Fifa-BossGrosse Wut auf Infantino: Doch sein brisanter Plan könnte klappen
Gianni Infantino will Investoren für die Rechte auch an WM-Turnieren ins Spiel bringen. Was dieser heikle Plan für die Fans bedeuten könnte – und welche Rolle Europas Fussball einnimmt.
Darum gehts
- Die Fifa plant den Teilverkauf kommerzieller Rechte an der WM an private Investoren und will damit über 4 Milliarden US-Dollar einspielen.
- Die Uefa lehnt die Pläne klar ab und droht indirekt mit einem Boykott von Fifa-Wettbewerben.
- Kleinere Verbände dürften zustimmen: Laut Fifa könnten ihre Einnahmen auf bis zu sieben 7 Millionen US-Dollar pro Jahr bis 2038 steigen. Infantinos Plan könnte also klappen.
Gewaltige Empörung, Widerworte aus der Politik und ein klares Veto der Uefa: Fifa-Boss Gianni Infantino hat mit seinen Investoren-Plänen einmal mehr für grosse Kritik gesorgt. Nicht einmal zwei Wochen nach dem WM-Final in den USA teilte der Fussball-Weltverband mit, mit dem potenziellen Verkauf eines Teils seiner kommerziellen Rechte etwa an der WM eine Milliardensumme einspielen zu wollen.
Es ist nicht das erste Mal, dass Präsident Infantino aktiv einen vorher nie erlebten Ausverkauf von Fifa-Rechten plant. Im November 2018 warb der Schweizer für einen Investoren-Deal für die Vermarktungsrechte an einer neuen Club-WM mit 24 Teams sowie einer globalen Nations League mit einem Finalturnier kontinentaler Champions. Es ging um die stolze Summe von 25 Milliarden Dollar. Damals scheiterte Infantino.
Infantinos Schachzug nach WM-Turbulenzen
Diesmal nannte die Fifa einen Erlös von etwas mehr als vier Milliarden US-Dollar. Dafür hätte ein solcher Schritt einen anderen Effekt: Infantino könnte nach einer weiteren Periode als Präsident ab 2031 zum Geschäftsführer des neu zu gründenden Tochterunternehmens FFE werden und so nach 15 Jahren Amtszeit weiter mächtig im Fifa-Kosmos wirken.

Es ist mal wieder ein Schachzug à la Infantino, der während der WM wegen der auf Anruf von Donald Trump zurückgezogenen Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun schwer in die Kritik geriet und nun die Flucht nach vorn antritt.
Anfang der Woche wurde publik, dass ein demokratischer Abgeordneter Infantino für eine Befragung in den Justizausschuss des Repräsentantenhauses zitieren will, wenn er in den USA sei. Dieses Thema wird medial erst einmal verdrängt. Stattdessen fragen sich viele: Wie geht es mit dem geplanten Fifa-Deal weiter?
Was würde sich für Fans ändern?
Konkrete Änderungen für Fans kündigte die Fifa nicht an. Einem Bericht der «Times» zufolge könnte ein solcher Deal den Druck erhöhen, das Feld einer WM weiter auszubauen oder die WM häufiger als bisher auszutragen. Hintergrund ist das Geschäftsmodell solcher Beteiligungen: Die Investoren setzen darauf, dass die Erlöse der kommerziellen Gesellschaft steigen.
Wer sind die Gegner und was können sie tun?
Der mächtigste Gegner ist die Uefa, die ihre Ablehnung klar kommunizierte. «Damit wird eine Grenze überschritten, die die für den Fussball verantwortlichen Institutionen niemals überschreiten dürften», teilte der Dachverband mit.
Der europäische Fussballverband nimmt die Sache sehr ernst. Einen Bericht, wonach man den Boykott von Fifa-Wettbewerben erwäge, wollte die Uefa am Morgen nicht kommentieren. Es steht im Raum, dass es noch diese Woche eine Dringlichkeitssitzung der europäischen Verbände geben soll.

Bemerkenswert: Ihr Statement veröffentlichte die Uefa bereits auf Basis eines Berichts der «Times» und noch bevor die Fifa offiziell die Pläne mitteilte.
Als Uefa-Vizepräsident betonte Hans-Joachim Watzke die grosse Macht der Europäer. «Bei der WM standen sechs europäische Teams im Viertelfinale und drei im Halbfinal. Wenn sich der europäische Fussball geschlossen gegen die Pläne wehrt, hat das sehr viel Gewicht», sagte Watzke auf Anfrage.
Die Uefa präsentiert sich nicht zum ersten Mal als Bollwerk des gegenwärtigen Zustands im Weltfussball. Auch bei Infantinos Milliarden-Plänen 2018 ging der europäische Dachverband mit Präsident Aleksander Čeferin in Opposition zum Weltverband – und setzte sich am Ende durch.
Čeferin war auch bei den Super-League-Plänen europäischer Clubs im Jahr 2021 einer der lautesten und prominentesten Gegner. Er kündigte unter anderem an, Profis könnten nicht mehr bei WM und EM spielen, wenn sie Teil dieser Super League würden.
Diesmal wird sich die Opposition komplizierter gestalten, denn Infantinos Fifa will die Fussball-Welt und vor allem die kleinen Verbände mit zusätzlichem Geld überschütten.
Ist der geplante Deal mehrheitsfähig?
Davon ist auszugehen. Denn abseits der Ablehnung aus Europa dürfte es gerade bei kleineren Mitgliedsstaaten eine Zustimmung für die Idee geben, weil sie schlicht für einen deutlichen Anstieg der Einnahmen sorgen würde. «Hier geht es um die Demokratisierung des Fussballs weltweit», sagte Infantino.

«Wir beabsichtigen, auch in die kleinsten oder entlegensten Teile der Fussballwelt, die zu oft übersehen werden, massiv zu investieren», fügte Infantino an.
Nach Fifa-Angaben könnten sich die Einnahmen pro Jahr für die Mitgliedsstaaten mehr als verdreifachen – auf im Schnitt mehr als sieben Millionen US-Dollar pro Jahr bis 2038.
Das ist vor allem für kleine Verbände ein riesiges Geschäft. Infantino liess wissen, jeder Fifa-Mitgliedsverband solle einen fairen Anteil an dem Deal erhalten, um seine eigene Zukunft zu gestalten.
In Kürze werde ein Vorschlag, der derzeit geprüft werde, den 211 Mitgliedsverbänden und dem Fifa-Rat vorgelegt, die die Entscheidungsträger in dieser Angelegenheit seien, sagte ein Fifa-Sprecher auf Anfrage.

Der Verband Concacaf, der die Nationen in Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik vertritt, zeigte sich von dem Prozedere enttäuscht. «Wir sind zutiefst besorgt über das Fehlen eines ordnungsgemässen Verfahrens», hiess es in einem Statement, über das Sky News berichtete. Man habe erst über die Medien davon erfahren.
Welche Rolle könnte Infantino spielen?
Sollte das Modell umgesetzt werden, könnte Infantino das neue Unternehmen als Commissioner oder Geschäftsführer leiten. Es sei über dieses Szenario aber noch nie konkret gesprochen worden, betonte ein Fifa-Sprecher.
Der Präsident und die Verwaltung müssten jedoch – sofern es genehmigt wird – führende Rollen in dieser Einrichtung einnehmen, um gemäss den Fifa-Statuten die Kontrolle über jede Tochtergesellschaft zu behalten.
Die Kritik daran ist enorm. «Die enge Beziehung zwischen dem Fifa-Präsidenten und dem US-Präsidenten hat eine finanzielle Dimension angenommen, die dem Fussball erheblichen Schaden zufügt. Niemand hat das Recht, unseren Sport zu verkaufen», schrieb der ehemalige Fifa-Boss Joseph Blatter bei X.
Auch Grossbritanniens Premier Andy Burnham («Der Fussball gehört nicht den Investoren») und die britischen Medien («WM zum Verkauf» und «Rote Karte für Fifa-Plan, die WM zu verkaufen») übten deutliche Kritik.
Was sagt der Schweizerische Fussballverband?
Der SFV teilt auf Anfrage von 20 Minuten mit: «Dem SFV liegen derzeit keine zusätzlichen Informationen zu diesem Thema vor. Deshalb nehmen wir zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellung.»
Bis wann gibt es eine Entscheidung?
Der Fussball-Weltverband Fifa hat übereinstimmenden Berichten zufolge eine Frist für die Zustimmung zum geplanten Investorendeal gesetzt und im Gegenzug eine Sonderzahlung versprochen. Dies berichten mehrere britische Medien, die wörtlich aus dem fünfseitigen Brief von Fifa-Präsident Gianni Infantino zitieren. Der Stichtag für die Zustimmung der 211 Verbände soll demnach der 19. September sein.
Darin soll es heissen: «Sollten Sie diesen Fortschritt wünschen, steht Ihnen dieses 10-Milliarden-Dollar-Paket ab dem 1. Januar 2027 zur Verfügung und leitet die nächste Phase unserer gemeinsamen Reise ein.» Jährlich ginge es um eine Summe von 40 Millionen US-Dollar pro Verband und damit viermal so viel wie bislang.
Nils Hänggi (nih) ist seit 2019 bei 20 Minuten. Er ist Sportredakteur und Teil des Social Responsibility Boards. Er schreibt oft übers Thema Fussball.

