«Kalifat» am EndeZugedröhnt – letzte IS-Jihadis leisten Widerstand
Ausgehungert und zugedröhnt: In Ostsyrien kämpfen über 300 IS-Jihadisten ihren letzten Kampf. Der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi soll bereits geflohen sein.
Ein Video aus dem Jahr 2016: 20 Minuten begab sich in die verzweigten Tunnelsysteme der Terrormiliz im Irak. (Video: Ann Guenter)
Es sind die letzten Zuckungen des stolzen «Kalifates», das die Welt über die letzten Jahre in Angst versetzte: Die von den Kurden angeführten Syrian Democratic Forces (SDF) setzen mit Unterstützung von US-Kampfjets ihrer Offensive auf das Schrumpfgebiet der Extremisten des sogenannten «Islamischen Staates» fort. In der letzten Woche waren über 10'000 IS-Familien aus der Kleinstadt Baghus in der Provinz Deir ez-Zor geholt worden oder geflohen. Hunderte IS-Kämpfer ergaben sich.
In schmutzigen Lastwagen wurden die bärtigen Männer abtransportiert, verlumpt, hohlwangig, mit abgelöschten Blicken – ein jämmerliches Bild, das ganz im Gegensatz zu jenen Zeiten steht, als sie schwer bewaffnet mit ihren glänzenden Pick-up-Konvois in die Städte und Dörfer Syriens und Iraks einfielen und Abertausende Männer, Frauen und Kinder ermordeten, versklavten und vergewaltigten.
Bis zu 1000 IS-Kämpfer harren noch aus
Aber für einige Hardcore-Islamisten im Gebiet rund um Baghus ist Aufgeben keine Option. Ihre Zahl wird auf zwischen 300 und 1000 Mann geschätzt, darunter wohl auch zahlreiche Ausländer und hohe IS-Kommandanten. «Sie liefern erbitterte Gegenwehr», berichtet ein Kommandant der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG von der Front.
«Sie beschiessen uns mit Mörsergranten und passiven Infrarot-Raketen und halten sechs, sieben Positionen. Noch sind wir nicht ins Zentrum von Baghus vorgerückt.» Der Kommandant gab sich aber zuversichtlich: «Wir halten einen strategisch wichtigen Hügel und werden zügig vorankommen.»
Das Tunnelsystem ist lebenswichtig
Dennoch wird dieser letzte SDF-Vormarsch nicht nur immer wieder durch schlechtes Wetter erschwert – die Militärfahrzeuge bleiben bei Regen im Schlamm stecken und die Sicht ist schlecht –, sondern auch durch die unzähligen Minen und Sprengfallen, die die Islamisten in tödlicher Anordnung auf Feldern, Strassen und in praktisch allen Häusern um sich herum legten.
Kommen die Tunnelsysteme hinzu, die die Islamisten in dem Gebiet im Euphrattal über die Jahre angelegt haben. Sie sind mitunter so hoch und breit, dass Motorräder und selbst Lastwagen darin fahren können. «Die Tunnels und auch die dichte Vegetation des Euphrattales sind entscheidend in der Kampfstrategie des IS», sagt der YPG-Kommandant zu 20 Minuten. So etwas wie Bewunderung schwingt in seiner Stimme mit. Er ist nicht der Einzige. Zahlreiche Kämpfer der arabisch-kurdischen SDF äusserten Respekt vor der Unbeugsamkeit der Terroristen: Es seien Gegner, die clever und auf Augenhöhe kämpften.
Drogenmissbrauch unter den IS-Leuten
Die verbleibenden IS-Jihadisten haben nichts mehr zu verlieren – nach ihrem Tod wartet ja angeblich das Paradies mit Jungfrauen auf sie. Diese Vorstellung dürfte durch den weitverbreiteten Drogenkonsum unter den IS-Extremisten zur wahnhaften Fixidee geworden sein. Haschisch, Heroin, Kokain und Aufputschpillen: Von dem Substanzenmissbrauch berichteten zahlreiche SDF-Soldaten sowie direkt aus Baghus geflohene Personen, die sich als IS-Gefangene ausgeben.
Ein Ägypter, der angab, während einer Geschäftsreise von den IS-Schergen gefangen genommen worden zu sein, hatte selbst einen grossen Sack Haschisch dabei. So stürzen sich die Extremisten zugedröhnt und ausgehungert in ihren letzten Kampf um ihr Minigebiet.
Ist Baghdadi schon weg?
Längst sind ihnen die Nahrungsmittel ausgegangen, Geflohene haben «Brot» dabei, das sie für ein Heidengeld in Baghus gekauft hatten: Es sind Klumpen aus Dreck, Gras, Mehl und Sesam. Die Versorgungslage der IS-Kämpfer und ihren Familien war in den letzten Wochen derart prekär geworden, dass es zu pragmatischen Deals gekommen sein soll: Vom IS gefangene SDF-Soldaten gegen Essen.
Offiziell bestätigt sind derlei Abkommen nicht. Ebenso wenig wie das Gerücht, das derzeit an der Front umgeht: Ein Tunnel der Jihadisten soll von Baghus bis zur nahen irakischen Grenze in die Provinz Anbar reichen. Durch dieses soll der selbsternannte Kalif und notorisch ungreifbare IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi schon seit geraumer Zeit geflohen sein. In Anbar sind zwar Amerikaner stationiert, dennoch erscheint eine Flucht Baghdadis dorthin insofern plausibel, als dass er selbst Iraker ist und die Provinz als Wiege des IS gilt, wo auch heute IS-Schläferzellen tätig sind.
Es dürfte nur noch wenige Tage dauern, bevor die SDF ihren Sieg über das letzte Gebiet des IS in Syrien verkünden. Symbolisch natürlich von hoher Bedeutung heisst das noch lange nicht das Aus für den IS. Das machen die Entführungen, Raubzüge und Morde deutlich, die IS-Schläferzellen in den «befreiten» Dörfern und Städten Syriens und Iraks fast täglich verüben.
Angst vor Terror, sollte der IS besiegt sein
Nicht wenige gehen davon aus, dass der Sieg über das «IS-Kalifat» die Welle der Gewalt erst rech lostreten werde. «Wenn die SDF ihren Sieg verkünden, meide bitte die Suhks, Cafés und Plätze auch in den vermeintlich sicheren, kurdisch dominierten Städten wie Qasmishli», warnte ein syrisch-kurdischer Freund. «Es würde mich nicht wundern, antwortete der IS auf den Triumph der SDF mit Autobomben und Selbstmordanschlägen, um seine wahre Stärke zu demonstrieren.»
Von ihrem «Kalifat», das die Jihadistenmiliz im Sommer 2014 in Teilen des Iraks und Syriens ausgerufen hatte, ist fast nichts mehr übriggeblieben. In den vergangenen zwei Jahren befanden sich die IS-Kämpfer angesichts verschiedener Offensiven ständig auf dem Rückzug. Spuren ihrer grausamen Gewaltherrschaft tauchen wiederholt auf, auch in solchen Gegenden, wo die Extremisten vor langer Zeit militärisch besiegt wurden. Die SDF gaben diese Woche die Entdeckung eines weiteren Massengrabs von IS-Opfern bekannt – diesmal in der Nähe von Baghus. Dort seien auch abgetrennte Köpfe von Frauen gefunden worden, hiess es. Vieles spricht dafür, dass sie wegen ihrer Zugehörigkeit zur religiösen Minderheit der Jesiden ermordet wurden.