Feuerhölle Spanien«Sie wollten nicht, dass wir unsere Pferde retten»
Verbrannte Weinberge, zerstörte Höfe und die Angst um Mensch und Tier: Bewohner schildern, wie die Waldbrände ihr Leben für immer verändert haben.
Darum gehts
- Die Waldbrände in der spanischen Provinz Ávila zerstören die Existenz vieler Menschen und verwüsten grosse Teile der Landschaft.
- Betroffene berichten von hohen wirtschaftlichen Schäden, Todesangst und dem Verlust ihrer Heimat.
- Mehrere Bewohner und Bewohnerinnen werfen den Behörden vor, zu spät reagiert und Rettungsversuche behindert zu haben.
- Ein Förster warnte die Bevölkerung auf eigene Initiative und ist überzeugt, damit zahlreiche Menschen gerettet zu haben.
Die gewaltigen Waldbrände in der spanischen Provinz Ávila haben nicht nur Tausende Hektar Natur zerstört – für viele Bewohner sind sie auch der Verlust ihrer Geschichte und Existenz. Vor Ort erzählen Betroffene von dramatischen Rettungsaktionen, Todesangst und dem Gefühl, von den Behörden im Stich gelassen worden zu sein.
Behörden verweigerten Zutritt
Als die ersten Rauchschwaden aufstiegen, ahnte die Familie Martín noch nicht, dass sie kurz darauf vor den Trümmern ihres Lebenswerks stehen würde. «Die Leute aus dem Dorf haben den Rauch gesehen und uns Bescheid gegeben», erzählt die Familie. Als sie ihren fast 200 Jahre alten Weinberg erreichen wollte, verweigerten die Behörden den Zutritt.

Tagelang durften sie das Gebiet nicht betreten. «Es war niederschmetternd. Dieser Weinberg gehört seit Generationen zu unserer Familie und ist komplett unbrauchbar geworden», sagt Jesus (64).
Die Schäden gehen weit über die Reben hinaus. Ställe sind abgebrannt, das Winterfutter verbrannt, Weideflächen zerstört. «Die wirtschaftlichen Verluste sind enorm», sagt die Familie. Sie sprechen von Ziffern im sechsstelligen Bereich. «Immerhin konnten alle Tiere gerettet werden, weil sie sich zum Zeitpunkt des Feuers auf anderen Weiden befanden.»
«Das wird wohl mindestens 30 Jahre dauern»
Besonders schmerzhaft sei der Anblick der verbrannten Landschaft. «Es ist alles grau. Und das wird wohl noch 30 oder 40 Jahre so bleiben. Es tut weh, überhaupt hierherzukommen», sagt Carmen. Sie ist überzeugt: «Man hat viel zu lange gewartet. Deshalb sind unzählige Hektar verbrannt.»

Julio (75) sorgte sich währenddessen vor allem um seine Pferde. Weil die Polizei ihn nicht ins Sperrgebiet liess, suchte er gemeinsam mit drei weiteren Personen einen Schleichweg. «Ich hatte grosse Angst um unsere Tiere. Ich verstehe nicht, warum man uns nicht hineingelassen hat. Sie haben sie uns einfach nicht retten lassen! Aber die Tiere sind doch nicht weniger wert als Menschen!»
«Ich hatte Angst um meinen Vater»

Auch Sergio (21) kämpft mit den Erinnerungen. Seine Familie lebt seit Generationen in dem Tal. «Jetzt verlieren wir einen Teil von uns für immer», sagt er. Vom anderen Ufer des Stausees musste er mit ansehen, wie sich das Feuer durch das Tal frass.
«Es war wie ein Sturm. Ein Feuersturm. Wir hörten die Gasflaschen des Campingplatzes explodieren. Es klang, als würde die Erde aufbrechen.» Währenddessen befand sich sein Vater noch mitten im Brandgebiet. «Ich wollte nur, dass er dort herauskommt.»
Was würdest du zuerst aus deinem Zuhause retten, wenn du es wegen einer Katastrophe verlassen müsstest?
«Menschen wären sonst gestorben»
Sein Vater war einer der Ersten, der die Gefahr erkannte. Seit 34 Jahren arbeitet Máximo (58) in dem Waldgebiet als Förster. Als er mit dem Fernglas Rauch und Flammen entdeckte, alarmierte er die Einsatzzentrale, wie er erzählt. «Sie sagten mir, das sei unmöglich.» Doch Máximo liess sich nicht beirren. «Ich arbeite seit 34 Jahren hier. Ich weiss, wie ein Waldbrand aussieht.»

Er entschied sich, selbst loszufahren und die Bewohner zu warnen. Rund 200 bis 300 Menschen hätten dadurch nur noch zehn bis fünfzehn Minuten Zeit gehabt, um zu fliehen. «Ich bin überzeugt: Wenn ich nicht gekommen wäre, wären dort Menschen gestorben – vor allem ältere Menschen.»
Bis zu 50 Meter hohe Flammen
Die Flammen seien bis zu 50 Meter hoch gewesen. «Hier brannte einfach alles», sagt der Förster. Der Campingplatz, vor dem er steht, ist nur noch Schutt und Asche. «Es ist traurig so etwas zu sehen, wie schnell alles einfach weg ist.»
Doch erst als er sein eigenes Heim erreichte, brach seine Fassung zusammen. «Ich glaube, ich wollte mich von dem Haus verabschieden.» Er ging hinein, weinte und stand vor einer unmöglichen Entscheidung.
«Wir besitzen Hunderte, vielleicht Tausende Bücher. Aber ich konnte mich nicht entscheiden. Also nahm ich nur die Familienfotos.» Wenig später musste auch seine Familie evakuiert werden. «Als wir uns wieder trafen, haben wir einfach nur noch geweint.»
20 Minuten hat die zuständigen spanischen Behörden mit den Vorwürfen der Betroffenen konfrontiert. Eine Stellungnahme steht derzeit noch aus.
Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.
Martine Anastasiou (man), Jahrgang 2001, arbeitet seit 2025 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Wirtschaft.

