«Meine Bahn ist sehr sicher»

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Interlaken«Meine Bahn ist sehr sicher»

Die Polizei ermittelt im tödlichen Sommerrodelbahn-Unfall auf Hochtouren. Details verrät sie keine. Der Betreiber will derweil keine Anpassungen vornehmen.

Ronny Nicolussi
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Ronny Nicolussi
Aussteigen verobten: Sommerrodelbahn auf der Heimwehfluh

Aussteigen verobten: Sommerrodelbahn auf der Heimwehfluh

Weshalb eine 26-jährige pakistanische Touristin gestern Mittag bei Interlaken den Tod fand, bleibt vorerst noch unklar. Die Kantonspolizei Bern ermittle in alle Richtungen, hiess es auf Anfrage lediglich. Die Frau wollte auf der Heimwehfluh mit einer Sommerrodelbahn zu Tal fahren. Bei der Talstation kam sie jedoch nie an.

Ein nach ihr gestarteter junger Mann sei mitten auf der Bahn auf einen leeren, stillstehenden Rodel gestossen, erzählt David Tschanz, Geschäftsführer der Heimwehfluhbahn. Er sei daraufhin aus seinem Rodel ausgestiegen und habe die beiden Rodel mit gelöster Bremse ins Tal geschoben. Von der verunglückten Frau fehlte zu diesem Zeitpunkt jede Spur. Später wurde sie wenige Meter neben der Stelle, an dem der junge Mann auf den Rodel der Pakistanerin gestossen war, in abschüssigem Gelände gefunden und geborgen.

Gelegentlich steigen Rodler aus

Dass die Frau wegen einer Fehlfunktion der Rodelbahn ums Leben gekommen sein könnte, schliesst Tschanz aus. «Sämtliche Indizien von technischer Seite sowie der Standort des Rodels weisen darauf hin, dass die Frau den Rodel angehalten und sich abgeschnallt hat und anschliessend ausgestiegen ist.» Dies, obschon das ausdrücklich verboten sei. Der Sitz des Rodels befinde sich auf einer Höhe von rund 70 Zentimetern über dem Boden. «Theoretisch könnte man an jedem Punkt der Bahn aus dem Rodel aussteigen, man darf es aber nicht», erklärt Tschanz. Denn neben der Bahn ist das Terrain teils sehr steil, so auch im Bereich, wo die verunfallte Frau geborgen wurde.

Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand den Rodel stoppt und aussteigt. Gelegentlich komme das vor, räumt Tschanz ein. Und gelegentlich gebe es auch kleinere Auffahrkollisionen. Zu grösseren Zwischen- oder gar Unfällen mit Verletzten sei es bisher aber nie gekommen. Änderungen an der Bahn seien daher keine vorgesehen, so Tschanz. Die Rodel seien gemäss internationalen Richtlinien für den Bau und Betrieb von Sommerrodelbahnen mit einem benutzerunabhängigen Bremssystemen ausgerüstet, das verhindert, dass ein Rodel die Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h überschreitet. Die Rodler selber können das Tempo individuell mit einer Betriebsbremse regulieren. Die Einrohrbahn mit 16 Rollen sei sehr sicher.

Zweifel bleiben

Zu einem anderen Ergebnis war aufgrund von Tests die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) gekommen. Wie der «Beobachter» im Mai 2008 schrieb, garantierten auf schienengeführten Rodelbahnen wegen der Fliehkräfte nur Drei- oder Vier-Punkt-Gurte die Sicherheit der Rodler. Die Bahn bei Interlaken wurde damals als eine von dreien als ungenügend gesichert eingestuft, weil es zur Sicherung lediglich einen Beckengurt gibt. Laut Tschanz handelt es sich dabei um einen Gurt, wie er in Flugzeugen zur Anwendung kommt.

Dass der Gurt bei der Pakistanerin nicht richtig geschlossen war, schloss der Geschäftsführer der Heimwehfluhbahnen aus. Die Rodler werden von Angestellten der Bahn angeschnallt. «Zufälligerweise musste der verunfallten Frau der Gurt zwei Mal geschlossen werden. Beim ersten Mal war er ihr zu eng. Der Mitarbeiter, der den Gurt schloss, konnte sich daher sehr gut an die Frau erinnern.

«Rodelanlagen sind keine Vergnügungsparks»

Auf Sommerrodelbahnen ereignen sich selten schwere Unfälle. Im August 2006 verunglückte ein elfjähriger Engländer in Saas Fee tödlich, als er in einer Kurve vom Schlitten fiel. Expertisen legten in der Folge den Schluss nahe, der Junge habe sich nicht an die Sicherheitsvorschriften gehalten. 2001 kam eine 73-Jährige ums Leben als sie wegen eines technischen Mangels vom Schlitten fiel. «90 Prozent der Rodelunfälle gehen auf Verhaltensfehler der Benutzer zurück», sagt Reto Canale, Direktor der Kontrollstelle des Interkantonalen Konkordats für Seilbahnen und Skilifte (IKSS), welch auch für die Kontrolle von Sommerrodelbahnen zuständig ist. Das Problem sei, dass die Benutzer oft glaubten sie befänden sich auf einem Rummelplatz. «Rodelanlagen sind jedoch keine Vergnügungsparks», mahnt Canale. Ein Rodel sei ein Sportgerät und dementsprechend sollte der Benutzer auch damit umgehen: «Wenn man sich an die Vorschriften hält, ist rodeln kein Problem.»

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