Strasse von HormusHunderte Schiffe stehen still: Wie Iran den Welthandel stoppt
Nach Angriffen durch die USA und Israel blockiert der Iran die Strasse von Hormus. Das kann er, indem er die Macht der Versicherungen und die Angst der USA vor einer Propaganda-Niederlage ausnutzt.
Darum gehts
- Nach Angriffen durch die USA und Israel sperrt der Iran die wichtige Strasse von Hormus.
- Der Iran müsse dafür nicht alle Schiffe angreifen. Das Risiko allein halte Versicherungen fern.
- Ohne Versicherungen trauen sich die Reedereien nicht, ihre Schiffe durch die Strasse von Hormus fahren zu lassen. Die Kosten sind zu hoch.
- Geleitschutz durch die USA sei unwahrscheinlich, da der Iran im Falle eines versenkten US-Kriegsschiffes einen enormen Propaganda-Sieg verzeichnen könnte.
Hunderte Schiffe stehen still. Kurz nach Beginn der Angriffe auf den Iran durch die USA und Israel sperrte das iranische Regime die Strasse von Hormus. Die Folgen für die Weltwirtschaft sind enorm, die Ölpreise steigen und durch Folgeeffekte auch die Kosten für Benzin, Dünger, Getreide und vieles mehr. Wie kann ein Land ohne nennenswerte Marine einen Seeweg so effektiv ins Stocken bringen?
Geographie
Der erste Grund ist die Gegebenheit der Strasse von Hormus. Zum einen liegen fast alle Frachtterminals der Ölstaaten in der Region im Persischen Golf. Wer sein Öl exportieren will, muss die Strasse von Hormus passieren. Gemäss dem Statistical Review of World Energy geht rund jeder dritte Liter Öl durch dieses Nadelöhr. Zum anderen ermöglicht es die Meeresenge dem Iran, von Land aus anzugreifen, wie Johannes Peters, Chef für maritime Sicherheit am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel, erklärt.
So könne das Regime auch ohne grosse Marine – von der mittlerweile einige Schiffe zerstört wurden – Tanker angreifen. Das schade zwar auch dem Iran, der sein Öl ebenfalls durch die Strasse von Hormus transportiert. «Das nimmt das Regime aber in Kauf mit dem Ziel, die Staaten in der Region durch die ökonomischen Kosten dazu zu bewegen, sich bei den USA für ein baldiges Ende des Krieges einzusetzen.»
Geld
Der Knackpunkt für die funktionierende Blockade liegt aber beim Geld. «Der Iran braucht gar nicht jedes Schiff abzuschiessen. Es reicht, wenn sie alle paar Tage einen Angriff starten», so Peters. Denn: Wenn das Risiko für ein sinkendes Schiff gross genug ist, ziehen die Versicherer der Reedereien die Reissleine: ohne Versicherung kein Transport. Genau das passiert aktuell. Da die Versicherungen aus London die hohen Kosten durch den Verlust eines Schiffes nicht in Kauf nehmen wollen, haben sie den Reedereien die Policen gestrichen.
«Die Blockade ist in diesem Sinne ganz einfach. Der Iran braucht nur das Risk Assessment der Versicherer hoch genug zu halten.» Geht ein Schiff unter, führt das zu enormen Kosten einerseits durch das Schiff selbst, die Crew, vor allem aber durch die Ladung. Aus diesem Grund würde derzeit auch keine Reederei ihre Schiffe anweisen, auf eigene Faust die Meeresenge zu durchqueren. «Hinzu kommt der Imageschaden. Wer würde einer solchen Reederei in Zukunft noch seine Fracht anvertrauen?»

Munition und Prestige
Wie kann also genug Sicherheit geboten werden, dass die Schiffe wieder fahren können? Die USA haben angetönt, die US-Marine könnte womöglich Geleitschutz bieten. Dass es dazu kommt, hält Peters jedoch für äusserst unwahrscheinlich. «Jedes Schiff zu begleiten, ist alleine wegen der grossen Anzahl Frachtschiffe und der viel kleineren Anzahl US-amerikanischer Kriegsschiffe unmöglich.» Auch eine begrenzte Positionierung der US-Marine sei keine praktische Lösung. «Irgendwann geht den Kriegsschiffen die Munition aus. Das heisst, es bräuchte eine ständige Rotation frisch beladener Kriegsschiffe. Zudem haben die US-Schiffe eigentlich die Hauptaufgabe, die Flugzeugträger zu verteidigen.»

Wichtiger noch sei aber das Prestige. «In den letzten Jahrzehnten hat die US-Marine so gut wie keine Kriegsschiffe in einem Konflikt verloren. Sie sind der Stolz des US-Militärs.» Die Schiffe nun für eine Geleitschutzaufgabe dem Risiko durch iranische Raketen und Drohnen auszusetzen, wäre innenpolitisch äusserst heikel für Präsident Donald Trump. Und: «Könnte der Iran tatsächlich eines der US-Schiffe zerstören, wäre das ein enormer Propaganda-Sieg für das Regime.»
Was bedeutet das für die Schiffe und deren Crews?
Dauert die Blockade an, würden die Reedereien irgendwann versuchen müssen, die Crews auf ein Minimum zu reduzieren und regelmässig auszutauschen. «Für den Moment stecken sie nun aber erstmal fest», so Peters. Aus der Gefahrenzone kommen sie dadurch aber nicht. Auch für Schweizer Unternehmen wird das problematisch. Während sich zwar keine Frachtschiffe unter Schweizer Flagge in der Region befinden, wurde erst am Mittwoch bekannt, dass ein Schiff der Schweizer Mediterranean Shipping Company (MSC), die gemäss der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation weltweit über 1000 Schiffe kontrolliert, in einen Angriff verwickelt war. Auf eine Anfrage von 20 Minuten hat sich MSC noch nicht zur Situation geäussert.
Krieg im Iran: Der Konflikt mit den USA und Israel
- Huthi-Blockade im Roten Meer: Bricht der Welthandel jetzt komplett ein?
- Rache für Chameneis Tod: Merz, Meloni und Macron auf «Todesliste»
- USA und Iran einigen sich auf Deal: Unterzeichnung in der Schweiz
- Experte: «Keinesfalls das Ende des Krieges, nicht einmal Anfang vom Ende»
- Experte: «Washington ist vor den Augen der Welt gescheitert»
- «Frieden auf dem Papier»: Iran-Deal spaltet die Community
- Botschafterin der Emirate in Bern: «Schreiben Dubai-Influencern nicht vor, was sie posten dürfen»
- Lego-Videos und Memes: Die neue Form digitaler Kriegsführung
- Bunkerbrecher bis Patriot: Diese Waffen setzen USA im Iran ein
- Militäranalyse: Wie stark ist der Iran und die USA?
- Operation Earnest Will: So bezwangen die USA den Iran in den 1980ern
Jan Janssen (jjn) arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Zuerst im Ressort Zürich und seit 2025 im Ressort News.
