Schweizerin in Nepal«Dunkle Wand kam auf uns zu – alle vor und hinter uns sind tot»
Die Waadtländerin Natalia Rjumin-Girardet (70) hat die Flutkatastrophe in Nepal wie durch ein Wunder überlebt: Als die Fluten kamen, rannte sie weg – erst eine Treppe hoch und dann noch einen Hügel. Nach 24 Stunden in einer Scheune wurde sie von der nepalesischen Armee per Helikopter gerettet.
Darum gehts
- Die Waadtländerin Natalia Rjumin-Girardet (70) hat die Flutkatastrophe in Nepal nur knapp überlebt.
- Ihr Bus hielt zufällig neben einer Treppe an – sie floh die Stufen hoch, während alle Insassen der Busse vor und hinter ihr ums Leben kamen.
- Nach 24 Stunden in einer Scheune wurde sie von der nepalesischen Armee per Helikopter gerettet.
«Es ist ein Wunder», sagt Natalia Rjumin-Girardet (70), «nur weil ein Bus vor uns auf der schlammigen Strasse langsam vorwärtskam und fast stecken blieb, standen wir exakt in dem Moment, als die Flutwelle kam, neben einer Treppe.» Die Waadtländerin aus Lutry hat die Flutkatastrophe in Nepal nur durch Zufall knapp überlebt – 20 Minuten hat sie in Kathmandu getroffen.
«Ich konnte zur offenen Bustür rausflüchten. Unser Koch ist sogar aus dem Fenster geklettert», schildert Natalia. Die gebürtige Russin und ihre sieben Mitreisenden befanden sich auf einer spirituellen Reise – sie hätten rund 200 Meter weiter vorne die Grenze nach Tibet überqueren wollen, als die Flut den Grenzposten mit voller Wucht traf.
«Wir rannten einfach diese Treppe hinauf»
«Ich sah diese dunkle Wand auf uns zukommen. Es war Geröll, Wasser und eine Wolke aus Staub und Dreck – aber in diesem Moment haben wir nicht gewusst, was es wirklich ist. Wir rannten einfach diese Treppe hinauf.» Die Stufen seien aber bald zu Ende gewesen. «Danach kletterten wir auf allen vieren den Hügel hoch – über Büsche und Gras, einfach immer weiter. Wir waren etwa 50 Personen, die diesen Fluchtweg nahmen.» Hinter ihnen stiegen die Wassermassen immer weiter an.
Auf einer Hochebene waren sie in Sicherheit. Da donnerten unten längst die gewaltigen Wassermassen vorbei. «Ich sah, wie der Strom Autos, Busse und ganze Häuser davontrug. Das Dorf, in dem wir übernachtet hatten, war einfach weg.»
Die Überlebenden haben sich auf der Hochebene in einer Scheune untergestellt. «Es regnete sehr stark, wir waren alle durchnässt und schockiert.» Ihr Bus sei zum Glück nicht vollständig weggespült worden, sondern lag nur umgekippt im Schlamm. «Durch die geborstene Heckscheibe konnte unsere Gruppe die Gepäckstücke teilweise bergen. Neben dem Bus lag eine Leiche», erzählt Natalia. Auch eine weitere tote Person habe sie am Fusse der Treppe liegen sehen. «Aber ich habe nicht genau hingesehen.»
Armee entdeckte die Menschen in der Scheune
Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang musste die Gruppe in der Scheune ausharren – nebst Natalias Reisegruppe hatten es auch eine Handvoll weiterer Touristen sowie einige Einheimische den Berg hochgeschafft. Die Kleider, die Natalia am Leibe trug, waren komplett durchnässt, genauso wie die Dinge aus ihrem Rucksack. «Wir hatten alle sehr kalt und waren hungrig. Dennoch gaben mir zwei Italiener ihre wärmenden Sachen. Das war so lieb.»
Natalia Rjumin-Girardet ist Yoga-Therapeutin und glaubt an Karma. «Es war einfach schön zu sehen, dass trotz der dramatischen Situation alle füreinander da waren – und nicht, wie man glauben müsste, dass sich in der Panik jeder selber am nächsten war, im Gegenteil.»
Als am nächsten Morgen ein Armeehelikopter über das Katastrophengebiet flog, habe eine Nepalesin «enorm laut» geschrien – so seien sie von den Rettungskräften entdeckt worden. «Wir Frauen wurden zuerst gerettet», schildert Natalia. «Der Helikopter hatte zuerst Essen abgeworfen und konnte später, als der Regen nachliess, in der Nähe von uns landen und die ersten Personen mitnehmen.»
«Alle vor und hinter uns sind gestorben»
Obwohl sie eine spirituelle Person sei, die die Natur viel lieber möge als grosse Städte, sei sie «sehr, sehr glücklich» gewesen, als sie zurück in Kathmandu war. «Jetzt bleibe ich vorerst in meinem Hotel und lasse alles sacken. Zudem stehe ich mit der Schweizer Botschaft in engem Austausch.»
Weil ihre Bauchtasche mit ihrem Handy von den Fluten davongeschwemmt wurde, konnte die Waadtländerin noch keinen Kontakt mit ihren Schweizer Freunden aufnehmen. Natalia hat vor vielen Jahren einen World-Peace-Verein gegründet, dessen Präsidentin sie vom Handy der 20-Minuten-Reporterin aus anrufen kann. «Meine Liebe, es geht mir gut, es war ein Wunder», erzählt sie ihrer Freundin. «Unser Bus hat direkt neben dieser Treppe gestoppt. Alle vor und hinter uns sind gestorben, aber wir konnten diese Treppe hochrennen», schildert sie abermals und hat Tränen in den Augen.
Der 26. August ist ihr zweiter Geburtstag
Die Ereignisse haben sie ins Grübeln gebracht, erklärt Natalia nach dem Telefonat. «Wir haben überlebt, aber ich mache mir viele Gedanken übers Leben und was ich noch Gutes tun will – denn ich wurde an diesem 26. August wiedergeboren. Das wird mein zweiter Geburtstag sein. Ich will mich um Menschen kümmern oder um hilflose Tiere.» An die Verstorbenen denke sie auch. «Vor allem an ihre Angehörigen. Für die Familien ist es sehr hart.»
Ihre ursprünglich geplante Reise in die Kailash-Berge in Tibet würde die 70-Jährige aber gerne fortsetzen. «Jetzt muss ich schauen, wie es weitergeht. Ich habe einen neuen Pass erhalten, nun muss ich mich noch um Administratives kümmern. Aber ich möchte noch dorthin. Meine Motivation war immer, die Energie dieser Berge aufzunehmen und sie mit nach Hause zu tragen, um sie mit meinen Freundinnen von unserem World-Peace-Verein zu teilen.»
Etwas will Natalia noch hinzufügen: «Meine Geschichte soll den Menschen das Herz öffnen. Ich möchte, dass die Menschen Gutes tun. Schon eine kleine Geste bewirkt manchmal Grosses.»
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Céline Trachsel (ct), arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Zürich.
Jan Janssen (jjn) arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Zuerst im Ressort Zürich und seit 2025 im Ressort News.

