Kein Geld von der Arbeitslosenkasse: Adriana findet trotz Master keinen Job

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Adriana (33)«Das Konto ist im Minus und trotz Master finde ich keinen Job»

Seit Anfang Dezember wartet Adriana auf ihr Arbeitslosengeld – wie viele andere auch. Doch nicht nur das leere Konto setzt ihr zu, sondern auch die quälende Ungewissheit.

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Darum gehts

  • Adriana (33) aus dem Kanton Aargau hat seit Anfang Dezember kein Arbeitslosengeld mehr erhalten.
  • Mittlerweile sei ihr Konto im Minus und sie finanziell von ihrem Mann abhängig.
  • Trotz Master-Abschluss und knapp 100 Bewerbungen finde sie keine passende Stelle, was auf den Selbstwert drücke.
  • Das Seco erklärt, technische Störungen seien behoben, es gebe jedoch einen Arbeitsstau mit teils verzögerten Auszahlungen, die Rückstände würden mit Hochdruck abgebaut.

Am Morgen greift Adriana als Erstes zum Handy. Noch bevor sie die Kaffeemaschine einschaltet, öffnet sie ihre E-Banking-App. «Ich schaue jeden Tag. Wirklich jeden», sagt sie ruhig. 17. Februar. Wieder kein Eingang. Die letzte Zahlung der Arbeitslosenkasse kam am 5. Dezember.

Adriana erhielt ihre letzte Zahlung am 5. Dezember, seither prüft sie jeden Tag ihr Konto.
Adriana erhielt ihre letzte Zahlung am 5. Dezember, seither prüft sie jeden Tag ihr Konto.20min/Carolin Teufelberger
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«Das Schlimmste ist die Ungewissheit», sagt die 33-Jährige. Im Online-Portal stehe ihr Dossier seit Wochen auf «in Prüfung». Auf eine schriftliche Anfrage erhielt sie keine Antwort, am Telefon hiess es lediglich, es herrsche Chaos. «Wenn mir jemand sagen würde: Es dauert noch zwei Wochen. Oder bis Ende Februar. Dann könnte ich mich darauf einstellen. Aber so wache ich jeden Tag auf und weiss nicht, was kommt.»

«Geld blieb aus – ohne Erklärung»

Von der Panne habe sie dementsprechend auch nicht von der Arbeitslosenkasse, sondern aus den Medien erfahren. Zuerst glaubte sie, sie habe selbst einen Fehler gemacht. «Ich bin alles nochmals durchgegangen und habe mich gefragt: Habe ich etwas falsch hochgeladen? Etwas nicht abgeschickt?» Bis Dezember habe alles reibungslos funktioniert. «Und dann blieb das Geld plötzlich aus – ohne Erklärung.»

Das Geld sei ohne Erklärung ausgeblieben, weshalb Adriana zuerst gedacht habe, sie hätte etwas falsch gemacht.
Das Geld sei ohne Erklärung ausgeblieben, weshalb Adriana zuerst gedacht habe, sie hätte etwas falsch gemacht.20min/Carolin Teufelberger

Ihr Konto sei inzwischen im Minus. «Ein paar Hundert Franken, mehr lasse ich nicht zu», sagt sie. Es sei das erste Mal in ihrem Leben, dass sie ihr Konto nicht ausgleichen könne. Sie habe immer gearbeitet, immer Rücklagen gebildet, gerade auch, weil sie ihre letzte Stelle selbst gekündigt habe. «Ich mag es nicht, Schulden zu haben», sagt sie leise und blickt kurz auf die vielen Fotos mit glücklichen Gesichtern an den Wänden. Sie habe zwar noch etwas Erspartes, aber das sei eigentlich für den äussersten Notfall gedacht. «Wenn seit Wochen kein Geld kommt, die Fixkosten aber weiterlaufen, schmilzt dieses Polster schnell weg.»

Das sagt das Seco

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) sagt auf Anfrage, dass die technischen Störungen bei Job-Room innert kurzer Zeit behoben werden konnten; schwerwiegende Probleme bestünden aktuell nicht mehr. Der Fokus liege derzeit auf der Verbesserung der Systemperformance, die noch nicht das gewünschte Niveau erreicht habe.
Die notwendigen Eingriffe führten bei den Arbeitslosenkassen zu einem Arbeitsstau und längeren Dossierbearbeitungszeiten, teils mit Auszahlungsverzögerungen – insbesondere bei neu angemeldeten Personen. «Die Kassen bauen den Rückstau mit Hochdruck ab», so das Seco. Trotzdem würden fortlaufend Auszahlungen vorgenommen, die überwiegend planmässig verliefen. Aufgrund einer Vielzahl unterschiedlicher Fälle sei eine allgemeine, proaktive Information zu konkreten Zahlungsverzögerungen nur eingeschränkt möglich.
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«Denke mir: ‹Du bist nichts wert, du hast keinen Job›»

Gleichzeitig wisse sie, dass sie privilegiert sei. Ihr Mann arbeite 100 Prozent und übernehme derzeit den grössten Teil der Fixkosten. «Dafür bin ich sehr dankbar.» Und doch ringe sie mit sich. «Ich habe mein Leben lang mein eigenes Geld verdient. Jetzt bin ich plötzlich abhängig. Das fühlt sich nicht gut an.» Hinzu komme die lange Stellensuche. «Nach knapp 100 geschriebenen Bewerbungen noch immer arbeitslos zu sein, drückt auf meinen Selbstwert. An manchen Tagen denke ich mir: ‹Du bist nichts wert, du hast keinen Job›», sagt sie.

Ihr Mann übernehme derzeit den grössten Teil der Fixkosten, worüber sie froh sei. Aber sie fühle sich erstmals in ihrem Leben finanziell abhängig.
Ihr Mann übernehme derzeit den grössten Teil der Fixkosten, worüber sie froh sei. Aber sie fühle sich erstmals in ihrem Leben finanziell abhängig.20min/Carolin Teufelberger

Geboren und aufgewachsen ist Adriana in der Slowakei, 2012 kam sie in die Schweiz. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Erziehungswissenschaften, absolvierte den Master in Germanistik und Sonderpädagogik und promoviert heute an der Uni Zürich, mit einem 20-Prozent-Pensum. Neben dem Studium arbeitete sie durchgehend, bildete sich weiter in Marketing, HR, Projektmanagement und Buchhaltung.

«Wir müssen alle Ausgaben durchrechnen»

Im August kündigte sie ihre Stelle in der Verwaltung, um näher an ihr eigentliches Fach zu kommen, nämlich im Bildungs- oder Wissenschaftsbereich. «Ich muss zugeben, dass ich mir die Stellensuche einfacher vorgestellt habe.» Seit August suche sie eine 80-Prozent-Stelle. «Ich bin gut ausgebildet, motiviert und trotzdem finde ich nichts Passendes.»

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Umso mehr habe sie darauf gezählt, dass zumindest die finanzielle Überbrückung in dieser Zeit verlässlich funktioniere. Sie und ihr Mann rechneten ihr Budget regelmässig durch. «Wir haben nie verschwenderisch gelebt, aber jetzt müssen wir alle Ausgaben genau abwägen.» Noch gehe es, sagt Adriana, und klopft dabei auf den Esstisch aus Holz. Bis das Geld eintrifft, bleibt ihr nichts anderes, als zu warten und sparsam zu leben. Und auch am nächsten Morgen wieder als Erstes ihr Konto zu prüfen.

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Carolin Teufelberger (cat) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Redaktorin beim Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.

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