterlich. Deshalb arbeiten wir mit unseren Nato-Verbündeten, einschliesslich des nordisch-baltischen Gürtels, daran, die nördlichen und westlichen Flanken des Bündnisses weiter zu sichern. Unter anderem durch Kanadas beispiellose Investitionen in Überhorizont-Radar, in U-Boote, in Flugzeuge und in Truppen vor Ort, auf dem Eis.

Kanada lehnt Zölle im Zusammenhang mit Grönland entschieden ab und fordert gezielte Gespräche, um unsere gemeinsamen Ziele von Sicherheit und Wohlstand in der Arktis zu erreichen.

Beim plurilateralen Handel setzen wir uns dafür ein, eine Brücke zwischen der Transpazifischen Partnerschaft und der Europäischen Union zu bauen. Dadurch würde ein neuer Handelsblock mit 1,5 Milliarden Menschen entstehen.

Bei kritischen Mineralien bilden wir Käuferclubs, verankert in der G7, damit die Welt sich von konzentrierten Lieferketten lösen kann.

Und bei KI arbeiten wir mit gleichgesinnten Demokratien zusammen, um sicherzustellen, dass wir am Ende nicht gezwungen sind, zwischen Hegemonen und Hyperscalern zu wählen.

Das ist kein naiver Multilateralismus. Und es ist kein Vertrauen auf alte Institutionen. Es ist der Aufbau funktionierender Koalitionen. Thema für Thema. Mit Partnern, die genügend gemeinsamen Boden haben, um gemeinsam zu handeln.

In manchen Fällen wird das die überwältigende Mehrheit der Nationen sein.

Was dadurch entsteht, ist ein dichtes Netz von Verbindungen in Handel, Investitionen und Kultur, auf das wir bei zukünftigen Herausforderungen und Chancen zurückgreifen können.

Mittlere Mächte müssen gemeinsam handeln. Denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.

Ich würde aber auch sagen, dass Grossmächte es sich derzeit leisten können, allein zu handeln. Sie haben die Marktgrösse, die militärische Kapazität und den Hebel, um Bedingungen zu diktieren. Mittlere Mächte haben das nicht.

Wenn wir jedoch nur bilateral mit einem Hegemon verhandeln, verhandeln wir aus Schwäche. Wir nehmen, was angeboten wird. Wir konkurrieren miteinander darum, am gefügigsten zu sein.

Das ist keine Souveränität. Es ist die Aufführung von Souveränität bei gleichzeitiger Akzeptanz von Unterordnung.

In einer Welt der Grossmachtkonkurrenz haben die Länder dazwischen eine Wahl. Entweder sie konkurrieren miteinander um Gunst. Oder sie schliessen sich zusammen, um einen dritten Weg mit Wirkung zu schaffen.

Wir sollten nicht zulassen, dass der Aufstieg harter Macht uns blind macht für die Tatsache, dass die Macht von Legitimität, Integrität und Regeln stark bleibt, wenn wir uns entscheiden, sie gemeinsam einzusetzen.

Und damit komme ich zurück zu Havel.

Was bedeutet es für mittlere Mächte, in der Wahrheit zu leben?

Erstens bedeutet es, die Realität zu benennen. Hören wir auf, von einer regelbasierten internationalen Ordnung zu sprechen, als würde sie noch so funktionieren wie beworben. Nennen wir es beim Namen. Ein System zunehmender Grossmachtkonkurrenz, in dem die Mächtigsten ihre Interessen verfolgen und wirtschaftliche Integration als Zwangsmittel einsetzen.

Zweitens bedeutet es, konsequent zu handeln. Die gleichen Massstäbe auf Verbündete und Rivalen anzuwenden. Wenn mittlere Mächte wirtschaftliche Einschüchterung aus einer Richtung kritisieren, aber schweigen, wenn sie aus einer anderen Richtung kommt, dann lassen wir das Schild im Fenster hängen.

Drittens bedeutet es, das aufzubauen, woran wir zu glauben vorgeben, statt darauf zu warten, dass die alte Ordnung zurückkehrt. Institutionen und Abkommen zu schaffen, die so funktionieren, wie sie beschrieben werden.

Und es bedeutet, den Hebel zu reduzieren, der Zwang ermöglicht. Das heisst, eine starke Binnenwirtschaft aufzubauen. Das sollte die unmittelbare Priorität jeder Regierung sein.

Internationale Diversifizierung ist nicht nur wirtschaftliche Vorsicht. Sie ist die materielle Grundlage ehrlicher Aussenpolitik. Denn Länder verdienen sich das Recht auf prinzipientreue Positionen, indem sie ihre Verwundbarkeit gegenüber Vergeltung reduzieren.

Kanada. Kanada hat, was die Welt will.

Wir sind eine Energie-Supermacht. Wir verfügen über riesige Reserven an kritischen Mineralien. Wir haben die bestausgebildete Bevölkerung der Welt. Unsere Pensionsfonds gehören zu den grössten und anspruchsvollsten Investoren weltweit. Mit anderen Worten, wir haben Kapital und Talent. Und wir haben eine Regierung mit enormer fiskalischer Handlungsfähigkeit. Und wir haben Werte, nach denen viele andere streben.

Kanada ist eine pluralistische Gesellschaft, die funktioniert. Unser öffentlicher Raum ist laut, vielfältig und frei. Kanadier bleiben der Nachhaltigkeit verpflichtet. Wir sind ein stabiler und verlässlicher Partner in einer Welt, die alles andere als stabil ist. Ein Partner, der Beziehungen langfristig aufbaut und pflegt.

Und wir haben noch etwas. Wir erkennen, was geschieht, und sind entschlossen, entsprechend zu handeln. Wir wissen, dass dieser Bruch mehr verlangt als Anpassung. Er verlangt Ehrlichkeit gegenüber der Welt, wie sie ist.

Wir nehmen das Schild aus dem Fenster.

Wir wissen, dass die alte Ordnung nicht zurückkehren wird. Wir sollten sie nicht betrauern. Nostalgie ist keine Strategie. Aber wir glauben, dass wir aus dem Bruch etwas Grösseres, Besseres, Stärkeres und Gerechteres aufbauen können.

Das ist die Aufgabe der mittleren Mächte. Der Länder, die in einer Welt der Festungen am meisten zu verlieren und von echter Zusammenarbeit am meisten zu gewinnen haben.

Die Mächtigen haben ihre Macht.

Aber wir haben auch etwas. Die Fähigkeit, aufzuhören so zu tun. Die Realität zu benennen. Unsere Stärke zu Hause aufzubauen. Und gemeinsam zu handeln.

Das ist Kanadas Weg. Wir wählen ihn offen und selbstbewusst. Und es ist ein Weg, der für jedes Land offen ist, das bereit ist, ihn mit uns zu gehen.

Vielen Dank.

Jonas Bucher ist Blattmacher stellvertretender Co-Leiter des Newsdesks bei 20 Minuten. Er ist seit 25 Jahren in der Medienbranche tätig und 20 Minuten stets treu geblieben.

Deine Meinung zählt

908
0
121
Merken