300 Reichste der SchweizKritiker schmuggeln Anzeige ins goldene Heftli
«Sie haben die Welt ungerechter gemacht»: Ein kritisches Inserat der NGO Public Eye hat es in die «Bilanz» geschafft – und das ausgerechnet in die Reichsten-Ausgabe.
Auf Dutzenden Seiten wird in der aktuellen «Gold-Bilanz» beschrieben, wer in der Schweiz am reichsten ist und wie die Reichen ihr Vermögen angehäuft haben.
Da steht das Inserat der Schweizer Nichtregierungsorganisation Public Eye auf Seite 97, ganz am Anfang des Reichsten-Dossiers in der Ausgabe, quer in der Landschaft. Geweibelt wird für Spenden – etwa von vermögenden Personen, die «ihren Bargeldkoffer» in Afrika dazu verwendet haben, «Goldbestände aus von Kinderhand bewirtschafteten Kleinminen» zu kaufen.
Auch «Finanzakrobaten» oder Menschen, die den «einträglichen Export hochgiftiger Pestizide orchestriert» haben, werden im Inserat direkt angesprochen. «Wir suchen Sie!», steht in roten Buchstaben in der Mitte des Inserats.
Die Spitzen, die damit gegen die Reichen der Schweiz ausgeteilt werden, sind offensichtlich. Sie hätten mit ihrer Karriere dazu beigetragen, die Welt «ein Stück ungerechter» zu machen.
«Zum Nachdenken anregen»
Bei der NGO Public Eye war man sich wegen des kritischen Inhalts nicht sicher, ob es das Inserat überhaupt in die goldene «Bilanz» mit den 300 Reichsten der Schweiz schaffen würde – also in die Ausgabe, in der grosser Reichtum in grossem Umfang zelebriert wird.
Umso mehr freut man sich jetzt, dass es geklappt hat. Die Anzeige wurde extra für die aktuelle Ausgabe angefertigt, sagt Sprecher Oliver Classen: «Sie soll zum Nachdenken über den Zusammenhang von Schweizer Geld und globaler Gerechtigkeit anregen.»
Chefredaktor wusste nichts davon
Etwas weniger gross ist die Freude bei der «Bilanz» selbst. Chefredaktor Dirk Schütz wusste bis zum Anruf von 20 Minuten nichts vom genauen Inhalt des Inserats von Public Eye. Wie bei anderen Verlagen auch arbeiten die Redaktion und die Marketingabteilung getrennt voneinander, nur bei potenziellen Rechtsverstössen wird Alarm geschlagen.
Er nehme das Inserat mit Humor und empfinde es als nicht problematisch, sagt Schütz. «Inhaltlich enthält es nichts, was eine Veröffentlichung unterbinden würde.»
Dem antikapitalistischen Unterton steht der Chefredaktor zwar kritisch gegenüber – genauso wie den verbalen Spitzen, die im Inserat gegen die Reichen ausgeteilt werden. Aber alles bewege sich im vertretbaren Spektrum. «Man soll und darf ja kritisch sein», so Schütz. Ausserdem seien in den Top 300 der Reichsten in der Schweiz viele Millionäre vertreten, die bereits grosszügig an NGOs spenden.