Minnesota: ICE-Agenten erschiessen Alex Pretti

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ICE-Tote«Auf welcher Seite steht ihr?»: US-Bevölkerung am Scheidepunkt

Schon wieder ist bei einem Einsatz der Migrationsbehörde ICE im Bundesstaat Minnesota eine Person erschossen worden. Gouverneur Walz sieht die US-Bevölkerung vor einem Wendepunkt.

Dieses Video zeigt, wie Alex Pretti von mehreren ICE-Agenten erschossen wird, nachdem ihm seine Pistole abgenommen wurde.X

Darum gehts

  • ICE-Agenten erschossen Alex Pretti in Minnesota. Es ist der zweite Vorfall in diesem Monat.
  • Das Weisse Haus und ICE verteidigen das Vorgehen. Sie geben dem Toten die Schuld.
  • Videoaufnahmen zeigen, dass Pretti entwaffnet und dann in den Rücken geschossen wurde.

Die innenpolitischen Spannungen in den USA sind so gross wie seit Jahrzehnten nicht mehr: Hunderttausende protestieren gegen die Migrationsbehörde ICE und die Trump-Regierung im Allgemeinen, nachdem am 24. Januar schon zum zweiten Mal in diesem Monat ein US-Staatsbürger durch Schüsse von ICE-Agenten getötet wurde.

Tim Walz, der Gouverneur von Minnesota, sieht die US-Bevölkerung an einem Wendepunkt.
Tim Walz, der Gouverneur von Minnesota, sieht die US-Bevölkerung an einem Wendepunkt.Getty Images via AFP/Stephen Maturen

Am Sonntag wandte sich Gouverneur Tim Walz an die Bevölkerung und richtete eine direkte Frage an die US-Amerikaner und -Amerikanerinnen: «Auf welcher Seite wollt ihr stehen? Auf jener einer allmächtigen Bundesregierung, die ihre Bürger auf offener Strasse töten und entführen kann, oder auf der Seite von Pretti, einem Krankenpfleger, der beim Protest gegen die Regierung getötet wurde?»

Weisses Haus bleibt eisern – und gibt Totem die Schuld

Danach wandte er sich direkt an US-Präsident Trump mit der Frage, wie es weitergehen solle. «Was müssen wir tun, um diese Bundesbeamten aus unserem Bundesstaat hinauszubekommen?», fragte er an Trump gerichtet. Dass er vom 79-Jährigen eine substanzielle Antwort erhalten wird, ist unwahrscheinlich: Ein hochrangiger Beamter des Weissen Hauses kündigte am Sonntag gegenüber CNN bereits an, ICE werde ihre Rhetorik und Haltung nicht anpassen.

Damit spitzt sich die Gefahr für eine Eskalation weiter zu. Walz hatte als Reaktion auf die Erschiessung die Nationalgarde aktiviert, die laut «Wired» als eine Art Puffer zwischen den ICE-Agenten und der Bevölkerung dienen soll. Ex-Präsident Barack Obama warnte am Sonntag, dass die tödlichen ICE-Einsätze ein Weckruf für die Bevölkerung sein sollten, dass viele der zentralen US-Werte zunehmend angegriffen würden.

Gregory Bovino hat nach der Erschiessung eines 37-Jährigen angekündigt, dass die Migrationsbehörde ICE ihren Einsatz im Bundesstaat Minneapolis unvermindert fortsetzen werde.
Gregory Bovino hat nach der Erschiessung eines 37-Jährigen angekündigt, dass die Migrationsbehörde ICE ihren Einsatz im Bundesstaat Minneapolis unvermindert fortsetzen werde.IMAGO/Middle East Images

ICE-Kommandant Gregory Bovino bekräftigte diese Haltung in einer Pressekonferenz am Sonntag: Der Einsatz der Migrationsbehörde in Minnesota werde «unvermindert fortgesetzt». Die Erschiessung von Pretti nannte er eine «vermeidbare Tragödie» und suggerierte, dass der US-Amerikaner an seinem Tod mitschuldig sei.

Er bezeichnete den nicht vorbestraften Mann, der auf den Videoaufnahmen lediglich Demonstrierende und ICE-Beamte filmt und sich anschliessend zwischen sie stellt, am Sonntag als «Verdächtigen». Den gleichen Begriff nutzte er auch für die am 7. Januar 2026 erschossene Renée Good. Sie seien «Verdächtige, die Polizeibeamte bei der Arbeit behindert, angegriffen oder deren Leben bedroht» hätten.

So lief die Erschiessung von Alex Pretti ab

Laut Darstellung des US-Heimatschutzministeriums soll der 37-jährige Alex Pretti mit einer Waffe auf die ICE-Agenten zugegangen sein. Dieser Darstellung widerspricht seine Familie entschieden und bezichtigt die US-Regierung, zu lügen. Vorsteherin Kristi Noem nannte den Erschossenen unter anderem einen «inländischen Terroristen» und lobte wie Bovino die Migrationsbeamten, die ihrer Darstellung nach alles richtig gemacht hätten.

Videoaufnahmen und Augenzeugenberichte erzählen aber eine deutlich andere Geschichte. So wird Pretti beim Versuch, sich zwischen Demonstrierende und einen Agenten zu stellen, zunächst mit Pfefferspray traktiert. Dann bedrängen mehrere Beamte den 37-Jährigen, der zu diesem Zeitpunkt sein Handy in der Hand hält.

Unmittelbar vor den tödlichen Schüssen nahmen die ICE-Beamten Pretti seine Pistole ab, die er beim Protest legal dabeihatte.
Unmittelbar vor den tödlichen Schüssen nahmen die ICE-Beamten Pretti seine Pistole ab, die er beim Protest legal dabeihatte.Standbild X/@FaytuksNetwork

Nachdem er zu Boden geht, nimmt ihm ein Agent die Pistole ab, für die der US-Amerikaner alle benötigten Papiere besass, und entfernt sich mit der Waffe. Zum gleichen Zeitpunkt zieht ein anderer Agent seine Dienstwaffe und richtet sie auf den Rücken von Pretti, der sich zu diesem Zeitpunkt auf den Knien befindet. Danach eröffnen er und andere ICE-Agenten das Feuer – innert fünf Sekunden fallen mindestens zehn Schüsse, die Pretti teils in den Rücken treffen. Er stirbt noch vor Ort. Eine detaillierte Analyse findest du hier.

Republikaner fordert gründliche Aufklärung

Aus dem Maga-Lager selbst gibt es nach der neuesten Erschiessung eines US-Staatsbürgers durch Bundesbeamte auf offener Strasse Forderungen nach einer umfassenden Aufklärung des Vorfalls. «Eine gründliche Untersuchung ist notwendig – sowohl, um diesen Vorfällen auf den Grund zu gehen, als auch, um das Vertrauen der Amerikaner in unser Justizsystem aufrechtzuerhalten», schrieb Michael McCaul, republikanischer Repräsentant für Texas, auf X.

Am Ort, an dem Pretti am Samstag erschossen wurde, haben viele bereits Blumen niedergelegt.
Am Ort, an dem Pretti am Samstag erschossen wurde, haben viele bereits Blumen niedergelegt.AFP

Inwiefern dies überhaupt möglich sein wird, ist unklar: Laut Keith Ellison, dem Generalstaatsanwalt von Minnesota, wurde Ermittlern des Bundesstaates der Zutritt zum Tatort verwehrt – trotz einer entsprechenden Durchsuchungsbefugnis. «Auch mit dem Durchsuchungsbefehl, der zuvor noch nie erforderlich gewesen war, wurden sie abgewiesen. Das ist Neuland», so Ellison zu CNN.

Haben ICE-Beamte die Beweise vernichtet?

Derweil besteht auch der Verdacht, dass diverse der Beweismittel schon von den ICE-Agenten selbst vernichtet wurden. Das Amt für Verbrechensbekämpfung von Minnesota hat deshalb eine Klage eingereicht, in der es der Migrationsbehörde vorwirft, Gegenstände vom Tatort entfernt zu haben. Das Heimatschutzministerium, zu dem ICE gehört, weist die Vorwürfe kategorisch zurück – hat seine Agenten in einem internen Memo aber zugleich angeordnet, keine Fotos oder Videos mit ihren privaten Handys zu machen, wie CNN berichtet.

Benedikt Hollenstein (bho) ist seit 2021 bei 20 Minuten. Er schreibt für den Newsdesk und übernimmt dort auch Tagesleitungsschichten.

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