Ernährungsexperte«Vegetarier meinen, sie seien etwas Besseres»
Udo Pollmer ist Deutschlands umstrittenster Ernährungsexperte. Der Lebensmittelchemiker hat grosse Zweifel am Sinn einer fleischlosen Ernährung. Das bringt ihm viel Ärger ein.

Streitbar: Lebensmittelchemiker und Wissenschaftsjourmalist Udo Pollmer (60).
Herr Pollmer, warum sind Vegetarier des Teufels?
Udo Pollmer: In Deutschland sind 0,3 Prozent der Bevölkerung Vegetarier. Aber die machen einen Radau wie ein Froschtümpel zur Paarungszeit.
Sie rügen diese Ernährungsform? Immerhin behaupten Vegetarier, sich besonders gesund zu ernähren.
Gesund ist eine Ersatzformulierung für «heilig». Essen macht satt und manchmal auch glücklich, aber nicht gesund, verantwortungsvoll oder schlau. Was im Diskurs noch fehlt, ist das Argument einer Wunderheilung durch vegane Ernährung. Aber das kommt bestimmt noch.
Was ist denn falsch daran, Vegetarier zu sein?
Falsch ist daran nichts. Jeder soll das essen, was ihm bekommt, die kulinarischen Vorlieben der Menschen sind schliesslich unterschiedlich. Ich kritisiere bloss die Attitüde, mit der sich Vegetarier durch ihren Verzicht zelebrieren, so nach dem Motto «Wir sind etwas Besseres». Noch viel mehr aber stört mich der von ihnen verbreitete Ernährungsunsinn.
Das müssen Sie etwas ausführen.
Anfang März verlinkte die deutsche Vegetarierlobby auf ihrer Website einen Artikel «Fleischkonsum erhöht Sterberisiko». Die Basis dieser Meldung war eine Beobachtungsstudie. In dieser wurde die Sterberate mit dem Fleischkonsum korreliert. Dabei fanden die Autoren weder einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen dem Verzehr von rotem Fleisch noch von Geflügel mit den Todesfällen. Im Artikel liest sich das aber so: «Es konnte gezeigt werden, dass der Konsum von rotem, insbesondere verarbeitetem Fleisch einen hohen Einfluss auf die Gesamtmortalität hat.» Das finde ich doch eher gewagt.
Sie sind kein Freund der Statistik.
Doch, es ist ein wunderbares Instrument, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, um dann mit den Mitteln der Forschung den Ursachen auf den Grund zu gehen. In der Ernährungswissenschaft wird jedoch unvorstellbar oft getürkt.
Das ist schwer zu glauben.
Aber leider wahr. Ioannidis, ein renommierter Statistiker aus den USA, hat Hunderte von Studien zum Thema Krebsgefahr respektive Krebsschutz durch Nahrungsmittel analysiert. Ergebnis: so wertvoll wie ein gebrauchtes Kondom.
Vegetarisch zu essen ist auch eine ökologische Haltung.
Auch auf Obstplantagen gibt es Wühlmäuse, die das Obstgut schädigen und deshalb getötet werden müssen. Sogar die Flocken fürs Müsli stammen aus Getreidesilos, in denen sich naturgemäss auch Mäuse und Ratten gütlich tun. Vegetarier geben sich gern als Engel, bei dem kein Tier leiden muss. Das aber ist falsch.
Sie müssen viele empörte E-Mails erhalten.
Ja, ich bekomme haufenweise Hassmails. Das ist normal. Auch Todesdrohungen waren schon darunter. Vegetarier gehören einer infektiösen Bewegung an.
Was ist falsch an der Annahme, man komme ohne tierische Eiweisse aus?
Die Vorstellung, tierisches Eiweiss oder Fett sei ungesund, ist absurd. Wir sind und bleiben Säugetiere. Ein Hauptanteil der Muttermilch ist tierisches Eiweiss. Es ist eine biologische Notwendigkeit, sich über Fleisch herzumachen. Schliesslich eignet sich das Voralpenland und auch die Schweiz klimatisch für Weidewirtschaft und nicht für die Bananenzucht.
Ihre Äusserung, eine Portion grüner Salat enthalte so viel Nährstoffe wie ein nasses Papiertaschentuch, hat auch Aufsehen erregt. Was ist schlecht am Salat?
Er besteht zu 92 Prozent aus Wasser, dafür bekommen Sie viel Nitrat. Kopfsalat ist Spielzeug auf dem Teller. Da ist nicht mal Vitamin C drin.
Generationen sind nun aber damit aufgewachsen, dass Salat und Obst gesund und Pflicht sind.
Haben Sie je beobachtet, dass ein Produkt, das Menschen gern essen oder trinken, als gesund empfohlen wurde? Kinder mögen keinen Spinat, also kann er nicht gesund sein. Dagegen mögen sie Pizza. Sobald Kinder etwas kollektiv mögen, ist es des Teufels. Das ist verlogen. Und was das Obst betrifft: Das Verhältnis eines Kindes zu Obst hängt primär mit seiner Magensäure zusammen. Ein Kind, das sehr wenig Säure produziert, braucht Beeren, um in Schwung zu kommen. Ein Kind, das viel Magensäure produziert, lehnt die Beeren ab, weil es zu viel Säure wäre.
Sie können nun aber die Vorteile von Gemüse und Obst nicht negieren.
Aber nicht jeder menschliche Magen ist für Rohkost geeignet. Und ohne Stärke könnten wir nicht existieren, weil wir viel Energie brauchen, um unseren Körper konstant auf 37 Grad zu halten.
In der Schweiz gibt es nur wenige Vegetarier, ähnlich wie in Deutschland. Pro Kopf vertilgen wir 1 Kilo Fleisch pro Woche. Geflügel liegt ganz vorne. Ist weisses Fleisch womöglich gesünder?
Das ist totaler Quatsch. Rot, rosa oder weiss: Das eine ein bisschen fettarmer als das andere. Es ist nicht so wichtig, was man isst. Es muss einem bekommen, und das ist auch individuell. Essen macht nicht gesünder. Jemand, der seine Ernährung ausschliesslich der vermeintlichen Gesunderhaltung des Körpers widmet, handelt genauso lebensfeindlich wie jemand, der Sex nur aus orthopädischer Sicht betreibt.
Neues Reglement für Fleischeinkauf ab 1. 7. 2014
Der Bundesrat und der Zolldirektor sehen vor, dass ab Juli 2014 neu 1 Kilogramm Fleisch pro Person und Tag in die Schweiz eingeführt werden können. Aufgehoben ist auch die Maximalmenge pro Person, wie an der Jahresmedienkonferenz der SFF bekannt gegeben wurde. Auch der Zollansatz für die Freimenge ist tiefer: Pro Kilo werden 17 Franken berechnet. Der Verband befürchtet nun tiefere Einfuhrkosten als bei bewilligungspflichtigen Importen und kritisiert die so geschaffenen Fehlanreize für grenznahen Fleischeinkäufe, die den Einklaufstourismus fördern würden.