1 Monat danachAls der Horror in Crans-Montana ausbrach: Eine Übersicht
Ein Monat nach dem Brand von Crans-Montana ist der Ablauf rekonstruiert. Viele Fragen bleiben aber offen.

Darum gehts
- Ein Monat nach dem Brand in Crans-Montana sind 40 Menschen tot. 116 wurden verletzt.
- Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Barbetreiber und Gemeindeangestellte.
- Viele Fragen sind noch offen. Die Ermittlungen dauern an.
Einen Monat ist es her, seit die Brandkatastrophe von Crans-Montana die Schweiz und das Ausland erschüttert hat. In der Silvesternacht kam es in der Bar Le Constellation zu einem verheerenden Brand.
40 Menschen kamen dabei ums Leben, 116 wurden teils schwer verletzt. Besonders auffällig ist das junge Alter vieler Opfer. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden waren 20 der 40 Todesopfer minderjährig, die jüngsten erst 14 Jahre alt.

Der Moment des Brandausbruchs
In der Nacht auf den 1. Januar war das Le Constellation stark besucht. Spätestens um 1.17 Uhr wurden im Innern mehrere Champagnerflaschen mit brennenden Sprühkerzen, sogenannten Partyfontänen, durch das Lokal getragen.
Um 1.26 Uhr und 54 Sekunden entzündeten die Sprühkerzen die schallgedämmten Schaumstoffmatten an der Decke. Das zeigen Fotos und Videos. Darauf ist eine Kellnerin mit Helm zu sehen, die vermutlich von einem anderen Angestellten auf den Schultern getragen wird. Sie hält eine Champagnerflasche mit Sprühkerzen. Diese lösten schliesslich den Brand aus.
Die Gäste versuchten, die Bar im Untergeschoss zu verlassen. Nach bisherigen Erkenntnissen führte eine enge Treppe als zentraler Fluchtweg nach oben. Innerhalb kurzer Zeit kam es dort zu einem Stau.
Flashover nach knapp 80 Sekunden
Um 1.28 Uhr und 12 Sekunden kam es zu einem sogenannten Flashover. Dabei entzündete sich das unter der Decke angesammelte heisse Rauch- und Gasgemisch schlagartig.
Der gesamte Raum geriet gleichzeitig in Vollbrand. Für viele Anwesende war eine Flucht ab diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich. Flammen schossen entlang der Treppe nach oben.

Flucht aus dem Untergeschoss
Die meisten Opfer wurden im Kellerbereich in der Nähe der Haupttreppe gefunden. Insgesamt starben 37 Menschen im Untergeschoss. Zwei weitere Todesopfer wurden im hinteren Teil der Bar entdeckt, eines im Gang zu den Toiletten und eines am hinteren Notausgang. Drei Menschen kamen im Erdgeschoss oder draussen auf der Strasse ums Leben. Unter ihnen war auch die Kellnerin, die auf den Schultern eines Kollegen sass und mit den Sprühkerzen den Brand ausgelöst hatte.
Die Spitäler im Wallis arbeiteten zeitweise am Limit. Verletzte, teils schwer verbrannt, wurden in andere Kantone oder ins Ausland verlegt.

Strafverfahren gegen Betreiber
Die Walliser Staatsanwaltschaft leitete kurz nach dem Unglück ein Strafverfahren ein. Zunächst wurde gegen unbekannt ermittelt. Wenige Tage später gerieten die Betreiber der Bar in den Fokus.
Gegen Jacques und Jessica Moretti wird wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Brandverursachung ermittelt. Jacques Moretti wurde vorübergehend in Untersuchungshaft genommen und später gegen eine Kaution von 200'000 Franken freigelassen. Auch Jessica Moretti musste eine Kaution hinterlegen. Beide unterliegen Auflagen.

Ermittlungen gegen Behörden
Im Verlauf der Ermittlungen wurden die Verfahren ausgeweitet. Inzwischen wird auch gegen zwei kommunale Angestellte ermittelt. Im Zentrum der Ermittlungen stehen mögliche Versäumnisse bei den Brandschutzkontrollen. Nach heutigem Kenntnisstand fanden die letzten dokumentierten Kontrollen im Jahr 2019 statt.
Ebenfalls geprüft werden die Fluchtwege. Ein zweiter Notausgang war offenbar vorhanden, könnte jedoch verstellt gewesen sein. Gesichert ist, dass das Notausgangsschild bei der Haupttreppe in der Brandnacht nicht beleuchtet war.

Gelöschte Aufnahmen
Kritik gibt es zudem an der Beweissicherung. Videoaufnahmen aus der Unglücksnacht stehen nicht mehr zur Verfügung.
Aufnahmen der 250 Überwachungskameras in Crans-Montana wurden später automatisch gelöscht und standen nicht mehr zur Verfügung. Welche Auswirkungen dies auf die Ermittlungen haben wird, ist noch offen.

Scharfe Kritik aus Italien
Der Fall hat auch für diplomatische Verstimmungen gesorgt. Unter den Todesopfern und Verletzten befinden sich mehrere italienische Staatsangehörige. In Italien äusserten Politiker und Angehörige der Opfer öffentlich Kritik am Vorgehen der Schweizer Justiz. Italien zog aus Protest seinen Botschafter ab. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni übte auf der Plattform X scharfe Kritik an der Schweiz.
Beanstandet wurden unter anderem die Freilassung der Betreiber auf Kaution sowie der Umgang mit Beweismitteln. Italien forderte mehr Transparenz und einen intensiven Informationsaustausch. Die Schweiz gewährte Rechtshilfe. Die Schweizer Behörden weisen den Vorwurf einer unzureichenden Aufarbeitung zurück und betonen, die Ermittlungen würden nach rechtsstaatlichen Grundsätzen geführt.
Wie es nun weitergeht
Die Ermittlungen dauern derweil an. Weitere Einvernahmen sollen stattfinden. Zudem werden zusätzliche Gutachten erwartet. Die Ermittler wollen klären, ob Vorschriften verletzt wurden und wer strafrechtlich verantwortlich ist.
Für alle Beschuldigten gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.
Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Trauma erlitten?
- Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858
- Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer SRK, Tel. 058 400 47 77
- Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen
- Selbsthilfegruppen
- Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
- Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
Jonas Bucher ist Blattmacher stellvertretender Co-Leiter des Newsdesks bei 20 Minuten. Er ist seit 25 Jahren in der Medienbranche tätig und 20 Minuten stets treu geblieben.
