«Ich habe oft mit Nokia-Stiefeln gefischt»

Aktualisiert

Bye-bye Nokia«Ich habe oft mit Nokia-Stiefeln gefischt»

Cary Steinmann hat finnische Wurzeln. Dem Markenexperten und Professor an der ZHAW School of Management and Law geht der Untergang der Handymarke auch persönlich nah.

Philipp Stirnemann
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Philipp Stirnemann
Nach der Ankündigung des Microsoft-Lumia-535-Smartphones steht fest, dass der Handy-Markenname Nokia definitiv von der Bildfläche verschwindet.

Nach der Ankündigung des Microsoft-Lumia-535-Smartphones steht fest, dass der Handy-Markenname Nokia definitiv von der Bildfläche verschwindet.

Herr Steinmann, mit der Ankündigung des Lumia 535 schaufelt Microsoft der Handy-Marke Nokia das Grab. Wie schätzen Sie den Untergang des finnischen Mobilfunkgiganten ein?

Die Ursprünge des Unternehmens lagen bei Gebrauchsgütern wie Gummistiefeln. Der Eintritt in den Kabel- und später Elektronik-Markt in den 1970er-Jahren war für Nokia zukunftsweisend. Die Positionierung mit dem Slogan «Connecting People» war genial. Der Konzern hat lange alles richtig gemacht und ist gross und stark geworden. Wie aber auch schon bei den Dinosauriern ist Nokia mit der Zeit zu fett und zu langsam geworden. Dann kam der Meteorit iPhone und hat Nokia voll getroffen. Am Schluss hat Nokia eigentlich alles, was man falsch machen konnte, falsch gemacht. Ich selber finde es richtig, dass Microsoft den Namen Nokia aufgibt, da dieser nur noch mit einem Verlierer-Image behaftet ist.

Hat Sie der Niedergang überrascht?

Das Faszinierende für mich ist, wie schnell Nokia niedergegangen ist. Da ist man über viele Jahre Weltmarktführer und beliefert vor allem die Dritte Welt mit Telefonen. Kaum aber ändert die einfache Telefonie zu einer komplexeren, hat man plötzlich nichts Konkurrenzfähiges mehr im Angebot, und das wars dann.

Was haben die Finnen falsch gemacht?

Sie haben nicht weiter ins Betriebssystem investiert und dachten sich wohl, Symbian reiche völlig aus, was nicht stimmte. Zu Nokias Unglück startete der Touchscreen des iPhones trotz anders lautender Experten-Prognosen voll durch und die Konkurrenz aus Korea tat es ihm gleich. Da konnten die alten Systeme schlicht nicht mehr mithalten. Dieser extrem schnell funktionierende Markt verzeiht höchstens einen kleinen Fehler. Bei Blackberry beispielsweise war es genauso. Apple auf der anderen Seite hat sich mit Maps zwar auch einen Fehler geleistet, allerdings nur einen kleinen. Denn eine Applikation, die nicht funktioniert, ist etwas ganz anderes als ein veraltetes Betriebssystem. – Ich glaube, die Analogie mit den Dinosauriern passt ganz gut zu Nokia. Irgendwann war es einfach vorbei.

Hat Nokia die Zeichen der Zeit ignoriert?

Ja, viel zu lange. Als 2007 das iPhone kam, dachte man noch, das Smartphone eines Managers müsse eine Tastatur haben, wie beispielsweise der Nokia Communicator. Der neue Standard kam also und Nokia hat die neuen, schnelleren und präziseren Touchscreens komplett ignoriert. Das war der grösste Fehler. Als dann auch die Business-Leute die Vorteile der Touchscreen-Technologie realisierten, war es zu spät für Nokia und der Konzern geriet in Panik. Er investierte in eine neue Produktserie, was immense Kosten verursachte. Das Problem war dann aber, dass Nokia zwar das Lumia für die ganze Welt entwickelt hatte, aber niemand das Lumia wollte.

Was halten sie persönlich vom Niedergang von Nokia?

Nokia ist ja nicht nur eine Handy-Firma. Meine Mutter war Finnin und ich bin unter anderem mit Nokia-Gummistiefeln gross geworden. Ich trug sie seinerzeit beim Angeln mit meinem Grossvater. Nicht nur deswegen war ich immer stolz auf die Firma. Ich fand stets, Nokia habe sehr gut gewirtschaftet. Immerhin: Die Gummistiefel und Lastwagenpneus, also den Low-Tech von damals, gibts noch, während die High-Tech-Geräte von der Bildfläche verschwunden sind. Schade für die Leute und ihre Karrieren, schade für die technologischen Entwicklungen.

Wo stehen Microsoft und Apple in zehn Jahren?

Das kann man nicht sagen. Wahrscheinlich wird es eine chinesische Firma sein, die alles beherrscht. Ich würde keine fünf Rappen irgendwohin spekulieren, weil ich es schlicht nicht weiss.

Symbian:

Die Symbian-Plattform, auch Symbian-OS oder nur Symbian genannt, ist ein Betriebssystem für Smartphones und PDAs. Vorgänger ist das nicht quelloffene EPOC. Die Unterstützung durch Nokia wurde Ende 2012, nachdem der Konzern lange daran festgehalten hatte, komplett eingestellt.

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