Frisierte Szene an der EMDie schöne Mär vom Jogi und dem Balljungen
Der Euro-Publikumspreis geht an den deutschen Trainer für sein Spässchen mit einem Balljungen. Dass die Szene nicht während des Spiels aufgenommen wurde wie suggeriert, wird seinen Ruhm nicht schmälern.
Es ist die 22. Minute, Deutschland kämpft sich in das Spiel gegen den Erzrivalen Niederlande: Die DFB-Elf zeigt von Anfang viel Zug zum gegnerischen Tor – und was macht Bundestrainer Jogi Löw, was? Er kaspert am Spielfeldrand mit einem ukrainischen Balljungen rum.
Lautlos und lässig Kaugummi kauend schleicht er sich von hinten an einen unschuldigen Blondschopf heran und schlägt dem Buben nassforsch den Ball weg, den dieser zwischen Unterarm und Hüfte eingeklemmt hatte. Der Bub erschrickt, der Jogi gibt ihm einen Klaps auf die Schulter, die beiden tauschen ein Lächeln aus und der Badener bringt den Ball mit einer eleganten Hacke dahin zurück, wo er hingehört: in die Hände des Balljungen.
Man muss ihn einfach lieben!
Was für eine Szene mitten in einem heissen Duell zwischen zwei verfeindeten Favoriten während einer Europameisterschaft! Was für ein cooler Nationaltrainer, der in einer solchen Situation die Musse für kleine Scherze hat! Auf YouTube wird die Sequenz sofort zum Hit – innert weniger Stunden wird sie mehr als eine Million Mal angeklickt. Der Film ist so populär, dass die bisher beliebteste Google-Suche «Jogi Löw schwul» von «Jogi Löw Balljunge» ersetzt wird. Man muss ihn einfach lieben, den Jogi!
Als der Bundestrainer allerdings nach dem Spiel vom ZDF auf die Szene angesprochen wird, fragt dieser irritiert: «War das nicht vor dem Spiel?» Tatsächlich: Die internationale Regie hat die Szene während des Aufwärmens der Mannschaften aufgenommen und in die Direktübertragung eingestreut, wie die UEFA gegenüber dem «Stern» bestätigt.
Geschönte Realität aus Polen und der Ukraine? Ohne Zweifel. Plötzlich fragt sich mancher, was die Produktionsfirma HBO sonst noch so unkommentiert während der Spiele hineinschneidet, was nicht zum unmittelbaren Spielgeschehen gehört – oder was sie weglässt.