Eierschalen-Eltern: Der psychologische Schaden zeigt sich erst später

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ErziehungWer mit «Eierschalen-Eltern» aufwächst, zahlt später den Preis

Zurückhaltende, überangepasste Kinder wirken brav – stehen aber häufig unter Dauerstress. Warum das Aufwachsen mit sogenannten Eierschalen-Eltern bis ins Erwachsenenleben nachwirkt.

Vielleicht kennst du das Gefühl aus deiner Kindheit: Die Haustür geht auf, deine Mama kommt nach Hause und dein Herz fängt plötzlich an zu rasen. Du bist nervös, weil du nicht weisst, in welcher Stimmung sie sich gerade befindet.

Oder: Du willst deinem Papa etwas erzählen, dieser hört dir aber nicht zu. Statt deinen Frust darüber zum Ausdruck zu bringen, schluckst du deine Gefühle runter. Mal wieder. Denn du hast gelernt, dass deine Emotionen eine Situation nur verschlimmern. Diese besondere Vorsicht, als würdest du auf Eierschalen laufen, ist kein seltenes Phänomen.

Was hattest du für eine Kindheit?

Verständnis, Rückzug oder Wut: Wie reagiert Mami oder Papi?

Auch wenn der Begriff «Eierschalen-Eltern» kein offizieller ist, beschreibt er recht treffend eine Kindheit, die davon geprägt ist, wenn Emotionen der Eltern unberechenbar und unvorhersehbar sind. «Kinder wissen nicht, ob sie auf elterliches Verständnis, Rückzug, Wut oder Kränkung stossen», erklärt Psychologin Joëlle Gut.

Darum bauen Betroffene eine Art Schutzwall um sich herum: «Oft sind diese Kinder extrem aufmerksam gegenüber Stimmungen, Tonlagen oder kleinsten Veränderungen. Sie übernehmen auch häufig früh Verantwortung und sind auffällig unauffällig». Was auf den ersten Blick empathisch, stark oder brav wirkt, kann beim genaueren Hinsehen laut Gut als Unsicherheiten oder Stress gedeutet werden.

Über die Expertin

erziehungskosmos.ch
Joëlle Gut ist Psychologin, Gründerin von Erziehungskosmos.ch. Sie coacht Kinder, Jugendliche, Paare, Familien und Fachpersonen – von Beratung und Supervision bis zu Referaten und Lehre. Gemeinsam mit Jugendlichen entwickelt sie Anti-Stress-Programme, Workshops, Webinare und Ratgeber zu allen gängigen Störungsbildern, zum Thema optimales Lernen und zu positiver Erziehung. Ihr aktuelles Buch ist gerade erschienen: «Im Gespräch bleiben – Beziehung zu Teenagern stärken. Damit Eltern und Fachpersonen zu Leuchttürmen werden».

«Viele trauen sich kaum, eigene Bedürfnisse zu äusseren – aus Angst, bei den Eltern etwas auszulösen.» Sie lernen früh: Sicherheit entsteht durch Anpassung. Darum richtet sich ihr Blick auch vor allem nach aussen. Wie geht es Mama? Ist Papa heute gut gelaunt – oder halte ich mich lieber zurück? Das eigene Wohlergehen rückt in den Hintergrund. «Das erschwert die Entwicklung von Selbstwahrnehmung, emotionaler Sicherheit und Vertrauen.»

Weitere Symptome

  • Bauch- oder Kopfschmerzen
  • Einschlafschwierigkeiten
  • Depressive Verhaltenszüge
  • Rückzug
  • Psychische Symptome

Psychisch hochbelastend: «Das Kind lebt nicht im Moment»

«Entscheidend ist nicht die einzelne Eskalation, sondern die ständige Unsicherheit darüber, wie die elterliche Stimmung gerade ist», sagt Gut. Während einzelne Ausbrüche durch Entschuldigung und Reflexion aufgearbeitet werden könnten, untergrabe dauernde Unsicherheit das Urvertrauen. «Das Kind lebt nicht im Moment, sondern ständig in Erwartung der nächsten Eskalation.» Und das hat Folgen: Zum einen sei eine solche Dauersituation psychisch hochbelastend, zum anderen wirke es sich auf die Bindung aus. «Langfristig entsteht ein unsicher-ambivalentes oder desorganisiertes Bindungsmuster, das sich bis ins Erwachsenenalter ziehen kann.»

Apropos Erwachsensein: Was in der Kindheit als Schutz anfängt, endet nicht automatisch mit dem Auszug von zu Hause. Häufig hält dieser innere Alarmmodus an. Viele Betroffene scannen weiterhin Stimmungen, übernehmen Verantwortung für Konflikte oder haben Mühe, eigene Bedürfnisse zu äussern. «Häufig zeigen sich innere Leere und chronische Anspannung. Ausserdem kann ein unsicher-ambivalentes oder desorganisiertes Bindungsmuster verhindern, selbst erfüllende Partnerschaften zu leben.»

«Manche funktionieren nur noch im Dauerstress»

Hinter Eierschalen-Eltern steckt selten böse Absicht, sondern häufig Überforderung. «Viele dieser Eltern sind selbst emotional überlastet, haben eigene unverarbeitete Erfahrungen oder nie gelernt, Gefühle gut zu regulieren.» Hinzu kommt gesellschaftlicher Druck: zwei arbeitende Elternteile, hohe Erwartungen, viel Verantwortung. Manche funktionieren nur noch im Dauerstress. «Man will alles unter einen Hut bringen und springt von einem Termin zum nächsten», so Gut. Das fördert einen elterlichen Funktionsmodus, der im stressigen Alltag oft hilft, «uns aber wenig empathisch erziehen lässt».

Für viele mag diese Erklärung nachvollziehbar sein. Für Kinder wird die Situation dadurch aber nicht weniger belastend. «Kinder brauchen keine perfekten Eltern, jedoch eine hohe emotionale Verlässlichkeit, um die Welt zu entdecken und in den Eltern einen sicheren Hafen zu wissen.»

Was können Eierschalen-Eltern tun?

Wer sein eigenes Verhalten im oben beschriebenen Text wiedererkennt, kann laut der Psychologin an Folgendem arbeiten:
  • Emotionale Verantwortung zurücknehmen. Kinder dürfen nicht für elterliche Gefühle zuständig sein.
  • Vorhersehbarkeit, klare Kommunikation und echte Entschuldigungen nach Überforderung sind essenziell.
  • Sich selbst Unterstützung holen.

Hast du Probleme mit deinen Eltern oder Kindern?

Hier findest du Hilfe:
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Carolina Lermann (ler) arbeitet seit Mai 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Body & Soul im Lifestyle-Ressort und schreibt über Erziehung, Sport und Psychologie.

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