Europol-Fotos erkanntWie Leser Pädo-Tätern auf die Schliche kamen
Nachdem 20 Minuten über eine Foto-Erkennungsaktion von Europol berichtet hatte, konnten gleich mehrere Leser Objekte identifizieren.
Auf den ersten Blick sind es harmlose Fotos, die Europol zur Identifizierung ins Internet stellt: Der Ausschnitt eines Schlafanzugs, ein Rucksack, eine Landschaft. Die Bildausschnitte aus kinderpornografischem Material machen dennoch tief betroffen. Denn sofort wird einem bewusst: Hier, in dieser abgebildeten Umgebung, wurde ein Kind missbraucht. Und: Der Täter konnte für dieses Verbrechen noch nicht zur Rechenschaft gezogen werden. So versuchen Leute aus aller Welt, Objekte und Orte zu bestimmen.
Auch mehreren 20-Minuten-Lesern ist es gelungen, einen Tatort genau zu verorten. Leserin Selina Hunziker aus dem solothurnischen Niedergösgen erzählt: «Als ich die Bilder anschaute, erschrak ich.» Das Foto eines Tatorts – eine Hotelanlage mit Pool, einem auffälligen Geländer im Vordergrund und einem bebauten Hügel im Hintergrund – kam ihr auffällig bekannt vor.
Missbrauch in spanischem Viersternehotel
«Zwar konnte ich mich an den Namen des Hotels nicht mehr erinnern, doch wusste ich, dass ich hier vor 14 Jahren selbst Ferien gemacht hatte», erzählt Hunziker. Sie sei damals 18 Jahre alt gewesen. Es seien ihre ersten Ferien ohne Eltern, dafür mit ihrem damaligen Freund gewesen. «Ich kann mich noch genau an das Geländer erinnern», sagt sie. «Auch die Umgebung habe ich in meinem Gedächtnis abgespeichert.» Nach kurzen Recherchen im Internet und dem Vergleich von Bildern sei sie sich dann 100 Prozent sicher gewesen: «Beim abgebildeten Tatort handelt es sich um ein spanisches Viersternehotel* an der Costa Brava.»
Produkte aus der Schweiz erkannt
Auch eine Leserin aus dem Kanton Bern konnte den Ermittlern wichtige Hinweise liefern. «Ich habe zwei Artikel wiedererkannt, weil ich diese Produkte für meine Tochter verwende», sagt sie. Sie konnte einen Baby-Badezusatz und einen Nasenspray identifizieren – «beim Nasenspray weiss ich, dass es diesen nur in Deutschland und der Schweiz zu kaufen gibt». Das Bademittel habe sie zudem einmal in den USA gekauft und auf der Europol-Seite schliesslich wiedererkannt.
Europol löscht identifizierte Objekte
Während vor der Berichterstattung durch 20 Minuten 41 Fotos online zu sehen waren, sind es heute nur noch 27 Objekte, die identifiziert werden müssen. Sobald ein Gegenstand oder Ort richtig erkannt wurde, löscht Europol das Foto aus dem Internet und leitet das neu erlangte Wissen an die zuständigen Ermittler weiter.
Verbissene Internet-Detektive
Ein Blick auf Foren wie Reddit oder Twitter zeigt: Leute aus aller Welt versuchen verbissen, den pädosexuellen Tätern auf die Schliche zu kommen. Besonders analytisch geht etwa ein finnischer Twitter-Nutzer gegen die Straftäter vor. So will er etwa eine Dachterrasse 21 Kilometer nördlich der chinesischen Stadt Shenzhen ausfindig gemacht haben. «Hügel okay, Dach okay, umliegende Gebäude okay, Strasse okay, blaues Dach okay, Bogenhaushintergrund okay, grössere Häuser okay», tweetete er über seinen Fahndungserfolg.
Das Bild zum Tweet:
Wie es etwa im Fall des spanischen Hotels, das Leserin Selina Hunziker erkannt hat, nun weitergeht, will das europäische Polizeiamt nicht bekanntgeben. Claire Georges von Europol sagt dazu: «Wir wollen sicherstellen, dass der Täter nicht merkt, dass die Polizei ihm auf die Schliche kommt.» Doch die Dankbarkeit bei Europol gegenüber den Hilfsdetektiven aus dem Internet ist gross: «Thank you very much», schreibt Claire Georges von Europol via Mail an 20 Minuten.
*Name der Redaktion bekannt