Analyse«Auch wenn Magyar gewinnt, ist das System Orban noch da»
Peter Magyar hat die Wahlen gegen Viktor Orban gewonnen. Laut Osteuropa-Experte Alexander Dubowy bedeutete aber ein Sieg noch lange nicht, dass das System Orban verschwände.
Darum gehts
- In Ungarn ist ein neues Parlament gewählt worden.
- Nach 16 Jahren ist Viktor Orban abgewählt worden. Sein Herausforderer Peter Magyar gewinnt.
- Osteuropa-Experte Alexander Dubowy analysiert die Wahlen.
Noch sind längst nicht alle Stimmen ausgezählt, doch am Sonntagabend um 20.45 Uhr sieht es gut aus für Orban-Herausforderer Peter Magyar. Was seine Wahl bedeuten würde, erklärt Osteuropa-Experte Alexander Dubowy in einer ersten Analyse.
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Kann Magyar im Falle eines Sieges das System Orban überwinden?
Dubowy ist hier skeptisch. Selbst wenn Magyar die Wahl gewinnen sollte, bedeute das noch nicht automatisch, dass er das politische System Orban rasch aufbrechen könnte. «Orban ist seit einem grossen Teil seines Lebens prägend für die ungarische Politik. Viele Strukturen von Fidesz sind tief in Regierung und Staat verankert.»
«Selbst grundlegende Reformen liessen sich nicht in kurzer Zeit durchsetzen.»
Diese Netzwerke würden auch nach einem Machtwechsel nicht einfach verschwinden. Vielmehr würden sie einem neuen Regierungschef weiterhin entgegenwirken. Dubowy geht deshalb davon aus, dass Ungarn im Falle eines Sieges von Magyar während der kommenden Jahre vor allem mit sich selbst beschäftigt wäre.
Selbst grundlegende Reformen, etwa bei Korruption, Machtstrukturen oder staatlichen Institutionen, liessen sich nicht in kurzer Zeit durchsetzen. Hinzu komme, dass zentrale Abhängigkeiten – etwa im Energiebereich – nicht von heute auf morgen aufgelöst werden könnten. Es gebe langfristige Verträge und zahlreiche Akteure, die vom bestehenden System profitierten. «Selbst wenn Magyar gewählt wird, ist keineswegs sicher, dass er erfolgreich sein wird und Entscheidendes verändern kann.»
Könnte Orban trotz Niederlage noch einmal Premierminister werden?
Ja, das schliesst Dubowy keineswegs aus. Sollte Orban zwar die Regierung verlieren, bliebe das von ihm aufgebaute Machtgefüge dennoch bestehen. Ohne tiefgreifende strukturelle Veränderungen könnte Fidesz politisch rasch wieder an Stärke gewinnen.
«Es ist durchaus denkbar, dass wir 2030 erneut einen Viktor Orban als Premierminister erleben», sagt Dubowy sinngemäss. Gerade weil das System Orban so stark in Verwaltung, Politik und staatlichen Institutionen verankert sei, könne ein Machtverlust auch nur vorübergehend sein. Ein möglicher Wahlsieg Magyars würde also nicht automatisch das Ende des Orbanismus bedeuten.
Alexander Dubowy

Was würde ein Orban-Sieg für die Ukraine bedeuten?
Ein Wahlsieg Orbans würde laut Dubowy zunächst bedeuten, dass seine bisherige Linie gegenüber der Ukraine weitergeführt würde – also ein Kurs, der stark von Distanz, Blockaden und einer betonten Nähe zu russischen Interessen geprägt ist. Orban nutze die Ukraine seit Jahren als innenpolitisches Feindbild und als Projektionsfläche für wirtschaftliche Probleme in Ungarn.
«Ein Sieg Orbans würde die Spannungen mit Kiew und vielen europäischen Partnern wohl weiter verschärfen.»
Allerdings sagt Dubowy auch, dass ein erneuter Sieg nicht zwingend automatisch eine dramatische Eskalation bedeuten müsse. Orban müsse weitere vier Jahre politisch überstehen, und Ungarn sei trotz allem Teil der EU. Zudem sei die ungarische Bevölkerung insgesamt deutlich EU-freundlicher als es Orbans Rhetorik vermuten lasse. Viele Menschen sähen sehr wohl die Vorteile der Mitgliedschaft, etwa beim Arbeiten und Reisen innerhalb Europas.
Dennoch würde ein Orban-Sieg die Spannungen mit Kiew und mit vielen europäischen Partnern wohl weiter verschärfen. Auf EU-Ebene könnte das dazu führen, dass sich Mitgliedstaaten noch stärker in kleineren informellen Gruppen abstimmen und Ungarn teilweise umgehen. Das würde die Fragmentierung innerhalb der EU weiter vertiefen.
Was, wenn Magyar zwar gewinnt, aber keine Zweidrittelmehrheit schafft?
Das wäre laut Dubowy eines der wahrscheinlichsten und zugleich schwierigsten Szenarien. Zwar könnte Magyar dann Ministerpräsident werden, aber ohne Zweidrittelmehrheit wäre es äusserst schwer, das von Orban geschaffene System wirklich zu zerschlagen.
Gerade zentrale institutionelle Veränderungen, Eingriffe in Machtstrukturen oder grössere Reformen liessen sich ohne diese Mehrheit nur begrenzt durchsetzen. «Orbans System lässt sich nicht in einer Legislaturperiode einfach beseitigen», lautet Dubowys Befund. Auch Korruption und staatliche Abhängigkeiten würden fortbestehen.
Ein solcher Sieg wäre deshalb zwar ein politischer Einschnitt, aber noch kein eigentlicher Systemwechsel. Orban wäre dann womöglich nicht mehr Ministerpräsident, das System Orban aber bliebe bestehen – und würde gegen den neuen Regierungschef weiterarbeiten.
Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News, Wirtschaft & Videoreportagen und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.

