Streit um neue AmtszeitInfantino wankt – seine Gegner aber haben grosse Probleme
Kein Gegenkandidat und Rückhalt aus Afrika und Südamerika: Anwalt Fabian Teichmann erklärt 20 Minuten, warum Infantino 2027 trotz Streit um die Amtszeiten antreten dürfte.
Darum gehts
- Die Menschenrechtsorganisation FairSquare fordert, Fifa-Präsident Gianni Infantino nicht zur Wiederwahl am 18. März 2027 zuzulassen.
- Kernfrage ist, ob Infantinos erste Amtszeit von 2016 bis 2019 als volle Periode zählt – dann wäre 2027 sein letztes Jahr.
- Anwalt Fabian Teichmann rechnet trotzdem damit, dass Infantino kandidieren darf.
- Afrika und Südamerika stützen ihn zudem, ein Gegenkandidat fehlt ebenso.
Die Menschenrechtsorganisation FairSquare setzt ihren Kampf gegen Gianni Infantino als Fifa-Präsident fort. In einem Brief an drei Mitglieder der Governance-, Audit- und Compliance-Kommission des Fussball-Weltverbandes fordert die britische Gruppierung das wichtige Fifa-Gremium dazu auf, den umstrittenen Chef nicht zur Wiederwahl am 18. März 2027 zuzulassen.
FairSquare argumentiert, dass die Fifa-Statuten eine weitere Amtszeit Infantinos nicht erlauben würden. Eine entsprechende Änderung der Regularien im Jahr 2022 sei unter anderem vor der Abstimmung im Fifa-Council nicht angemessen veröffentlicht worden.

Erste Präsidentenjahre als Knackpunkt
Entscheidend ist die Frage, ob Infantinos erste Amtszeit von 2016 bis 2019 als volle Amtszeit gewertet wird. Dann dürfte er nicht noch einmal kandidieren, da ein Fifa-Chef nur drei Wahlperioden den Weltverband führen darf.
Aus Sicht des Schweizers, dem die Gremien bislang folgten, hat er damals nur die Amtszeit seines Vorgängers Sepp Blatter vollendet und dürfte von 2027 an für weitere vier Jahre im Amt bleiben. Der 56-Jährige ist bislang der einzige Kandidat.

Die Beschwerde von FairSquare ist eher symbolischer Natur. Die Organisation war bereits mit einer Eingabe beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) gegen Infantino gescheitert. Darin war ihm die enge Bindung zu US-Präsident Donald Trump und daraus resultierende politische Einflussnahme vorgeworfen worden.
Zählt Infantinos erste, verkürzte Amtszeit von 2016 bis 2019 mit?
Doch auch wenn die Beschwerde eher symbolischer Natur ist, ist die Frage, die FairSquare aufwirft, berechtigt. Darf Infantino 2027 überhaupt erneut Fifa-Boss werden? 20 Minuten hat bei einem ausgewiesenen Experten nachgefragt. Fabian Teichmann ist Anwalt bei der Teichmann International (Schweiz) AG und unter anderem spezialisiert auf Governance-Fragen.
Er hält fest, dass die Statuten massgebend seien: «Und die kennen seit den Reformen von 2016 eine klare Obergrenze: höchstens drei Amtszeiten für den Präsidenten. Der ganze Streit dreht sich um eine einzige Frage: Zählt Infantinos erste, verkürzte Amtszeit von 2016 bis 2019 mit? Wenn ja, ist die laufende Periode bereits seine dritte und letzte – dann wäre 2027 Schluss.»
Experte Fabian Teichmann klärt auf
Entscheidend ist für Teichmann, dass die Fifa erst im Dezember 2022 festhielt, Infantinos erste, verkürzte Amtszeit von 2016 bis 2019 zähle nicht mit. Genau dort beginne das juristische Problem: «Der Kern des Streits ist, ob das eine blosse Auslegung war oder eine verdeckte Regeländerung. Für Letztere wäre allein der Kongress zuständig gewesen.»

FairSquare habe deshalb durchaus einen Punkt. Gleichzeitig sei die Position der Fifa nicht unvertretbar, da Infantino 2016 lediglich das angebrochene Mandat von Sepp Blatter übernommen habe. Eine klare Regel für einen solchen Fall fehle in den Statuten. «Und das rächt sich jetzt.»
Teichmann rechnet deshalb damit, dass Infantino 2027 erneut kandidieren darf. Verhindern könnte dies wohl nur eine erfolgreiche Anfechtung durch einen Mitgliedsverband oder einen Gegenkandidaten vor dem CAS. Sein Fazit: «Die Rechtsfrage ist offener, als beide Seiten behaupten.» Formal habe Infantino die besseren Karten, FairSquare weise aber auf ein echtes Governance-Problem hin.

Uefa als Oppositionsführerin
Infantino steht seit der WM im Sommer unter grossem Druck. Besonders seine publik gewordenen und mittlerweile zurückgenommenen Pläne über die Einbindung von Investoren für zukünftige WM-Geschäfte haben für massive Entrüstung in der internationalen Fussball-Welt gesorgt. So ist etwa der europäische Kontinentalverband Uefa auf sehr harten Konfrontationskurs gegangen.
Doch Tatsache ist auch, dass sich einige Verbände demonstrativ hinter Infantino stellen. Und das ist das Ding. Der Fifa-Präsident wird von allen 211 Fifa-Mitgliedsländern gewählt. Jeder Verband hat eine Stimme. Sofern es höchstens zwei Kandidaten gibt, fällt die Entscheidung schon im ersten Wahlgang mit einfacher Mehrheit. 106 Stimmen sind nötig.
Bislang sehen die Machtverhältnisse – vereinfacht gesagt – so aus: Afrika und Südamerika stehen hinter Infantino, Europa ist gegen den Schweizer. Einen Gegenkandidaten hat die Opposition, mit dem europäischen Fussballverband Uefa an der Spitze, aber noch nicht aufgebaut. Die drei anderen Kontinentalverbände sind gespalten.
Eine Wiederwahl Infantinos – sofern es zur Wahl kommt – liegt also im Bereich des Möglichen.
Nils Hänggi (nih) ist seit 2019 bei 20 Minuten. Er ist Sportredakteur und Teil des Social Responsibility Boards. Er schreibt oft übers Thema Fussball.
