Übersehene SepsisElia (14) kam mit Husten ins Spital – Tage später war er tot
Elia wurde mit Fieber und starken Schmerzen ins Spital gebracht. Wenige Tage später starb er an einer nicht erkannten Sepsis. Seine Eltern sprechen über die Tragödie.

Darum gehts
- Der 14-jährige Elia Epifanio starb am 31. März 2023 im Kinderspital Zürich an den Folgen einer nicht erkannten Sepsis.
- Das Kantonsspital Baden hatte ihn nach zwei Stunden mit der Diagnose Influenza B nach Hause entlassen, obwohl das Triage-Protokoll bereits alarmierende Symptome vermerkte.
- Erst als Elia am Abend Blut spuckte und erneut eingeliefert wurde, erkannten die Ärzte die lebensgefährliche Sepsis – zu spät.
«Sie haben derzeit das kränkste Kind in der ganzen Schweiz» – Jennifer und Daniele Epifanio erinnern sich im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» an die schwierigste Zeit ihres Lebens. Die Eltern hatten ihren Sohn am 27. März 2023 mit starken Schmerzen, hohem Fieber und Atembeschwerden in die Notfallstation des Kantonsspitals Baden gebracht – vier Tage später war der 14-Jährige tot. Elia starb an den Folgen einer nicht erkannten Sepsis.
Wie Jennifer Epifanio erzählt, begann alles nach einem Skilager. Elia kehrte mit leichtem Husten nach Hause zurück, wollte aber am nächsten Tag dennoch mit seiner Mutter nach Italien fahren, um auf der Kartbahn in Pavia zu trainieren. Ende März wollte er an der Schweizer Kartmeisterschaft teilnehmen. Doch der Husten verschlimmerte sich, Tage später kamen Fieber und starke Brustschmerzen hinzu. Jennifer Epifanio brachte ihren Sohn daraufhin in die Notfallstation des Kantonsspitals Baden.

Von der gewöhnlichen Grippe zur Sepsis
In der Triage vermerkte eine Pflegefachfrau bei Elia «kühl-marmorierte Haut, auffällige Atemmechanik, verzögerte Rekapillarisierungszeit» im Protokoll. Dem Jugendlichen wurde ein Schmerzmittel verabreicht, die behandelnde Assistenzärztin vermutete zunächst Covid, Grippe oder eine Lungenentzündung. Wenig später zog sie eine Oberärztin hinzu. Deren Diagnose lautete Influenza B. Nach insgesamt vier Stunden wurde Elia nach Hause entlassen. Der 14-Jährige war jedoch so geschwächt, dass seine Mutter ihn im Rollstuhl zum Auto bringen musste.
Am Abend sass Elia mit seinen Eltern und Brüdern am Familientisch, als ihm plötzlich Blut aus dem Mund rann. Seine Mutter alarmierte die Ambulanz, die den Jugendlichen mit Blaulicht erneut ins Kantonsspital Baden brachte. Dort diagnostizierten die Ärzte eine schwere beidseitige Lungenentzündung. Sie entschieden, den Buben auf die Intensivstation des Kinderspitals Zürich zu verlegen. Der Verdacht lag nun nicht mehr auf einer gewöhnliche Grippe, sondern auf einer lebensgefährlichen Sepsis.
Was ist Sepsis?
Als Jennifer Epifanio ihren Sohn wiedersehen durfte, war er bereits an eine ECMO (Extrakorporale Membranoxygenierung) angeschlossen, ein Gerät, das ausserhalb des Körpers das Blut mit Sauerstoff anreichert und auch die Herzfunktion unterstützen kann. «Sein Körper war an unzählige Schläuche gehängt. Ich habe mich nicht getraut, ihn zu berühren», sagt die Mutter dem «Tages-Anzeiger».
Zwei Tage nach der Einlieferung teilten die Ärzte den Eltern mit, eine Amputation der Beine und Hände sei die letzte Chance – vorausgesetzt, der Zustand ihres Sohnes verbessere sich. So weit kam es jedoch nie: Am 31. März starb Elia an einem schweren septischen Schock und Multiorganversagen.
4000 Menschen sterben pro Jahr an Sepsis
Bis heute erhält die Familie Epifanio psychologische Unterstützung, um das Geschehene zu verarbeiten, wie Jennifer Epifanio gegenüber der Organisation «Swiss Sepsis Program» erzählt. Der Verlust ihres Sohnes falle der ganzen Familie nach wie vor schwer. «Die Bilder kommen immer wieder und bringen mich jedes Mal aus der Bahn.»

Mit gelegentlichen Spendenaktionen sammelt die Familie Geld für das Universitäts-Kinderspital Zürich. Gleichzeitig möchte sie das Bewusstsein für das Thema Sepsis stärken. In der Schweiz müssen jedes Jahr rund 20'000 Menschen wegen einer Sepsis ins Spital. Rund 4000 von ihnen – darunter etwa 50 Kinder – sterben, weil die Krankheit nicht rechtzeitig erkannt oder ihr Schweregrad falsch eingeschätzt wird.
Im April 2024 zeigten Jennifer und Daniele Epifanio drei Ärzte des Kantonsspitals Baden wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung und Urkundenfälschung an. Ihr Anwalt Mirco Ceregato, der sonst Spitäler in Haftungsfällen vertritt, sagt gegenüber dem «Tages-Anzeiger», er habe «so etwas» noch nie erlebt. Er vermutet, der Austrittsbericht sei vorsätzlich beschönigt worden.
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Karin Leuthold (kle), Jahrgang 1968, arbeitet seit 2005 für 20 Minuten und ist derzeit am Newsdesk tätig.
