Schöngeist und SchlächterRadovan Karadzic - Bosniens Albtraum
Sein Traum von Grossserbien ging im schlimmsten Blutbad unter, das Europa seit dem Zweiten Weltkrieg erlebte. Poet und Psychiater, Schreibtischtäter und Kriegsverbrecher: Wer ist Radovan Karadzic?
Der Zerfall Jugoslawiens war seine Chance: Mit dem Auseinanderbrechen des Vielvölkerstaats öffneten sich Aufstiegskanäle für nationalistische Brandstifter wie Radovan Karadzic. Der gebürtige Montenegriner, der als Kind aus dem Bergdorf Petnjica ins multi-ethnische Sarajevo gekommen war und in seiner Jugend ein glühender Anhänger Marschall Titos war, ging 1989 in die Politik, um Titos Erbe zu zerstören. Dieses Ziel zumindest erreichte der politische Phantast — in Zusammenarbeit mit vielen anderen nationalistischen Totengräbern Jugoslawiens.
Psychiater und Poet
Zuvor hatte der Mann mit der imposanten Haarmähne als Psychiater gearbeitet, der sich auf Neurosen und Depressionen spezialisierte. Erste Bekanntheit erlangte er als psychologischer Betreuer des renommierten spanischen Fussballklubs FC Barcelona; später war er als Psychiater am Kosevo-Spital in Sarajevo tätig — heute das Zentrum für die Behandlung von Folter- und Kriegsopfern. Daneben schrieb Karadzic, der 1984 wegen Unterschlagung öffentlicher Gelder elf Monate in Untersuchungshaft sass, Kinderbücher und komponierte volkstümliche serbische Musik. Von 1968 bis 1990 veröffentlichte der Freizeitpoet vier Gedichtbände, von denen schon der erste den Kampfgeist der Serben bejubelte. Der gebildete Mann gehörte zu einem Kreis nationalistischer serbischer Intellektueller, die von einem Grossserbien träumten.
1989 war die Zeit reif. Mit der Gründung der radikalen Serbischen Demokratischen Partei (SDS) spielte der zum Politiker gewordene Psychiater die nationalistische Karte aus. Und die war Trumpf, damals: Schon 1991 stieg Karadzic zum unumstrittenen politischen Führer seiner serbischen Landsleute in Bosnien auf. Der Demagoge nahm kein Blatt vor den Mund: «Ihr müsst wissen, dass ihr Bosnien-Herzegowina in die Hölle stürzt und das muslimische Volk in den Untergang. Das muslimische Volk kann sich nicht verteidigen, wenn es zum Krieg kommt», drohte er den Muslimen im Oktober 1991 im Parlament in Sarajevo, als diese die Unabhängigkeit forderten.
Kriegsherr und Präsident
Und zum Krieg kam es: Nach der Ausrufung der Unabhängigkeit von Bosnien-Herzegowina im März 1992 begann die blutigste Etappe in der kriegerischen Zerlegung Jugoslawiens. Bis zum Dezember 1995 tobte der Krieg; am Ende zählte man zehntausende abgebrannte Häuser, drei Millionen Flüchtlinge und gegen hunderttausend Tote. Die bosnischen Serben, geführt vom Kriegsherren Karadzic und seinem General Ratko Mladic, rissen zeitweise fast drei Viertel des Landes an sich, begünstigt durch die Uneinigkeit ihrer Gegner, der Muslime und Kroaten. Der Krieg brachte Greuel mit sich, die Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen hatte. Der Genozid an den Muslimen gipfelte im Massaker von Srebrenica, bei dem bis zu 8000 muslimische Männer in den Wäldern um die UNO-Schutzzone herum exekutiert wurden.
Mit dem Kurswechsel des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic, der den bosnischen Serben ab 1994 seine Unterstützung entzog und den serbischen Anspruch auf die eroberten bosnischen Gebiete aufgab, begann Karadzics Stern zu sinken. 1995 bombte die NATO die bosnischen Serben an den Verhandlungstisch und zwang sie zum Friedensschluss von Dayton. Karadzic konnte sich noch ein Jahr in seiner festungsartigen Villa in Pale bei Sarajevo halten, dann gab er am 30. Juni 1996 auf internationalen Druck hin sein Amt als Präsident der bosnischen Republika Srpska auf.
Flucht und Fassade
Vom UNO-Kriegsverbrechertribunal per Haftbefehl gesucht, verschwand der Schreibtischtäter Karadzic aus der Öffentlichkeit. Nun begann ein neues Kapitel in der Biographie des Mannes, der bisher schon so viele Rollen gespielt hatte. Karadzic, von dem seit 1996 jede gesicherte Spur fehlte, wurde zum Phantom, zum «Mann in den Bergen», der im Grenzgebiet zwischen Bosnien und Montenegro vermutet wurde, möglicherweise versteckt in einem Kloster. Mit jeder fehlgeschlagenen Festnahme wuchs sein Mythos. Dabei lebte der Flüchtling — vom serbischen Geheimdienst mit einer gestohlenen Identität ausgestattet — mitten in Belgrad: hinter der Fassade des Wunderheilers Dr. Dragan Dabic versteckt, maskiert von einem bizarren Haarzopf, schwarzer Brille und weissem Vollbart. Erst im Juli 2008 wurde er festgenommen und an das UNO-Tribunal in Den Haag ausgeliefert.
Dort verteidigt sich der heute 64-jährige Schöngeist selbst, unterstützt von einem Beraterteam um den kalifornischen Anwalt Peter Robinson. Karadzic ist sich auch heute noch keiner Schuld bewusst: Er habe sich nichts vorzuwerfen, der Krieg sei ihm aufgezwungen worden, er habe lediglich als Diener seines Volkes seine «historische Rolle» gespielt. Die wahren Schuldigen sieht der gläubige orthodoxe Christ ganz woanders: Eine Verschwörung des Vatikans, der USA, Deutschlands und Österreichs hat seiner Ansicht nach die Schaffung Grossserbiens verhindert. Wie redegewandt Karadzic auch ist — es dürfte ihm schwerfallen, das Gericht von dieser paranoiden Sichtweise zu überzeugen.
Der Bosnienkrieg (1992-1995)
war der blutigste der Konflikte nach dem Zerfall Jugoslawiens. Nach neusten Angaben starben knapp 100 000 Menschen in diesem Krieg. Fast jeder zweite der 4,3 Millionen Einwohner verlor seine Heimat.
Im März 1992 hatte sich Bosnien-Herzegowina für unabhängig erklärt. Die bosnischen Serben reagierten mit der Gründung einer eigenen Republik. Aus einzelnen lokalen Schiessereien der verfeindeten Volksgruppen - Muslime, Serben und Kroaten - entwickelte sich ein Krieg mit systematischen «ethnischen Säuberungen».
Die seit Juni 1992 von serbischen Truppen eingekesselte Hauptstadt Sarajevo wurde durch eine internationale Luftbrücke versorgt. Viele Bewohner starben jedoch im Granatenbeschuss oder wurden von Heckenschützen getötet. Am 11. Juli 1995 eroberten bosnisch-serbische Truppen Srebrenica, 8000 Muslime wurden ermordet.
Im August 1994 griff die NATO mit Bombardierungen serbischer Stellungen ein, der erste Kampfeinsatz in der Geschichte des Bündnisses. Die NATO-Luftangriffe hielten bis August 1995 an.
Am 14. Dezember 1995 unterzeichneten die Präsidenten Bosniens, Kroatiens und Serbiens in Dayton im US-Bundesstaat Ohio ein Abkommen. Damit wurde der Krieg beendet. Eine internationale Friedenstruppe wurde stationiert, an der auch unbewaffnete Schweizer Soldaten beteiligt waren.
(sda)