Erdbeben in Albanien«Überlebenschancen der Opfer sind sehr schlecht»
Die Bevölkerung Albaniens wurde von einem starken Erdbeben überrascht. Der Schweizerische Verein für Such- und Rettungshunde Redog ist vor Ort und sucht nach weiteren Opfern.
Schweizer Rettungshunde helfen in Albanien. (Video: Qendresa Llugiqi/Wibbitz)
Frau Hornisberger*, wo befinden Sie sich in Albanien und wie ist die Situation vor Ort?
Wir sind im Moment in Durres und stehen bei einem eingestürzten Hotel im Einsatz. Zwei Leichen konnten bereits vor unsere Ankunft aus diesen Schadenplätzen geborgen werden. Nun wird abgeklärt, ob sich eventuell weitere Personen hier aufgehalten haben könnten.
Es sind nicht viele Gebäude vom Erdbeben getroffen worden. Die betroffenen Gebäude sind jedoch schwer beschädigt worden, so dass die Überlebenschancen für die Opfer sehr schlecht sind.
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie angekommen sind?
Ob überhaupt jemand überlebt hat. Als ich die stark beschädigten Häuser sah, konnte ich mir nur schwer vorstellen, dass es genug Hohlräume gegeben haben könnte. Und diese sind wichtig, um unter den Trümmern überleben zu können. In einem weiteren Schritt dachte ich an die Angehörigen. Es stehen viele Leute hier, die jede unserer Bewegungen mitverfolgen und um die Betroffenen bangen. Es ist alles sehr emotional.
War das der traurigste Moment für Sie?
Es stimmt einen sehr traurig, wenn man merkt, dass wohl keiner überlebt hat. Auch die Begegnungen mit den Angehörigen setzen einem zu. So sucht etwa ein junger Mann an einem anderen Schadenplatz noch nach seiner Mutter. Seine Situation und seine Emotionen gehen einem nahe.
Und was war der bisher erfreulichste Moment?
Dass Positive ist, zu sehen, wie die Leute trotz allem den humanitären Gedanken in sich tragen – vor allem in solch schwierigen Situationen. Manche teilen sogar, obwohl sie nun selbst kaum etwas besitzen. So kam eine ältere Frau auf uns zu, der man ansah, dass sie bei diesem Erdbeben alles verloren hat. Sie gab unserem Team eine Orange, um sich für unser Kommen zu bedanken. Man sah ihr an, wie wichtig ihr das war. Das berührt einen extrem.
Wie reagieren die Leute vor Ort auf Redog?
Uns und anderen Rettungskräften begegnet eine extrem freundliche Bevölkerung. Sie danken uns, bringen uns sogar Kaffee vorbei und sind positiv.
Konnten die Redog-Hunde ihr Können bereits unter Beweis stellen?
Die Hunde haben bereits an gewissen Stellen angeschlagen. Sie zeigen dies, indem sie bellen. Wir werden die Stellen noch überprüfen.
Haben die Verschüttetensuchhunde oder der Leichenspürhund angeschlagen?
Die Verschüttetensuchhunde. Sie schlagen bei Überlebenden an. Wir gehen aber davon aus, dass wir keine Überlebenden finden werden. Es ist so, dass die Hunde im Anfangsstadium der Verwesung nicht zwischen Toten und Lebenden unterscheiden können. Trotzdem geben wir nicht auf. Es ist für die Angehörigen extrem wichtig, dass wir die Opfer finden, damit sie sich von ihnen verabschieden können.
Und wie geht es mit den Bergungsarbeiten voran?
Wir werden nur am Rande darüber informiert, wie es an anderen Schadenplätzen läuft. Hier bei uns gestaltete sich die Lage durch die Zerstörung des Gebäudes etwas schwierig. Ich denke aber, dass mancherorts nun der Zeitpunkt gekommen ist, dass schwere Maschinen eingesetzt werden.
Wie stehen die Überlebenschancen der Verschütteten nach rund 36 Stunden?
Das ist schwer zu sagen, weil das Überleben der Opfer von vielen Faktoren abhängt. Die Temperaturen sind gut. Wenn jemand unverletzt einen Hohlraum gefunden hat und vielleicht auch irgendwie an Wasser kommt, könnte er überlebt haben. Es ist wichtig abzusichern, dass wir niemanden in den Trümmern lassen, der noch eine Chance hat.
Wie sieht das genaue Vorgehen in solchen Situationen überhaupt aus?
Grundsätzlich gehen wir auf einen Schadenplatz und versuchen, möglichst viel Informationen zu bekommen, beispielsweise von Leuten, die anwesend sind. Wichtig ist es, Informationen über die vermissten Personen zu erhalten, aber auch darüber, was denn schon gemacht wurde und wer schon gefunden wurde. Dann schauen wir uns das Gebäude näher an. Abgeklärt wird, ob diese sicher genug sind, um einen Einsatz zu wagen. Unter der Aufsicht von zwei Personen wird dann der Hund losgeschickt. Falls der Hund reagiert und bellt, schicken wir auch die weitere Hunde los. Erst wenn auch diese bestätigen, dass wirklich jemand gefunden wird, übernehmen die Retter die Bergung. In unserem Fall unsere türkischen Kollegen von GEA, die auf Rettung spezialisiert sind.
Wie sieht die Ausbildung der Hunde aus?
Wir beginnen spielerisch mit den Welpen zu trainieren. Dann kommen immer mehr Personen hinzu, die ebenfalls spielerisch mit ihnen trainieren. Die Hunde sollen so Freude bekommen, Menschen zu finden. Dabei wird das Level immer schwerer. In einem weiteren Schritt bringen wir ihnen dann auch bei, zu kommunizieren, wenn sie jemanden finden. Es ist eine harte Ausbildung: Viele Hunde kommen nie auf eine Einsatzliste, weil die Ansprüche sehr hoch sind.
Wie lange bleibt Redog voraussichtlich in Albanien?
Wir werden wahrscheinlich nicht extrem lang hier bleiben, da viele der Schadenplätze abgeklärt sind.
*Linda Hornisberger ist Bereichsleiterin Verschüttetensuche bei Redog

Linda Hornisberger, Bereichsleiterin Verschüttetensuche bei Redog, und Leichenspürhündin Nash.