Tausende gedenken Srebrenica

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Jahrestag des MassakersTausende gedenken Srebrenica

Der Trauerzug erstreckte sich über eine Länge von eineinhalb Kilometern: Rund 60 000 Menschen haben in Srebrenica des Massakers an mehr als 8000 bosnischen Muslimen vor 15 Jahren gedacht.

Radul Radovanovic
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Radul Radovanovic
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Zehntausende Menschen haben des Massakers von Srebrenica gedacht.

Zehntausende Menschen haben des Massakers von Srebrenica gedacht.

Im Vorort Potocari wurden am Sonntag 775 Särge mit den sterblichen Überresten von Opfern beigesetzt, die erst Jahre nach dem Blutbad in Massengräbern entdeckt und anhand von DNA-Tests identifiziert worden waren. Es war das bislang grösste Begräbnis von Opfern des Massakers in Srebrenica.

Allein die Namen der 775 Toten zu verlesen, dauerte 64 Minuten. Dabei handelte es sich nicht einmal um ein Zehntel aller Menschen, die bei dem Massaker 1995 ums Leben kamen. Rund 4000 Leichen sind bereits in den vergangenen Jahren nahe der Gedenkstätte in Potocari beigesetzt worden.

Srebrenica war gegen Ende des Bürgerkriegs in Bosnien am 11. Juli 1995 von bosnisch-serbischen Truppen überrannt worden. Rund 30 000 bosnische Muslime hatten sich damals in den UNO-Stützpunkt im Vorort Potocari geflüchtet, um dort Schutz zu suchen. Als die serbischen Einheiten anrückten, öffneten aber die dort stationierten niederländischen Soldaten, die sowohl hinsichtlich der Bewaffnung als auch zahlenmässig unterlegen waren, die Tore. Die Serben sortierten dann mehr als 8000 Männer und männliche Jugendliche aus und brachten sie mit Lastwagen weg. Die meisten wurden nie wieder gesehen. Es war das schlimmste Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Der damalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan räumte im November 1999 eine Mitschuld der internationalen Gemeinschaft an dem Massaker ein. Die Vereinten Nationen seien den bosnischen Muslimen auf Grund von Fehleinschätzungen nicht zu Hilfe gekommen.

Ein Überlebender berichtete am Sonntag, wie er auf der Flucht vor den bosnisch-serbischen Einheiten zahlreiche Leichen sah - vor allem an Bächen, an denen die Soldaten offenbar durstigen Flüchtlingen aufgelauert hätten. «Es war wie bei einer Jagd auf Tiere, wo man auch an Wasserstellen auf der Lauer liegt», sagte der 58-jährige Ahmet Cesko.

Serbischer Präsident Tadic bei Gedenkfeier

Einer der ersten Politiker, die zu der Gedenkfeier am Sonntag erschienen, war der serbische Präsident Boris Tadic. Sein Besuch sei als Geste der Versöhnung gedacht, sagte das serbische Präsident. «Ich heisse Sie willkommen, wir begrüssen Sie in Frieden», erklärte Kada Hotic, eine Vertreterin der Witwen von Srebrenica, während Tadic ihre Hände hielt.

Die Vereinten Nationen entsandten hingegen keinen Vertreter zu der Trauerfeier. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon werde am Montag bei einer Gedenkstunde in New York die Trauer der Organisation über die Geschehnisse in Srebrenica zum Ausdruck bringen, erklärte ein Sprecher.

Wegen des Massakers sind der damalige Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, und der damals kommandierende General Ratko Mladic vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt worden. Karadzic steht bereits vor Gericht, Mladic hingegen ist weiter flüchtig. Ausgerechnet am Vorabend des Jahrestags wurde Karadzic auf einem Treffen der von ihm mitgegründeten Serbischen Demokratischen Partei (SDS) in Banja Luka geehrt. Die Auszeichnung nahm seine Frau Ljiljana entgegen.

Mahnmal aus Schuhen in Berlin

Ein Berg von über 8000 Paar Schuhen erinnerte am Wochenende vor dem Brandenburger Tor in Berlin an das Massaker von Srebrenica. Die Schuhe - jedes Paar soll an einen Ermordeten erinnern - sollen im kommenden Jahr in Bosnien zu einem Denkmal, der «Säule der Schande», aufgetürmt werden. Die Veranstaltung hatten unter anderem die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und der Aktionskünstler und Initiator des Mahnmals, Phillip Ruch, organisiert.

Im Bosnienkrieg kamen zwischen 1992 und 1995 mindestens 200 000 Menschen ums Leben, die meisten von ihnen Muslime. Der Krieg endete formal mit dem Abkommen von Dayton, das am 21. November 1995 unterzeichnet wurde. Heute liegt Srebrenica in der Republik Srpska, dem serbischen Teil Bosniens.

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