Besuch auf Rebellen-BasisIhr Ziel ist der Regime-Sturz im Iran: «Wir sind bereit»
Sie greifen Sicherheitskräfte an, die im Iran Protestierende töten. Besuch auf einer Basis iranischer Kurdenkämpfer, die sagen: «Sollten die USA angreifen, übernehmen wir.»
Darum gehts
- 20 Minuten ist in den Irak gereist (siehe Behind-The-Scene-Box unten).
- Dort sind die Kämpfer der «Kurdistan Freedom Party» PAK.
- Sie greifen im Iran Sicherheitskräfte an und helfen Protestierenden .
- Kommandant Rebaz Sharifi empfängt auf einer Basis bei Erbil. Er gibt verstörende Einblicke aus dem Iran nach den Massenprotesten vom Januar.
- «Sollten die USA angreifen, werden wir hineingehen, um zu übernehmen», sagt er. Das ist nicht nur Rhetorik: Laut Beobachtern besteht für Teheran die Gefahr, die Kontrolle über einzelne Provinzen zu verlieren.
Im Innern Irans brodelt es noch immer – nach Massenprotesten, Massentötungen und Massenverhaftungen. Am Wochenende demonstrierten Studierende in Teheran gegen die Machthaber. In Genf wird verhandelt.
«Iran nutzt Donald Trumps Ansagen als Vorwand, im Innern in Massen zu töten», sagt Rebaz Sharifi auf einer Basis nordwestlich von Erbil zur angespannten Lage.
Seine Kämpfer sind auf Mission im Iran, wo sie die Sicherheitskräfte des Regimes angreifen. «Diese Einsätze sind gutes Training für uns», sagt der Kommandant.
«Die Sprache, die Teheran versteht»
Die Peschmerga der separatistischen «Kurdischen Freiheitspartei» (PAK) sollen die ersten gewesen sein, die in den Iran ausrückten – so wie schon 2014 in Syrien und im Irak.
Im Kampf gegen die damaligen IS-Terroristen haben sich die PAK-Kämpfer einen heroischen Ruf über viele Grenzen hinaus erworben (Bildstrecke weiter unten).

Ein Dorn im Auge des Regimes
Vor wenigen Tagen bestätigte die PAK die Vorwürfe iranischer Staatsmedien: Ihr bewaffneter Flügel habe die Proteste finanziell und mit Einsätzen unterstützt, sagte ein Funktionär der Nachrichtenagentur AP in Erbil.
«Er hatte viele Protestierende getötet. Wir erschossen ihn mit fünf Kugeln. Diese Sprache versteht Teheran.»
Diese Kämpfer würden Protestierende schützen und hätten «den Streitkräften des Regimes erheblichen Schaden» zugefügt.
Konkreter wird PAK-Kommandant Sharifi: «Als Teheran uns im Januar mit Drohnen angriff, nahmen sie einen der Schergen des Sicherheitsapparats ins Visier, der an den Protesten für viele Tote verantwortlich war. Wir gingen in sein Haus und erschossen ihn mit fünf Kugeln. Das ist die Sprache, die Teheran versteht.»
«Neue Phase» im Kampf gegen das Regime?
Der 40-jährige kurdisch-iranische Kommandant, zweifach verwundet in den Schlachten gegen den IS, empfängt 20 Minuten auf einer Pergola mit Chai und Blick auf den Grossen Zab, einem Nebenfluss des Tigris. Daneben liegen Trümmer eines iranischen Drohnenangriffs von Anfang Januar mit einem Toten und einem Verletzten.
Mit den militärischen Drohungen aus den USA wittern Regime-Gegner im Irak Morgenluft: Iranisch-kurdische Exilparteien und ihre Kampfverbände sind stark in die aktuellen Unruhen involviert, es ist die Rede von einer «neuen Phase» im Kampf gegen Teheran.

Zusammenschluss gegen das Regime
Neue «Mafia-Methoden» gegen Protestbewegung
Es gehe längst nicht mehr nur um Opposition gegen Regime, sagt Sharifi. Es sei «ein Kampf zwischen Menschen und Mafia-Banden, mit den entsprechenden Methoden». Mit neuen Mitteln diskreditiere Teheran die Protestbewegung gezielt.
«Gerade von den Kurden behauptet das Regime, dass sie als amerikanische und israelische Spione die Unruhen verursachen, weil sie an den Protesten Menschen niederstechen wollten. Gleichzeitig wird in den Gefängnissen neu mit Messern getötet und behauptet, die Verhafteten seien auf den Strassen bei den Unruhen erstochen worden.» So würden Morde der Protestbewegung angelastet – ohne Untersuchung der Haftbedingungen.
Fahrzeuge, Messer, Maschinengewehre
«Neuerdings werden auch Fahrzeuge gegen Menschenmengen eingesetzt. In den Städten überrollten eingereiste schiitische Kämpfer die Leute gezielt mit ihren Wagen», sagt Sharifi.
In Europa würden Sicherheitskräfte schlimmstenfalls Tränengas und Gummischrot einsetzen. «Im Iran setzen sich neben Maschinengewehren und Duschkas nun auch solche Methoden durch.»
Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht. Plausibel erscheint, dass das Regime das Ausmass staatlicher Tötungen mit Mitteln verschleiert, die sich nicht in offiziellen Hinrichtungszahlen niederschlagen.


Komplette Isolation
Die landesweiten Unruhen im Januar veranlassten den Iran, über zwei Wochen die Internet- und Telefonverbindungen von Millionen Bürgern abzuschalten und in dieser Isolation aktiv zu werden: Aktivistinnen und Aktivisten und Amnesty International gehen von mehr als 2670 Toten wegen des Vorgehens Teherans gegen die Proteste sowie von Zehntausenden Verhafteten aus.
«In dieser Zeit wurden Familien von Verhafteten gezwungen, an den öffentlichen Feiern zum 40. Jahrestag der Islamischen Revolution teilzunehmen», berichtet der PAK-Kommandant. «Es hiess, dass ihr Sohn hingerichtet werde, sollten sie nicht mit der gesamten Familie erscheinen.»
Grausames Spiel mit der Hoffnung
Mit Massen von Erpressten habe das Regime ein Bild geschaffen, dass Tausende die Islamische Revolution feierten. Gleichzeitig werde mit den Hoffnungen der Familien, dass ihre Kinder verschont würden, ein grausames Spiel getrieben: «Wir wissen von Eltern, die ihre Söhne am Samstag im Gefängnis besuchten und am Montag den Anruf erhielten, sie sollten ihre Leichen abholen.»

Der Machtapparat in Teheran durchdringe das Leben im Land durch und durch, sagt Sharifi mit Blick auf den Geheimdienst Ettelaat (pers.: «Informationen») und den Sicherheitsapparat (Pasdaran).
Dieser kontrolliere die Wirtschaft des Landes mit Öl- und sämtlichen anderen Geschäften «wie eine veritable Mafia». Die kriminellen Netzwerke diktierten ihre Interessen selbst dem Obersten Führer Chamenei, steht für Sharifi fest.
Unklar ist dagegen, ob US-Präsident und Geschäftsmann Trump den Iran tatsächlich angreifen wird. Sicher sei nur: Er und die PAK-Kämpfer stünden im Irak bereit – zwischen 500 und 1000 kurdische Iranerinnen und Iraner.
Das sagt Teheran zu den Protesten
«Nicht alle trainieren, um im Iran zu kämpfen»
Sie flohen aus Überzeugung oder Zwang aus dem Iran ins Nachbarland. Bei der PAK werden sie körperlich und ideologisch geschult. Vorwürfe, Minderjährige zu rekrutieren, weisen die kurdischen Gruppierungen zurück.
«Nicht alle trainieren, um im Iran zu kämpfen. Einige gehen nach Europa, andere arbeiteten hier als Lehrer und in anderen ganz normalen Berufen», sagt der Kommandant. «Aber auch nicht alle können studieren».
Ablehnung eines zentralisierten Irans
Die Kämpferinnen und Kämpfer erlernten Notfallversorgung, Guerillataktik, Urban Fighting und das Verhalten im Drohnenkrieg. Später würden sie sich je nach Interesse ausbilden, als Sniper, an der Duschka, im Anti-Panzer-Kampf.
Eine Demonstration auf dem Übungsplatz zeigt, dass sie Disziplin gross schreiben. «Letztlich ist ihre Heimat besetzt und sie trainieren für den Kampf, um dies zu ändern», sagt Sharifi. Mehrfach betont der PAK-Kommandant: «Wir wollen die Unabhängigkeit.» Auch deshalb sei Reza Pahlavi für die Post-Mullah-Zeit ungeeignet: «Er denkt wie sein Vater.»
Wie um den Grundkonflikt zu unterstreichen, postete Schah-Sohn Pahlavi am Donnerstag auf X: «Wir werden weder verhandeln noch auch nur einen Zentimeter in Bezug auf die Einheit und territoriale Integrität des Iran an irgendjemanden abtreten.»
Separatistische Gruppen stellten «unbegründete und verächtliche Behauptungen gegen die territoriale Integrität und nationale Einheit des Iran» auf. Dabei das Regime «seit dem ersten Tag seiner Machtübernahme der Hauptverursacher aller Formen von Diskriminierung und Spaltung innerhalb des Iran».


«Teheran lenkt von Raketenprogramm ab»
In Genf laufen derweil die Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA. PAK-Kommandant Sharifi glaubt, Teheran wolle in erster Linie Zeit gewinnen: «Man lenkt dabei den Fokus auf das Atomprogramm und weg von den Raketen- und Drohnenprogrammen. Doch auf diese fokussiert das Regime insgeheim viel stärker.»
«Sollten die USA tatsächlich angreifen, werden wir hineingehen, um zu übernehmen.»
Er dürfte sich nun bestätigt fühlen: Am Dienstag hat Donald Trump dem Iran in seiner Rede an die Nation vorgeworfen, Raketen für Angriffe auf die Vereinigten Staaten voranzutreiben.
Vor einigen Tagen positionierten die USA den grössten Flugzeugträger der Welt in der Region.
PAK und Co. als Gefahr für Teheran?
«Es gelang Teheran immer wieder, die internationale Gemeinschaft zu besänftigen», sagt Kommandant Sharifi. Mit dem Deal-Mann Trump sei das nicht mehr möglich. «Sollten die USA den Iran in naher Zukunft tatsächlich angreifen, werden wir hineingehen, um zu übernehmen.»
«Teheran könnte Kontrolle über einige Provinzen infolge eines Wiederaufflammens der Proteste verlieren.»
Das ist mehr als reine Rhetorik - auch wenn die PAK und die anderen Gruppierungen im offenen Gefecht gegen konventionelle iranische Einheiten «ohne jede Aussicht auf Sieg» wären, sagt Roland Popp, Iran- und Sicherheitsexperte von der Milak an der ETH Zürich. «Die Gefahr für die Zentralregierung in Teheran ist eher, dass sie bei einem amerikanischen oder israelischen Angriff die Kontrolle über einige Provinzen infolge eines Wiederaufflammens der Proteste verlieren könnte.»
Behind the Scene
Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.
