Serie «Weg mit der Zigarette»Je mehr Nikotin, desto besser für die Branche
Die Branche erfindet sich neu, aber nicht ganz. Neue Produkte wie E-Zigaretten oder Dampfer sind hochprofitabel.
Die Tabakbranche will die Welt jetzt rauchfrei machen: Philip Morris International (PMI), der grösste internationale Zigarettenkonzern, spricht von einem «dramatischen Entschluss». Der Druck von Gesundheitsbehörden und der Zeitgeist in Europa und den USA ist so stark geworden, dass sich die Industrie als Teil der Anti-Raucher-Kampagne gibt.
Dabei ist der weltweite Markt von E-Zigaretten und Dampfern mit 10 Milliarden Dollar noch klitzeklein. Mit Filter-Zigaretten beträgt der Umsatz 700 Milliarden Dollar.
Tiefere Steuern bedeuten mehr Gewinn
Die Gewinnmargen für die Sticks oder Liquids aber sind immens, obwohl sie anders produziert werden. Schon bislang lagen die Profite der Tabakindustrie bei 30 bis 40 Prozent und entsprachen der Pharma- oder IT-Branche, was sie zu gesuchten Aktienpapieren machte. Für neue Produkte wie Iqos, das vom US-Konzern PMI in seinem Forschungszentrum am Neuenburger See für rund 2 Milliarden Dollar entwickelt wurde, liegt der Gewinnanteil noch höher: «Wenn man von den gleichen Verbrauchersteuern ausgeht, entsprecht er dem von Premiumzigaretten», teilt PMI-Sprecherin Iro Antoniadou auf Anfrage von 20 Minuten mit. Aber: Die Steuern sind tiefer.
Für Filterzigaretten gelten Tabaksteuern von 53 Prozent, für Dampfer sind sie nur bei 12 Prozent. Iqos Sticks werden mit 8 Franken jedoch fast zum gleichen Preis wie traditionelle Zigaretten verkauft. Damit kann die Steuerdifferenz als zusätzlicher Gewinn durchgehen. Am lukrativsten sind E-Zigaretten, denn für die Liquids gilt gar keine Tabaksteuer.
Ein Drittel weniger Filterzigaretten
Der Hype um die neuen Produkte ist aber auch deswegen so gross, weil die alten Zigaretten nur noch in ärmeren Ländern gut laufen, wo es kaum Präventionsprogramme gibt. Weltweit aber ist der Markt für Filterzigaretten in den letzten 14 Jahren um mehr als ein Drittel eingebrochen, so eine von Japan Tobacco International (JPI) präsentierte Statistik.
Die Analysten der Deutschen Bank sehen für die Branche dennoch bessere Wachstumsaussichten als für die Nahrungsmittelindustrie. Auch wegen den neuen Produkte. Wesentlich sei aber generell, ob Staaten tiefere Nikotinbegrenzungen setzten.
Je mehr Nikotin, desto besser für die Konzerne
Die Tabakunternehmen bleiben nämlich mit ihren Neuentwicklungen hauptsächlich aufs Nikotin konzentriert. Denn das ist der Stoff, der süchtig macht, und ist damit der Kitt zwischen Konsumenten und Konzernen. Die E-Zigaretten gibt es zwar fast alle auch nikotinfrei. Doch noch immer gilt: Je mehr Nikotin, desto besser ist das für die Industrie.
In den USA wird die E-Zigarette Juul, für die der PMI-Mutterkonzern Altria letzten Monat 13 Milliarden Dollar für eine 35 Prozent-Beteiligung gezahlt hat, mit einem Nikotingehalt von 59 Milligramm pro Milliliter verkauft. Das ist immens hoch. In der EU liegt der Grenzwert bei 20 Milligramm. Die Schweiz kennt noch keine Limite, vorerst gilt EU-Recht.
Schweiz erlaubt Export verbotener Zigaretten
«Alle unsere Produkte sollen die Konsumentengewohnheiten und den Geschmack des Marktes treffen sowie auch den jeweiligen Gesetzen entsprechen», so PMI-Sprecherin Antoniadou. Die Unterschiede zeigen sich auch bei Filterzigaretten: Für den afrikanischen Markt stellt PMI in seinen Schweizer Werken Marlboro Soft mit höheren Nikotinwerten her. Wie die Organisation für Entwicklungspolitik Public Eye in Laboranalysen herausgefunden hat, beträgt dieser 1,12 mg, in der Schweiz erlaubt ist maximal 1 Milligramm. Dieser Gesundheitsschutz gilt allerdings nicht für zum Export bestimmte Zigaretten.
Neues Gesetz
Das Gesetz hinkt den neuen E-Zigaretten und Dampfern hinterher. Das dürfte sich 2022 ändern, dann soll das Bundesgesetz für Tabakprodukte und elektronisch Zigaretten in Kraft treten. Im Parlament wird der zweite Entwurf noch diskutiert: Vorgesehen ist ein Verkaufsverbot sämtlicher Produkte an Minderjährige und die Ausdehnung der öffentlichen Rauchverbote auf E-Zigaretten. Das Werbeverbot soll für die neuen Produkte nur eingeschränkt gelten.
Und weil die drei internationalen Tabakriesen PMI, BAT und JTI Fabriken in der Schweiz haben, wo sie hauptsächlich für den Export produzieren, sollen Schadstoffgrenzwerte nicht für die ins Ausland gelieferten Zigaretten gelten. (ish)

Fang gar nicht erst an!
Wer Zigaretten raucht, schadet seinem Körper in vielerlei Hinsicht. Doch auch wer auf die weniger schädlichen Alternativen umsteigt, tut sich nichts Gutes. Denn die menschliche Lunge ist einzig und allein «für das Atmen frischer Luft ausgelegt und jede Substanz, die über längere Zeit eingeatmet wird, kann Schaden anrichten», so die Europäische Gesellschaft für Atemwegserkrankungen. Deshalb gilt: Am besten ist es immer noch, gar nicht zu rauchen!