Die neue Masche der Schlepper

Aktualisiert

FlüchtlingskriseDie neue Masche der Schlepper

Schlaue Menschenhändler, verzweifelte Migranten, überforderte Behörden - das Wichtigste zum Chaos im Ferienparadies Kos.

Katrin Moser
von
Katrin Moser
Am 13. August kamen erneut mehr als 200 Menschen in mindestens sechs Schlauchbooten auf der griechischen Insel Kos an.
Eine weitere Flüchtlingsgruppe wurde auf dem Meer von der Küstenwache abgeholt.
Auch dieses Mädchen hat die Übefahrt geschafft. Mit nassen Haaren steigt sie aus dem Boot.
1 / 20

Am 13. August kamen erneut mehr als 200 Menschen in mindestens sechs Schlauchbooten auf der griechischen Insel Kos an.

Angelos Tzortzinis

Zehntausende Flüchtlinge aus Syrien und anderen Staaten erreichen derzeit von der Türkei her die griechischen Inseln – und täglich werden es mehr. Europa scheint überfordert. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur aktuell grössten Flüchtlingskrise in Europa.

Was macht die Türkei, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen?

Allein im Juli 2015 erreichten 50'000 Migranten von der Türkei aus die griechischen Inseln – mehr als im ganzen vergangenen Jahr. Die türkische Küstenwache fängt regelmässig Flüchtlingsboote ab, dieses Jahr hinderte sie bereits fast 30'000 Personen an der Überfahrt. Doch die Menschen geben nicht auf: «Wir werden es jeden Tag aufs Neue versuchen», sagte etwa der syrische Flüchtling Abdul zur türkischen «Hürriyet». Einmal in der Türkei gelandet, ist dies die naheliegendste Möglichkeit, nach Europa zu gelangen.

Beamter der türkischen Küstenwache und syrische Flüchtlinge in Izmir, Türkei. (AP/Sait Serkan Gurbuz)

Alexandra Karle, Sprecherin von Amnesty International (AI), weist zudem darauf hin, dass Ankara bereits jetzt wesentlich mehr für die syrischen Flüchtlinge macht als alle europäischen Länder zusammen. «Die Türkei hat bis heute mindestens 1,6 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen, davon leben 220'000 in Flüchtlingscamps mit einem sehr guten Standard. Dafür hat das Land bis heute umgerechnet 4 Milliarden Dollar ausgegeben», so Karle zu 20 Minuten.

Die Migrationsrouten von der Türkei nach Griechenland.

Was weiss man über die Schlepper?

Während die Schlepper in der Türkei Anfang Jahr noch auf ausgediente Frachter setzten, steigen sie nun dank der ruhigen See auf kleinere Boote um. Zurzeit agieren sie vermehrt von der türkischen West- und Südwestküste aus, vor allem von Izmir und Bodrum aus. Laut Medienberichten kostet eine Bootsfahrt von der Türkei auf eine griechische Insel um die 1000 Euro pro Person. Zum Vergleich: Eine Fahrt für Touristen kostet rund 20 Euro. «Die Flüchtlinge müssen Boote und Rettungsweste aus der eigenen Tasche bezahlen», sagt Aurélie Ponthieu von Ärzte ohne Grenzen (MSF) zu 20 Minuten. Die Migrations-Expertin fährt fort: «Sie dürfen fast kein Gepäck mitnehmen. Wenn sie dann in Griechenland ankommen, haben viele von ihnen praktisch nichts mehr – nicht einmal Kleider zum Wechseln.»

Wie werden die Menschen auf Kos untergebracht?

Überwältigt vom nicht enden wollenden Andrang der Flüchtlinge, hatten die Behörden auf Kos Anfang Woche beschlossen, die Ankömmlinge in einem Sportstadion unterzubringen. Dort verbrachten rund 2000 Menschen drei Tage in der prallen Sonne – ohne Wasser, Nahrung und mit viel zu wenig funktionierenden Toiletten. Zudem mussten sie vor dem Registrierungsbüro jeweils stundenlang Schlange stehen. Ponthieu von MSF kennt die gesundheitlichen Folgen: «Allein von Dienstag bis Donnerstagmittag behandelten wir 62 Menschen.» Konkret: 33 Personen verloren infolge der Hitze das Bewusstsein, 4 weitere Personen mussten wegen unterschiedlicher Beschwerden ins Spital eingeliefert werden.

Polizisten gehen am 11. August 2015 im Stadion von Kos gegen Flüchtlinge vor. (AP/Yorgos Karahalis)

Wieso kam es am Dienstag zu den Ausschreitungen?

Die Bedingungen im Stadion seien inakzeptabel, fasst AI-Sprecherin Karle zusammen: «Da ist es nicht überraschend, dass es zu Spannungen kommt.» Ponthieu prangert zudem die unangemessen harte Reaktion der völlig überforderten Polizei an: «Die Beamten im Stadion setzten Feuerlöscher, Tränengas und Blendgranaten ein.» Resultat laut der MSF-Expertin: 4 Fälle von Panikattacken, 7 Fälle von schweren Verletzungen durch das Gedränge und 3 Fälle von Verletzungen durch Polizeigewalt.

Wie geht es für die Flüchtlinge nach der Registrierung weiter?

Mit der Registrierung erhalten die Menschen eine temporäre Aufenthaltsbewilligung für Griechenland: Syrer haben sechs Monate, Menschen anderer Nationen einen Monat Zeit, entweder das Land wieder zu verlassen oder sich bei der Polizei in Athen erneut registrieren zu lassen, wo sie auch Asyl beantragen können. Es gibt ein paar andere Stellen, wo sie dies tun können – etwa auf Samos oder Lesbos, aber nicht auf Kos. Nicht alle wollen in Griechenland Asyl beantragen, sondern über die Balkanroute in andere EU-Staaten weiterreisen. Aber alle müssen auf die nächste Fähre Richtung Festland warten – das kann erneut mehrere Tage dauern. Die Reise – rund 50 Euro pro Person – bezahlen sie aus der eigenen Tasche.

Syrische Flüchtlingsfamilie auf Kos. (AFP/Angelos Tzortzinis)

Was tun die griechischen Behörden?

Statt genügend zusätzliche Beamte für eine schnelle Registrierung der Flüchtlinge schickte Athen laut Ponthieu Bereitschaftspolizisten nach Kos: «Das ist doch absurd», sagt die MSF-Expertin. Auf ein Angebot von MSF, die griechischen Behörden zu unterstützen, hätten diese nicht einmal reagiert. «Wir baten sie, uns einen Platz zu nennen, wo wir unsere Zelte aufstellen und die Menschen unterbringen und medizinisch betreuen könnten – wir warten bis heute auf die Antwort.»

Was tut die EU?

Die EU hat Griechenland für die Bewältigung der aktuellen Flüchtlingskrise mehrere Millionen Euro angeboten. Doch bürokratische Hindernisse auf beiden Seiten verhinderten eine schnelle Überweisung, sagt Ponthieu von MSF: «Es dürfte bis September oder Oktober dauern, bis das Geld dort ankommt, wo es benötigt wird.» Und dann sei die Hochsaison für ruhige Überfahrten bereits vorbei.

Flüchtlinge kommen auf einem Gummiboot auf Kos an. (AP/Alexander Zemlianichenko)

War diese Krise vorhersehbar?

Sowohl die EU als auch Menschenrechtsorganisationen warnten seit Monaten davor. Die EU-Kommission definierte die Situation im April als Ernstfall, MSF sprach bereits im Januar von einer sich abzeichnenden Krise. «Was zurzeit in Griechenland abgeht, ist das Resultat einer verfehlten Migrationspolitik der EU», fügt Migrations-Expertin Ponthieu an.

Aurélie Ponthieu ist Migrations-Expertin bei der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF). MSF leistet auf der griechischen Insel Kos medizinische Hilfe für die Flüchtlinge. Tätig sind die MSF-Mitarbeiter beim Stadion und im ehemaligen, abbruchreifen Hotel Captain Elias. Zudem betreibt MSF mobile Kliniken und verteilt Hilfsgüter an Menschen, die sich in Parks und an öffentlichen Plätzen aufhalten.

Alexandra Karle ist Sprecherin von Amnesty International (AI) Schweiz. Migration und Flüchtlinge gehören zu den Schwerpunkten der Menschenrechtsorganisation.

Deine Meinung zählt