Neue BFS-Prognose21 Prozent mehr Studis bis 2035: Aber finden alle einen Job?
Bis 2035 dürfte die Zahl der Hochschulstudierenden in der Schweiz um 21 Prozent steigen. Doch schon heute haben viele junge Akademiker Mühe bei der Jobsuche – Politik und Wirtschaft sind sich über die Folgen uneinig.
Darum gehts
- Laut einer neuen BFS-Prognose dürfte die Zahl der Hochschulstudierenden in der Schweiz bis 2035 um 21 Prozent auf 305'000 steigen.
- Politik und Wirtschaft fordern als Reaktion eine Stärkung der Berufslehre und mehr Praxiserfahrung im Studium.
- Travailsuisse warnt derweil, dass der demografische Wandel nicht vergessen gehen dürfe: Es würden in den nächsten Jahren deutlich mehr Menschen pensioniert, als neu in den Arbeitsmarkt eintreten.
Bis 2035 dürften an Schweizer Hochschulen rund 21 Prozent mehr Menschen studieren als heute – das wären 305'000 eingeschriebene Studierende. Das prognostiziert das Bundesamt für Statistik (BFS). Doch schon heute haben viele junge Akademikerinnen und Akademiker Mühe, eine Stelle zu finden.
Wohin führt das, wenn künftig noch mehr Menschen studieren?
«Kein gutes Szenario für die Schweiz»
«Eine ungünstige Entwicklung», sagt die Zürcher FDP-Nationalrätin Bettina Balmer. Die Prognose wäre «kein gutes Szenario für die Schweiz», warnt sie. Es gelte nun, Massnahmen in die Wege zu leiten, damit dieser Fall nicht eintritt – die Hoheit dazu liege jedoch bei den Kantonen. Gesamtschweizerisch zeige sich, dass das duale Bildungssystem immer mehr unter Druck gerate. «Ich bin froh, dass sich die Gymiquote im Kanton Zürich mehr oder weniger bei 20 Prozent stabil hält», so die Bildungspolitikerin.
Zudem ist Balmer überzeugt, dass es jetzt umso wichtiger sei, die Berufslehre zu fördern und diese insbesondere den Eltern ans Herz zu legen. Denn heute gebe es meist nicht nur einen Weg zum Ziel: Die Pflege sei mittlerweile auch ein akademischer Beruf und Ingenieur könne man ebenso über den zweiten Bildungsweg werden. «Es ist wichtig, dass Eltern verstehen, dass der Gymiweg nicht der einzige ist, mit dem ihre Kinder glücklich werden», so die FDP-Nationalrätin.
«Berufslehre und Hochschule nicht gegeneinander ausspielen»
Dieser Meinung ist auch die Grünen-Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber. «Es braucht nun wirklich eine Charme-Offensive für die Berufslehre», sagt sie. Auch nach der Berufsbildung könne man sich noch weiterbilden – dafür brauche es keinen Hochschulabschluss.
Aber: «Man darf die Hochschule und die Berufsbildung nicht gegeneinander ausspielen», mahnt die Bildungspolitikerin. «Gerade angesichts der rasanten KI-Fortschritte braucht es auch gut ausgebildete Personen, die wissen und verstehen, wann die Notbremse gezogen werden muss», ist Prelicz-Huber überzeugt.
Das sagen die Bildungsdirektoren
Praxiserfahrung werde noch entscheidender
Für den Wirtschaftsdachverband Economiesuisse sei weniger entscheidend, wie viele Menschen künftig studieren, sondern was und wie sie studieren. Besonders wichtig sei die Praxiserfahrung. «Für Absolventinnen und Absolventen ohne Praxiserfahrung dürfte der Berufseinstieg hingegen anspruchsvoller werden», sagt Rudolf Minsch, Chefökonom bei Economiesuisse. Hochschulen müssten ihre Studiengänge so gestalten, dass Studierende nebenbei relevante Berufserfahrung sammeln könnten.
Die Berufslehre biete hingegen den idealen Einstieg in die Arbeitswelt. «Die Veränderungen, die mit KI einhergehen, werden die Berufslehre tendenziell stärken», so Minsch. «Praktische Fähigkeiten werden künftig noch stärker an Bedeutung gewinnen, während reines Faktenwissen an Gewicht verlieren dürfte», führt er weiter aus.
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Demografischer Wandel dürfe nicht vergessen gehen
Der Arbeitnehmerdachverband Travailsuisse relativiert hingegen die Befürchtung, dass künftig immer mehr Akademikerinnen und Akademiker arbeitslos werden könnten.
Die derzeitigen Schwierigkeiten beim Berufseinstieg seien vor allem auf die schwächere Konjunktur und den Stellenabbau in Branchen wie der Informatik, der Industrie und dem Finanzsektor zurückzuführen, erklären Jackie Vorpe, Leiterin Bildungspolitik, und Thomas Bauer, Leiter Wirtschaftspolitik. Hinzu kämen erste Auswirkungen der KI. In Branchen, in denen die Berufslehre eine grössere Rolle spiele, etwa im Baugewerbe und im Gesundheitswesen, sei die Konjunktur hingegen besser. Aber: Die Zukunft sei nicht vorhersehbar.
Zudem dürfe der demografische Wandel nicht vergessen gehen: In den kommenden Jahren würden deutlich mehr Menschen pensioniert, als neu in den Arbeitsmarkt eintreten. «Arbeitgeber, die das nun vergessen und keine jungen Arbeitnehmenden einstellen, werden dafür womöglich einen hohen Preis bezahlen», so Travailsuisse. Der Verband fordert deshalb mehr langfristiges Denken von den Arbeitgebern.
Christina Pirskanen (pir) arbeitet seit 2022 für 20 Minuten. Sie ist seit Januar 2026 stv. Leiterin des Ressorts Politik.
